126000254
Lesser Ury
Die Geschwister, Interieur mit Kindern, 1883.
Öl auf Leinwand auf Holz aufgezogen
Schätzpreis: € 80.000 - 100.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000254
Lesser Ury
Die Geschwister, Interieur mit Kindern, 1883.
Öl auf Leinwand auf Holz aufgezogen
Schätzpreis: € 80.000 - 100.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
 

Lesser Ury
1861 - 1931

Die Geschwister, Interieur mit Kindern. 1883.
Öl auf Leinwand auf Holz aufgezogen.
Links unten signiert. 100 x 80 cm (39,3 x 31,4 in).
[MH].

Lesser Ury gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter des Impressionismus in Deutschland.
• Während Ury später vor allem für seine Berliner Straßenszenen und Café-Interieurs berühmt wird, sind Kinderporträts aus seiner frühen Schaffensphase extrem selten.
• Rares Dokument bürgerlicher Kindheit im 19. Jahrhundert – jenseits idealisierter Genrebilder zeigt Ury hier authentische Porträtkunst und fängt einen privaten, ungestellten Moment ein.
• Bereits 1891 in der Münchner Jahresausstellung im Glaspalast ausgestellt
.

PROVENIENZ: Julius Elias, Berlin (wohl 1899 erworben bei Lepke, Berlin).
Curt Goldschmidt, Berlin (ab spätestens 1921).
Bayerische Staatsgemäldesammlung, München (erworben 1972 Neumeister, München).
Restitution an die Erben nach Curt Goldschmidt (2026).

AUSSTELLUNG: Münchner Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen, Königlichen Glaspalast, München, 1891, Kat.-Nr. 1590.
Lesser Ury, Salon Keller & Reiner, besprochen von Maximiliane Rapsilber, in: Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für illustriertes Judentum, Hg. v. Leo Winz, 1905, Sp. 14 (m. Abb.).

LITERATUR: Rudolf Lepke's Kunst-Auctions-Haus, Berlin, 1178. Auktion, 25.4.1899, Los 57.
Adolph Donath, Lesser Ury, Berlin 1921, S. 67 (m. Abb. 32).
Kunsthaus Lempertz, Köln, 409. Auktion, 23.-24.10.1940, Los 159.
Kunstpreis-Verzeichnis, Band 2, Weltkunst-Verlag: Auktionsergebnisse vom 1.7.1940-30.6.1940, S. 96, Nr. 992.
Galerie Neumeister, München, 19.5.1969, Nr. 353 (m. Abb.).
Bayerische Staatsgemäldesammlung (Hrsg.), Neue Pinakothek. Erläuterungen zu den ausgestellten Werken, München 1981, S. 350 (m. Abb.).
Carla Schulz-Hoffmann, Christoph Heilmann (Hrsg.), Wegweiser durch die Sammlung der Neuen Pinakothek und die Staatsgalerie moderner Kunst, München 1985, Inv. Nr. 14275.
Hans F. Schweers, Genrebilder in Deutschen Museen. Verzeichnis der Künstler und Werke, München 1986, S. 336, 339 (m. Abb.).
Joachim Seyppel: Lesser Ury. Der Maler der alten City. Leben, Kunst, Wirkung, Berlin 1987, Nr. 31.
Hermann A. Schlögl, Hannah Katzenstein (Hrsg.), Der Teufel hole die Kunst. Briefe von Lesser Ury an einen Freund, Berlin 2000, S. 66 (m. Abb.).
ARCHIVALIEN:
Auflistung von Werken Lesser Urys mit Eigentümern für die Lesser Ury Gedächtnis Ausstellung in Berlin, 1931, darunter "Die Geschwister, 83" von Kurt Goldschmidt, Halensee, Zentralarchiv Berlin, SMB-ZA, I-NG 0729, Bl. 2.
Brandenburgisches Landeshauptarchiv, BLHA Potsdam, REP 36A, 11822, Vermögensverwertung Nachlass Joseph Goldschmidt 1935, darin Versteigerungsauftrag für Vermögen Curt Goldschmidt an Edgar Lach, darin Position 207: Ölbild "Lesser Ury Kinderszene", Schätzpreis 800,- RM.

Das Gemälde "Die Geschwister, Interieur mit Kindern" (1883) von Lesser Ury steht exemplarisch für jene intime Bildwelt, die innerhalb des deutschen Impressionismus eine eigenständige Position einnimmt. Während Künstler wie Liebermann oder Slevogt stärker auf gesellschaftliche Szenen fokussiert sind, entwickelt Ury hier eine introspektive Bildsprache, die weniger narrativ als vielmehr atmosphärisch geprägt ist. Im Zentrum stehen Licht, Stimmung und eine subtile psychologische Präsenz.
Charakteristisch für Urys Malerei ist seine ausgeprägte Sensibilität für natürliches Licht. In unserem Werk fällt dieses durch das Fenster in den Raum ein und durchdringt die Szene in differenzierten Abstufungen. Die Komposition zeigt drei Kinder in einem einfachen Innenraum, dessen Wirkung maßgeblich durch dieses einfallende Tageslicht bestimmt wird. Das Licht modelliert die Figuren nicht scharf, sondern löst ihre Konturen in weichen Farbübergängen auf. Ury arbeitet hier mit fein abgestuften, erdigen Tönen, die eine ruhige Bildsprache erzeugen. Der Innenraum wird dadurch zu einem Ort der Kontemplation. Auffällig ist die stille Versunkenheit der Kinder. Ihre Tätigkeiten, das Lesen, aus dem Fenster Schauen und scheinbar beiläufige Spiel mit Blumen, entfaltet keine erzählerische Dynamik, sondern verstärkt den Eindruck der inneren Versunkenheit. Kindheit erscheint nicht als idyllisches Motiv, sondern als Zustand stiller Beobachtung.
Innerhalb von Urys Œuvre kommt diesem Werk eine besondere Stellung zu. Der Künstler ist vor allem für seine stimmungsvollen urbanen Szenen bekannt, regennasse Straßen, nächtliche Boulevards und lichtdurchflutete Cafés, die das pulsierende Leben der modernen Großstadt einfangen. Intime Interieurs mit einer derart sorgfältig inszenierten Lichtführung stellen dagegen eine vergleichsweise seltene Werkgruppe dar. Gerade diese Verbindung von häuslicher Ruhe und subtiler Belichtung verleiht dem Gemälde eine besondere kunsthistorische Bedeutung. [MH].

Das 1883 entstandene Gemälde "Die Geschwister, Interieur mit Kindern" von Lesser Ury ist ein bedeutendes Dokument jüdischer Sammlerkultur der frühen Moderne.
Seine Provenienz beginnt mit dem Berliner Kunsthistoriker und Publizisten Dr. Julius Elias, einem der wichtigsten Förderer der Berliner Secession und frühen Unterstützer Urys. Er erwarb das Werk vermutlich bereits 1899 bei Rudolf Lepke.
Spätestens 1921 befand sich das Gemälde jedoch im Besitz des jüdischen Berliner Bankiers Dr. Curt Goldschmidt (1873–1940), Inhaber des Bankhauses Joseph Goldschmidt & Co. Er gehörte zur Berliner Finanzelite und lebte sowohl in einer Villa in Radebeul als auch in seiner Berliner Stadtwohnung in der Stülerstraße. Nach der Scheidung von seiner ersten Ehefrau Mary Sophie Estin heiratete er 1926 Helene Berger. Ihre gemeinsame Tochter Evelyn May Dolly Goldschmidt (10.2.1928 – 8.3.1938) starb im Exil im Alter von zehn Jahren. Das Gemälde hing nachweislich bis 1935 im Kinderzimmer der Tochter Evelyn.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 geriet die Familie Goldschmidt zunehmend unter Druck. Im Zuge der wirtschaftlichen Verfolgung wurde schließlich ein Konkursverfahren eröffnet. Die Versteigerung der Konkursmasse erfolgte am 10./11. Dezember 1935 durch Edgar Lach; unter den Objekten befand sich auch das hier angebotene Gemälde unter dem Titel "Kinderszene" mit einem Schätzpreis von 800 RM. Zwei Jahre später floh Goldschmidt mit seiner Familie nach Paris, wo sie während der deutschen Besatzung unter prekären Bedingungen lebten.

Die weitere Provenienz des Bildes ist zunächst lückenhaft. Erst 1940 ist das Werk wieder nachweisbar: Beim Kölner Auktionshaus Lempertz wurde es mit dem Vermerk "aus nicht arischem Besitz" für 220 RM verkauft; Einlieferer und Käufer sind gleichwohl bis heute unbekannt.

Spätestens 1969 aber gelangte das Gemälde in den Bestand des Kunsthändlers Rudolf Neumeister, der eine bedeutende Sammlung von Werken Urys besaß. 1972 wurde es über seine Galerie von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erworben.
2026 wurde das Kunstwerk an die Erben nach Curt Goldschmidt als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zurückgegeben und kann damit heute frei von Restitutionsansprüchen angeboten werden. [CFN].





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