Auktion: 606 / Evening Sale am 12.06.2026 in München → Lot 126000300
126000300
Hermann Max Pechstein
Zwei liegende Mädchen, 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 1.500.000 - 2.000.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000300
Hermann Max Pechstein
Zwei liegende Mädchen, 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 1.500.000 - 2.000.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Hermann Max Pechstein
1881 - 1955
Zwei liegende Mädchen. 1910. Verso das Stillleben "Holzfigur mit Tulpen". 1914.
Öl auf Leinwand.
Das Stillleben rechts oben monogrammiert und datiert "1914". 67 x 74 cm (26,3 x 29,1 in), Sichtmaß im Spannrahmen. [JS].
• "Zwei liegende Mädchen" (1910): Meisterwerk der Moderne aus der Hochphase der "Brücke".
• Wilde Farben - Freier Geist: Radikal innovativ hinsichtlich Komposition, Perspektive und Farbgebung.
• Doppelseitig spektakulär: Zwei expressionistische Meisterwerke auf einer Leinwand.
• Bis in die 1960er Jahre Teil der Sammlung des frühen und wichtigen Expressionismus Kenners Dr. Karl Lilienfeld (1885-1966).
• Lange verborgen und nun wieder zu sehen: Zuletzt seit fast 50 Jahren Teil einer internationalen Privatsammlung.
• Museale Qualität: Vergleichbare Gemälde sind heute Teil wichtiger Sammlungen weltweit, u.a. der Neuen Galerie, New York, des Saint Louis Art Museum, sowie des Brücke-Museums und der Neuen Nationalgalerie, Berlin.
PROVENIENZ: Dr. Karl Lilienfeld, Leipzig/Berlin/New York (- 1960er Jahre).
Robert Mayer, Winnetka/USA (in den 1960er Jahren beim Vorgenannten erworben).
Richard Feigen Gallery, New York.
Galerie Maison Bernard, Caracas/Venezuela.
Privatsammlung (1976 vom Vorgenannten erworben).
LITERATUR: Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, WVZ-Nr. 1910/39 (Vorderseite, hier unter dem Titel "Zwei liegende Mädchen auf einem Bett") u. WVZ-Nr. 1914/4 (Rückseite), jeweils mit Farb.-Abb..
„Der Versuch, den ersten, unmittelbaren Eindruck einzufangen, führte in Pechsteins Ölgemälden zu einer zuvor nicht erreichen Expressivität. Im Sommer 1910 [..] betont er nun die farbigen Flächen und kontrastierte diese durch dunkle Umrandungen. Während der gemeinsamen Arbeit mit Kirchner und Heckel veränderte Pechstein seinen Malstil so sehr, dass einige seiner Figurenbilder nicht nur motivisch, sondern auch stilistisch denen von Kirchner oder Heckel näher sind als jemals vor- oder nachher.“
Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 51.
„Es scheint, als wollten die Maler die Prinzipien ihrer Viertelstundenakte der frühen Brücke-Zeit auf die Leinwand übertragen. Die Ölfarbe aus den Tuben verdünnten sie mit Terpentin und trugen die leuchtenden Farben in schnellen und breiten Pinselstrichen auf die Leinwand auf. Nackte Körper wurden auf einige Umrisslinien reduziert.“
Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 50.
1881 - 1955
Zwei liegende Mädchen. 1910. Verso das Stillleben "Holzfigur mit Tulpen". 1914.
Öl auf Leinwand.
Das Stillleben rechts oben monogrammiert und datiert "1914". 67 x 74 cm (26,3 x 29,1 in), Sichtmaß im Spannrahmen. [JS].
• "Zwei liegende Mädchen" (1910): Meisterwerk der Moderne aus der Hochphase der "Brücke".
• Wilde Farben - Freier Geist: Radikal innovativ hinsichtlich Komposition, Perspektive und Farbgebung.
• Doppelseitig spektakulär: Zwei expressionistische Meisterwerke auf einer Leinwand.
• Bis in die 1960er Jahre Teil der Sammlung des frühen und wichtigen Expressionismus Kenners Dr. Karl Lilienfeld (1885-1966).
• Lange verborgen und nun wieder zu sehen: Zuletzt seit fast 50 Jahren Teil einer internationalen Privatsammlung.
• Museale Qualität: Vergleichbare Gemälde sind heute Teil wichtiger Sammlungen weltweit, u.a. der Neuen Galerie, New York, des Saint Louis Art Museum, sowie des Brücke-Museums und der Neuen Nationalgalerie, Berlin.
PROVENIENZ: Dr. Karl Lilienfeld, Leipzig/Berlin/New York (- 1960er Jahre).
Robert Mayer, Winnetka/USA (in den 1960er Jahren beim Vorgenannten erworben).
Richard Feigen Gallery, New York.
Galerie Maison Bernard, Caracas/Venezuela.
Privatsammlung (1976 vom Vorgenannten erworben).
LITERATUR: Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, WVZ-Nr. 1910/39 (Vorderseite, hier unter dem Titel "Zwei liegende Mädchen auf einem Bett") u. WVZ-Nr. 1914/4 (Rückseite), jeweils mit Farb.-Abb..
„Der Versuch, den ersten, unmittelbaren Eindruck einzufangen, führte in Pechsteins Ölgemälden zu einer zuvor nicht erreichen Expressivität. Im Sommer 1910 [..] betont er nun die farbigen Flächen und kontrastierte diese durch dunkle Umrandungen. Während der gemeinsamen Arbeit mit Kirchner und Heckel veränderte Pechstein seinen Malstil so sehr, dass einige seiner Figurenbilder nicht nur motivisch, sondern auch stilistisch denen von Kirchner oder Heckel näher sind als jemals vor- oder nachher.“
Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 51.
„Es scheint, als wollten die Maler die Prinzipien ihrer Viertelstundenakte der frühen Brücke-Zeit auf die Leinwand übertragen. Die Ölfarbe aus den Tuben verdünnten sie mit Terpentin und trugen die leuchtenden Farben in schnellen und breiten Pinselstrichen auf die Leinwand auf. Nackte Körper wurden auf einige Umrisslinien reduziert.“
Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 50.
Der Moritzburger Sommer 1910: "Zwei liegende Mädchen" und der reife „Brücke“-Stil
Als erster "Brücke"-Künstler zieht Hermann Max Pechstein 1908 mit 26 Jahren von Dresden in die Kunstmetropole Berlin. Der junge Maler liebt das großstädtische Nachtleben, Musik, Tanz, Theater und den Zirkus, zugleich aber fühlte er sich auch geradezu magisch von der Natur und dem Ideal absoluter Freiheit und Ungezwungenheit angezogen. Nachdem Pechstein den Sommer 1909 erstmals zurückgezogen vom hektischen, sich rasant beschleunigenden Großstadtreiben in dem kleinen Fischerdorf Nidden an der kurischen Nehrung verbracht hatte, kommt es mit dem gemeinsamen Aufenthalt mit Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel an der Moritzburger Seen bei Dresden im Sommer 1910 zu jenem hinsichtlich seiner kunsthistorischen Bedeutung kaum zu überschätzenden gemeinsamen Sommeraufenhalt der „Brücke“-Künstler fern der Großstadt. Der qualitativ herausragende malerische Ertrag dieser wenigen Wochen gilt heute in der Kunstgeschichte der europäischen Moderne als eines der bedeutendsten Kapitel. Es ist dieser Aufenthalt auf dem Land bei Dresden, während dem der gemeinsame, heute weltberühmte „Brücke“-Stil der jungen, progressiven Künstler seinen absoluten Höhepunkt erreicht: Scharfkantig, flächig, frei, spontan und ungeheuer farbgewaltig ist die Malerei der drei jungen Künstler, die im Sommer 1910 entsteht. Bereist 1907 hatten Pechstein und Kirchner erstmals in einem kleinen Dorf südlich von Dresden Akte skizziert, danach beschränkte sich für Pechstein – der 1908 nach Berlin gezogen war – die gemeinsame Arbeit auf die Besuche der „Brücke“-Künstler in seinem kleinen Berliner Dachatelier in der Durlacher Straße. Dort kommt es im Frühjahr 1910 dann zu dem alles entscheidenden Plan der drei Künstlerfreunde: „Als wir in Berlin beisammen waren, vereinbarte ich mit Heckel und Kirchner, dass wir zu dritt an den Seen um Moritzburg nahe Dresden arbeiten wollten. […]. Als ich in Dresden ankam und in dem alten Laden in der Friedrichstadt abstieg, erörterten wir die Verwirklichung unseres Planes. Wir mussten zwei oder drei Menschen finden, die keine Berufsmodelle waren und uns daher Bewegungen ohne Atelierdressur verbürgten. Ich erinnerte mich an meinen alten Freund […] Er wies uns an die Frau eines verstorbene Artisten und ihre beiden Töchter. Ich lege ihr unser ernstes künstlerisches Wollen dar. […] sie [war] damit einverstanden, dass ihre Töchter sich mit uns nach Moritzburg aufmachten.“ (Hermann Max Pechstein, Erinnerungen, Stuttgart 1993 [Erstausg. Wiesbaden 1960], S. 41-42). Als Modelle begleiteten die Künstler also die heute durch die Gemälde der „Brücke“-Künstler weltberühmte Artistentochter Fränzi Fehrmann und ihrer älteren Schwester Johanna Rosa. Für das vorliegende, in leuchtend, spontan und flächig auf die Leinwand gesetzten Rot-, Pink- und Gelbtönen ausgeführte Gemälde „Zwei liegende Mädchen" haben nach Pechsteins Werkverzeichnis-Autorin Aya Soika ebenfalls die beiden Schwestern Pechstein als Modelle gedient. Fränzi vor allem sollte auch durch Kirchners berühmtes Gemälde „Artistin“ (1910, Brücke-Museum, Berlin) und Pechsteins „Sitzendes Mädchen“ (1910, Nationalgalerie, Berlin) und „Das gelbschwarze Trikot“ (1910, Brücke-Museum, Berlin) in die Kunstgeschichte eingehen. All dies sind herausragende Zeugnisse dieses einzigartigen Sommer 1910, den die drei „Brücke“-Künstler, Kirchner, Heckel und Pechstein fernab der Großstadt ganz ihrer von allen Normen losgelösten Malerei in wilden Farben und freien, scharfkantigen Formen gewidmet haben. Inspiriert von dem starken avantgardistischen Geist dieses alles entscheidenden Jahres ist Pechstein mit „Zwei liegende Mädchen“ etwas Gewaltiges gelungen: Ungemischt und flächig hat er das Rot des Bettes auf die Leinwand gesetzt, das Möbelstück wird - jegliche Regeln der Perspektive verneinend - frontal und in Aufsicht zugleich wiedergegeben und nimmt vollflächig fast die gesamte Malfläche ein. Aya Soika schreibt zu dieser bedeutenden Phase: „Es scheint, als wollten die Maler [der „Brücke“ im Sommer 1910] die Prinzipien ihrer Viertelstundenakte der frühen Brücke-Zeit auf die Leinwand übertragen. Die Ölfarbe aus den Tuben verdünnten sie mit Terpentin und trugen die leuchtenden Farben in schnellen und breiten Pinselstrichen auf die Leinwand auf. Nackte Körper wurden auf einige Umrisslinien reduziert. […] Der Versuch, den ersten, unmittelbaren Eindruck einzufangen, führte in Pechsteins Ölgemälden zu einer zuvor nicht erreichen Expressivität.“ (Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 50)
Berlin 1910: Die Neue Secession und die skandalöse Malerei der „Brücke“
Pechstein, Kirchner und Heckel, diese jungen, progressiven Künstler, sollten den etablierten akademischen Kunstbetrieb mit ihrer motivisch und ästhetisch vollkommen neuartigen und unangepassten Malerei tüchtig aufmischen. Gerade auch Pechstein lässt in Berlin keine Gelegenheit für eine künstlerische Provokation verstreichen: Bereits im April 1909 sorgt er mit dem heute verschollenen, mehrfigurigen Aktgemälde "Das gelbe Tuch", das von den damaligen Ausstellungsbesuchern unter anderem als "das Äußerste an sinnlicher Ungeniertheit" beschrieben wurde, auf der Ausstellung der Berliner Secession, unter der Leitung von Max Liebermann, für Aufsehen. Das alles aber bremst den damals 28-jährigen Maler nicht, denn noch im gleichen Jahr macht er mit seinem alle Konventionen hinter sich lassenden Entwurf für das berühmte Plakat der 1. Ausstellung der Neuen Secession, aller von der Berliner Secession zurückgewiesenen Künstler, erneut Furore: Er zeigt eine nackte Amazone nach dem Modell seiner späteren Frau Lotte, mit Pfeil und Bogen, roten Lippen und dichtem schwarzen Haar. Und schließlich ist es auf dieser legendären 1. Ausstellung der Neuen Secession, die vom 15. Mai bis zum 15. Juli in der Galerie Macht in der Rankestrasse stattfindet, das heute verschollene Gemälde "Weib" (1910), das erneut einen Aufschrei in der Berliner Kunstwelt auslöst. Wie in unserer herausragenden Komposition „Zwei liegende Mädchen“ zeigt auch dieses damals im als "Schreckenskammer" verspotteten "Brücke"-Raum präsentierte Gemälde das Modell in provokanter Pose, nackt auf einem Bett lagernd. Die überzeichneten, "barbarischen Formen" und die "stechenden Farben" (zit. nach: ebd., S. 269), die in der damaligen Presse großes Entsetzen hervorrufen, hat Pechstein in seiner wenig später in Moritzburg entstandenen Komposition „Zwei liegende Mädchen“ ein weiteres Mal auf die Spitze getrieben. Waren seine expressionistischen Akte für den damaligen Kunstgeschmack noch deutlich zu viel so gilt diese von allen Traditionen befreite Malweise heute als Inbegriff des Expressionismus und damit als eines der bedeutendsten Kapitel, welches die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu bieten hat.
"Im Café des Westens, im 'Größenwahn', summte es […]. Wir Abgelehnten waren uns einig es nicht dabei bewenden zu lassen und eine Gegenausstellung zu veranstalten. Wir gründeten die Neue Secession und sammelten für sie die Namen aller derjenigen, die uns als Mitkämpfer erschienen. Ich selbst kam so in Verbindung mit der Gruppe des 'Blauen Reiters' in München, mit Franz Marc, August Macke und Kandinsky. [...] Ich hatte ein Plakat lithographiert, eine kniende Frauengestalt, die einen Pfeil vom Bogen abschoss. Jetzt wurde natürlich die Spaltung noch krasser. In der Presse und im 'Größenwahn' tobte erbittertes Gezänk. Die Geister prallten aufeinander und wir von der jungen Generation hatten unseren Spaß daran […]. Man bespie unsere Bilder, auf die Rahmen wurden Schimpfworte gekritzelt, und ein Gemälde von mir, ein liegender Akt in goldigem Gelb wurde von einem Missetäter mit einem Nagel [...] durchbohrt. Wieder festigte sich in diesem Kampf das Gemeinschaftsgefühl der 'Brücke'."
Max Pechstein, Erinnerungen, Nachdruck der Ausgabe Wiesbaden 1960, Stuttgart 1993, S. 41.
Einzigartig und revolutionär ist die Malerei der „Brücke“ und doch ist sie niemals gänzlich losgelöst aus der kunsthistorischen Tradition, mit der es sich zu konfrontieren gilt, und die sie mit freiem Geist und wilden Farben mutig überwindet. Und so hat sich Pechstein unter anderem mit der kunsthistorischen Tradition des lagernden weiblichen Aktes auseinandergesetzt, die bis zu Giorgiones und Tizians weltberühmtem Renaissancegemälde der "Schlafenden Venus" (1510, Gemäldegalerie alter Meister, Dresden) zurückreicht, das Pechstein aus Besuchen der Dresdner Gemäldegalerie sicher bekannt gewesen sein wird. Pechsteins heute verschollenes Aktgemälde "Weib" (1910), dass kompositorisch deutliche Bezüge zu Henri Matisse „Nu bleu“ (1907, Baltimore Museum of Art) aufweist, lässt sich ebenfalls in diese Tradition einreihen, als deren berühmtestes Beispiel heute Eduard Manets großformatiges Skandalgemälde „Olympia“ (1863, Musée d` Orsay, Paris) gilt. Pechstein, der von Dezember 1907 an mehrere Monate in der französischen Kunstmetropole gelebt hat, wird dort sicherlich auch Manets berühmte „Olympia“ im Louvre, seinem damaligen Standort, bewundert haben, jenes Bild, das im Pariser Salon von 1865 aufgrund seiner Malweise und seiner unsittlichen Motivik einen der bis dato größten Skandale der europäischen Kunstgeschichte ausgelöst und auf diese Weise schnell Furore gemacht hat. Manet, der als einer der Wegbereiter der europäischen Moderne gilt, hatte mit seinem Gemälde „Déjeuner sur l’herbe“ (1863, Musèe d’Orssay, Paris) aufgrund der zur Schau gestellten Nacktheit noch ein weiteres Mal die etablierten Vorstellungen von Sittlichkeit aufs gröbste verletzt. Mit diesem Bild, das im Entstehungsjahr von der Jahresausstellung des „Salon de Paris“ zurückgewiesen wurde und daraufhin in der Protestausstellung des neu gegründeten „Salon des Refusés (Salon der Zurückgewiesenen)“ gezeigt wird, gilt als der entscheidende Grundstein für jenen Aufbruch in die Malerei der europäischen Moderne. Jener berühmte und folgenschwere Bruch innerhalb der Pariser Malerschaft, von Manets unangepasster Malerei initiiert, sollte auch in den anderen europäischen Kunstmetropolen zum Vorbild werden, wie etwa in Berlin, wo die gewaltigen Malerei der jungen „Brücke“-Künstler im Jahr 1910, fast fünfzig Jahre nach Manet, die Gründung der Neuen Secession un deren als Protestausstellung der Zurückgewiesenen initiierten 1. Jahresausstellung unumgänglich machte. Es ist also gewiss kein Zufall, dass Pechstein im „Brücke“-Raum dieser 1. Ausstellung der Neuen Secession das heute verschollene, lässig lagernde Aktgemälde "Weib" (1910) präsentiert hat, das fast fünfzig Jahre nach Manets „Olympia“ einen vergleichbaren Skandal unter den Berliner Ausstellungsbesuchern auslösen sollte. In der bürgerlichen Berliner Gesellschaft des deutschen Kaiserreiches in der sich ausgehend von dem langjährigen Direktors der Königlichen Hochschule der Bildenden Künste Anton von Werner, der diese Amt bis 1915 über insgesamt vierzig Jahre ausüben sollte, hatte sich eine konservative Salonmalerei etabliert und konserviert, die erstmals 1899 durch die erste Ausstellung der Berliner Secession unter der Leitung von Max Liebermann herausgefordert werden sollte, die fortan eine neue, freie und impressionistische Malerei zu etablieren begann. 1910 aber war der vormals progressive Liebermann selbst zur reaktionären Kraft geworden, da unter seiner Leitung die als skandalös empfundene Malerei der jungen „Brücke“-Künstler für die Jahresausstellung abgelehnt wird, was 1910 schließlich zum Auslöser für die Abspaltung der Neuen Secession wird. Gleich nach dem Ende dieser Ausstellung bricht Pechstein Mitte Juli zusammen mit Kirchner und Heckel an die Moritzbugerseen bei Dresden auf. Dort entsteht auf dem Höhepunkt des scharf konturierten, flächigen und maximal farbgewaltigen „Brücke“-Stils neben zahlreichen heute in wichtigen Museumssammlungen befindlichen Gemälden, auch die vorliegende Komposition „Zwei liegende Mädchen“. Auf der leuchtend roten, fast monochom gehaltenen Farbfläche des Bettes hat Pechstein die radikal antiakademische Szenerie aus einem nackten und einem bekleideten Modell eingefangen und die locker und frei gesetzen, gelben, weißen, roten und blau-grünen Farbflächen der Haut zu dem leuchtenden Rot des Bettes und dem tiefen schwarz-blau des Rockes in Kontrast gesetzt. Ähnlich wie in Kirchners ebenfalls 1910 nach dem Modell von Fränzi entstandenen Gemälde „Artistin“ (1910, Brücke-Museum, Berlin), das vermutlich ebenfalls an einem der Regentag im Moritzburger Sommer 1910 entstanden ist, zeichnet sich auch „Zwei liegende Mädchen“ durch die fächige Malweise, die wenigen, leuchtend und mutig nebeneinander gesetzten Farben, und die radikal moderne Perspektive aus. Genau wie Kirchner überzeugt auch Pechsteins Souveränität mit der er die Figuren ins Format setzt und frei bleibende Flächen sowie spannungsvolle Diagonalen im Sinne einer äußerst mutigen und qualitativ herausragenden Komposition zu nutzen weiß.
"Zwei liegende Mädchen" / "Holzfigur mit Tulpen" – Ein doppelseitiges Meisterwerk und lange gehütetes Geheimnis der Moderne
Pechsteins „Zwei liegende Mädchen“ aber verbirgt auf der Rückseite der Leinwand mit „Holzfigur und Tulpen“ noch eine weiteres expressionistisches Gemälde. Anfang des Jahres 1914, also vier Jahre nach „Zwei liegenden Mädchen“, hat Pechstein in seinem Berliner Dachatelier in der Offenbacher Straße 8 aus Materialmangel und wirtschaftlicher Not heraus die Leinwand für ein Stillleben wiederverwendet. Um 1910/11 war Pechsteins wirtschaftliche Situation nach eigener Aussage besorgniserregend: "Noch immer langte es in meiner Berliner Existenz nicht, weder hinten noch vorn. […ich] arbeitete [...] wild und übertäubte den Hunger mit Kaffeetrinken und Tabakrauchen. […] Gegen Ende des Winters kam Kirchner aus Dresden und bezog ein Atelier nebenan. Der Plan, durch eine gemeinsame Malschule unsere wirtschaftlichen Verhältnisse zu sanieren, mißglückte jedoch." (Max Pechstein, Erinnerungen, Nachdruck der Ausgabe Wiesbaden 1960, Stuttgart 1993, S. 46.) Und auch Anfang 1914, kurz vor seiner Paulau-Reise, die Pechstein nur aufgrund eines horrenden Vorschuss seines Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt antreten kann, hat sich sein Lebensstil nur geringfügig verbessert. Er war auf regelmäßige Einnahman aus Kunstverkäufen angewiesen aber äußerst progressive Komposition „Zwei liegende Mädchen“ war nach fast vier Jahren noch immer unverkauft geblieben, weshalb sich der Künstler schließlich entschließt sie fortan zur Rückseite eines gemäßigteren aber kompositorisch ebenso überzeugenden Stilllebens zu erklären. Kompositionsbeherrschend ist der spannungsvolle Diagonalbezug, der sich zwischen den fünf leuchtenden Orangen und den drei ebenso farbintensiven Tulpen aufbaut und der in einer kreisenden Bewegung alle anderen Elemente des Stilllebens, die ozeanische Holzfigur, die beiden Schalen sowie das stark angeschnittene Bett mit der gemusterten Decke in meisterlich arrangierter Ausgewogenheit in die Komposition integriert. Während Pechsteins expressionistische Akte noch deutlich zu viel für den zeitgenössischen Kunstgeschmack waren, sind seine raffinierten Stillleben, weniger provokant und deshalb schneller verkäuflich. Und so findet „Holzfigur mit Tulpen“ schließlich Eingang in die bedeutende Sammlung des Kunsthistorikers und späteren amerikanischen Kunsthändlers Dr. Karl Lilienfeld, der von 1912 bis 1926 die Leitung des Leipziger Kunstvereins inne hat und sich früh für die Malerei des deutschen Expressionismus zu begeistern beginnt. 1926 wechselte er als Kunsthändler nach New York, wo er das Gemälde in den 1960er Jahren nachweislich in eine amerikanische Privatsammlung veräußert hat, aus welcher es unter anderem über die für die Positionierung der europäischen Avantgarde bedeutende Richard Feigen Gallery, New York, in eine internationale Privatsammlung veräußert wird. Erst in den 1970er Jahren wird wahrscheinlich wieder der herausragende kunsthistorische Wert des bis dato auf der Rückseite verborgenen Gemäldes „Zwei liegenden Mädchen“ erkannt und daraufhin fortan wieder zur Vorderseite erklärt. Fast 50 Jahre lang war diese spektakuläre doppelseitige Gemälde aus der besten „Brücke“-Zeit zuletzt Teil einer internationalen Privatsammlung und ist in dieser Zeit kein einziges Mal öffentlich zu sehen gewesen. [JS]
Als erster "Brücke"-Künstler zieht Hermann Max Pechstein 1908 mit 26 Jahren von Dresden in die Kunstmetropole Berlin. Der junge Maler liebt das großstädtische Nachtleben, Musik, Tanz, Theater und den Zirkus, zugleich aber fühlte er sich auch geradezu magisch von der Natur und dem Ideal absoluter Freiheit und Ungezwungenheit angezogen. Nachdem Pechstein den Sommer 1909 erstmals zurückgezogen vom hektischen, sich rasant beschleunigenden Großstadtreiben in dem kleinen Fischerdorf Nidden an der kurischen Nehrung verbracht hatte, kommt es mit dem gemeinsamen Aufenthalt mit Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel an der Moritzburger Seen bei Dresden im Sommer 1910 zu jenem hinsichtlich seiner kunsthistorischen Bedeutung kaum zu überschätzenden gemeinsamen Sommeraufenhalt der „Brücke“-Künstler fern der Großstadt. Der qualitativ herausragende malerische Ertrag dieser wenigen Wochen gilt heute in der Kunstgeschichte der europäischen Moderne als eines der bedeutendsten Kapitel. Es ist dieser Aufenthalt auf dem Land bei Dresden, während dem der gemeinsame, heute weltberühmte „Brücke“-Stil der jungen, progressiven Künstler seinen absoluten Höhepunkt erreicht: Scharfkantig, flächig, frei, spontan und ungeheuer farbgewaltig ist die Malerei der drei jungen Künstler, die im Sommer 1910 entsteht. Bereist 1907 hatten Pechstein und Kirchner erstmals in einem kleinen Dorf südlich von Dresden Akte skizziert, danach beschränkte sich für Pechstein – der 1908 nach Berlin gezogen war – die gemeinsame Arbeit auf die Besuche der „Brücke“-Künstler in seinem kleinen Berliner Dachatelier in der Durlacher Straße. Dort kommt es im Frühjahr 1910 dann zu dem alles entscheidenden Plan der drei Künstlerfreunde: „Als wir in Berlin beisammen waren, vereinbarte ich mit Heckel und Kirchner, dass wir zu dritt an den Seen um Moritzburg nahe Dresden arbeiten wollten. […]. Als ich in Dresden ankam und in dem alten Laden in der Friedrichstadt abstieg, erörterten wir die Verwirklichung unseres Planes. Wir mussten zwei oder drei Menschen finden, die keine Berufsmodelle waren und uns daher Bewegungen ohne Atelierdressur verbürgten. Ich erinnerte mich an meinen alten Freund […] Er wies uns an die Frau eines verstorbene Artisten und ihre beiden Töchter. Ich lege ihr unser ernstes künstlerisches Wollen dar. […] sie [war] damit einverstanden, dass ihre Töchter sich mit uns nach Moritzburg aufmachten.“ (Hermann Max Pechstein, Erinnerungen, Stuttgart 1993 [Erstausg. Wiesbaden 1960], S. 41-42). Als Modelle begleiteten die Künstler also die heute durch die Gemälde der „Brücke“-Künstler weltberühmte Artistentochter Fränzi Fehrmann und ihrer älteren Schwester Johanna Rosa. Für das vorliegende, in leuchtend, spontan und flächig auf die Leinwand gesetzten Rot-, Pink- und Gelbtönen ausgeführte Gemälde „Zwei liegende Mädchen" haben nach Pechsteins Werkverzeichnis-Autorin Aya Soika ebenfalls die beiden Schwestern Pechstein als Modelle gedient. Fränzi vor allem sollte auch durch Kirchners berühmtes Gemälde „Artistin“ (1910, Brücke-Museum, Berlin) und Pechsteins „Sitzendes Mädchen“ (1910, Nationalgalerie, Berlin) und „Das gelbschwarze Trikot“ (1910, Brücke-Museum, Berlin) in die Kunstgeschichte eingehen. All dies sind herausragende Zeugnisse dieses einzigartigen Sommer 1910, den die drei „Brücke“-Künstler, Kirchner, Heckel und Pechstein fernab der Großstadt ganz ihrer von allen Normen losgelösten Malerei in wilden Farben und freien, scharfkantigen Formen gewidmet haben. Inspiriert von dem starken avantgardistischen Geist dieses alles entscheidenden Jahres ist Pechstein mit „Zwei liegende Mädchen“ etwas Gewaltiges gelungen: Ungemischt und flächig hat er das Rot des Bettes auf die Leinwand gesetzt, das Möbelstück wird - jegliche Regeln der Perspektive verneinend - frontal und in Aufsicht zugleich wiedergegeben und nimmt vollflächig fast die gesamte Malfläche ein. Aya Soika schreibt zu dieser bedeutenden Phase: „Es scheint, als wollten die Maler [der „Brücke“ im Sommer 1910] die Prinzipien ihrer Viertelstundenakte der frühen Brücke-Zeit auf die Leinwand übertragen. Die Ölfarbe aus den Tuben verdünnten sie mit Terpentin und trugen die leuchtenden Farben in schnellen und breiten Pinselstrichen auf die Leinwand auf. Nackte Körper wurden auf einige Umrisslinien reduziert. […] Der Versuch, den ersten, unmittelbaren Eindruck einzufangen, führte in Pechsteins Ölgemälden zu einer zuvor nicht erreichen Expressivität.“ (Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 50)
Berlin 1910: Die Neue Secession und die skandalöse Malerei der „Brücke“
Pechstein, Kirchner und Heckel, diese jungen, progressiven Künstler, sollten den etablierten akademischen Kunstbetrieb mit ihrer motivisch und ästhetisch vollkommen neuartigen und unangepassten Malerei tüchtig aufmischen. Gerade auch Pechstein lässt in Berlin keine Gelegenheit für eine künstlerische Provokation verstreichen: Bereits im April 1909 sorgt er mit dem heute verschollenen, mehrfigurigen Aktgemälde "Das gelbe Tuch", das von den damaligen Ausstellungsbesuchern unter anderem als "das Äußerste an sinnlicher Ungeniertheit" beschrieben wurde, auf der Ausstellung der Berliner Secession, unter der Leitung von Max Liebermann, für Aufsehen. Das alles aber bremst den damals 28-jährigen Maler nicht, denn noch im gleichen Jahr macht er mit seinem alle Konventionen hinter sich lassenden Entwurf für das berühmte Plakat der 1. Ausstellung der Neuen Secession, aller von der Berliner Secession zurückgewiesenen Künstler, erneut Furore: Er zeigt eine nackte Amazone nach dem Modell seiner späteren Frau Lotte, mit Pfeil und Bogen, roten Lippen und dichtem schwarzen Haar. Und schließlich ist es auf dieser legendären 1. Ausstellung der Neuen Secession, die vom 15. Mai bis zum 15. Juli in der Galerie Macht in der Rankestrasse stattfindet, das heute verschollene Gemälde "Weib" (1910), das erneut einen Aufschrei in der Berliner Kunstwelt auslöst. Wie in unserer herausragenden Komposition „Zwei liegende Mädchen“ zeigt auch dieses damals im als "Schreckenskammer" verspotteten "Brücke"-Raum präsentierte Gemälde das Modell in provokanter Pose, nackt auf einem Bett lagernd. Die überzeichneten, "barbarischen Formen" und die "stechenden Farben" (zit. nach: ebd., S. 269), die in der damaligen Presse großes Entsetzen hervorrufen, hat Pechstein in seiner wenig später in Moritzburg entstandenen Komposition „Zwei liegende Mädchen“ ein weiteres Mal auf die Spitze getrieben. Waren seine expressionistischen Akte für den damaligen Kunstgeschmack noch deutlich zu viel so gilt diese von allen Traditionen befreite Malweise heute als Inbegriff des Expressionismus und damit als eines der bedeutendsten Kapitel, welches die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu bieten hat.
"Im Café des Westens, im 'Größenwahn', summte es […]. Wir Abgelehnten waren uns einig es nicht dabei bewenden zu lassen und eine Gegenausstellung zu veranstalten. Wir gründeten die Neue Secession und sammelten für sie die Namen aller derjenigen, die uns als Mitkämpfer erschienen. Ich selbst kam so in Verbindung mit der Gruppe des 'Blauen Reiters' in München, mit Franz Marc, August Macke und Kandinsky. [...] Ich hatte ein Plakat lithographiert, eine kniende Frauengestalt, die einen Pfeil vom Bogen abschoss. Jetzt wurde natürlich die Spaltung noch krasser. In der Presse und im 'Größenwahn' tobte erbittertes Gezänk. Die Geister prallten aufeinander und wir von der jungen Generation hatten unseren Spaß daran […]. Man bespie unsere Bilder, auf die Rahmen wurden Schimpfworte gekritzelt, und ein Gemälde von mir, ein liegender Akt in goldigem Gelb wurde von einem Missetäter mit einem Nagel [...] durchbohrt. Wieder festigte sich in diesem Kampf das Gemeinschaftsgefühl der 'Brücke'."
Max Pechstein, Erinnerungen, Nachdruck der Ausgabe Wiesbaden 1960, Stuttgart 1993, S. 41.
Einzigartig und revolutionär ist die Malerei der „Brücke“ und doch ist sie niemals gänzlich losgelöst aus der kunsthistorischen Tradition, mit der es sich zu konfrontieren gilt, und die sie mit freiem Geist und wilden Farben mutig überwindet. Und so hat sich Pechstein unter anderem mit der kunsthistorischen Tradition des lagernden weiblichen Aktes auseinandergesetzt, die bis zu Giorgiones und Tizians weltberühmtem Renaissancegemälde der "Schlafenden Venus" (1510, Gemäldegalerie alter Meister, Dresden) zurückreicht, das Pechstein aus Besuchen der Dresdner Gemäldegalerie sicher bekannt gewesen sein wird. Pechsteins heute verschollenes Aktgemälde "Weib" (1910), dass kompositorisch deutliche Bezüge zu Henri Matisse „Nu bleu“ (1907, Baltimore Museum of Art) aufweist, lässt sich ebenfalls in diese Tradition einreihen, als deren berühmtestes Beispiel heute Eduard Manets großformatiges Skandalgemälde „Olympia“ (1863, Musée d` Orsay, Paris) gilt. Pechstein, der von Dezember 1907 an mehrere Monate in der französischen Kunstmetropole gelebt hat, wird dort sicherlich auch Manets berühmte „Olympia“ im Louvre, seinem damaligen Standort, bewundert haben, jenes Bild, das im Pariser Salon von 1865 aufgrund seiner Malweise und seiner unsittlichen Motivik einen der bis dato größten Skandale der europäischen Kunstgeschichte ausgelöst und auf diese Weise schnell Furore gemacht hat. Manet, der als einer der Wegbereiter der europäischen Moderne gilt, hatte mit seinem Gemälde „Déjeuner sur l’herbe“ (1863, Musèe d’Orssay, Paris) aufgrund der zur Schau gestellten Nacktheit noch ein weiteres Mal die etablierten Vorstellungen von Sittlichkeit aufs gröbste verletzt. Mit diesem Bild, das im Entstehungsjahr von der Jahresausstellung des „Salon de Paris“ zurückgewiesen wurde und daraufhin in der Protestausstellung des neu gegründeten „Salon des Refusés (Salon der Zurückgewiesenen)“ gezeigt wird, gilt als der entscheidende Grundstein für jenen Aufbruch in die Malerei der europäischen Moderne. Jener berühmte und folgenschwere Bruch innerhalb der Pariser Malerschaft, von Manets unangepasster Malerei initiiert, sollte auch in den anderen europäischen Kunstmetropolen zum Vorbild werden, wie etwa in Berlin, wo die gewaltigen Malerei der jungen „Brücke“-Künstler im Jahr 1910, fast fünfzig Jahre nach Manet, die Gründung der Neuen Secession un deren als Protestausstellung der Zurückgewiesenen initiierten 1. Jahresausstellung unumgänglich machte. Es ist also gewiss kein Zufall, dass Pechstein im „Brücke“-Raum dieser 1. Ausstellung der Neuen Secession das heute verschollene, lässig lagernde Aktgemälde "Weib" (1910) präsentiert hat, das fast fünfzig Jahre nach Manets „Olympia“ einen vergleichbaren Skandal unter den Berliner Ausstellungsbesuchern auslösen sollte. In der bürgerlichen Berliner Gesellschaft des deutschen Kaiserreiches in der sich ausgehend von dem langjährigen Direktors der Königlichen Hochschule der Bildenden Künste Anton von Werner, der diese Amt bis 1915 über insgesamt vierzig Jahre ausüben sollte, hatte sich eine konservative Salonmalerei etabliert und konserviert, die erstmals 1899 durch die erste Ausstellung der Berliner Secession unter der Leitung von Max Liebermann herausgefordert werden sollte, die fortan eine neue, freie und impressionistische Malerei zu etablieren begann. 1910 aber war der vormals progressive Liebermann selbst zur reaktionären Kraft geworden, da unter seiner Leitung die als skandalös empfundene Malerei der jungen „Brücke“-Künstler für die Jahresausstellung abgelehnt wird, was 1910 schließlich zum Auslöser für die Abspaltung der Neuen Secession wird. Gleich nach dem Ende dieser Ausstellung bricht Pechstein Mitte Juli zusammen mit Kirchner und Heckel an die Moritzbugerseen bei Dresden auf. Dort entsteht auf dem Höhepunkt des scharf konturierten, flächigen und maximal farbgewaltigen „Brücke“-Stils neben zahlreichen heute in wichtigen Museumssammlungen befindlichen Gemälden, auch die vorliegende Komposition „Zwei liegende Mädchen“. Auf der leuchtend roten, fast monochom gehaltenen Farbfläche des Bettes hat Pechstein die radikal antiakademische Szenerie aus einem nackten und einem bekleideten Modell eingefangen und die locker und frei gesetzen, gelben, weißen, roten und blau-grünen Farbflächen der Haut zu dem leuchtenden Rot des Bettes und dem tiefen schwarz-blau des Rockes in Kontrast gesetzt. Ähnlich wie in Kirchners ebenfalls 1910 nach dem Modell von Fränzi entstandenen Gemälde „Artistin“ (1910, Brücke-Museum, Berlin), das vermutlich ebenfalls an einem der Regentag im Moritzburger Sommer 1910 entstanden ist, zeichnet sich auch „Zwei liegende Mädchen“ durch die fächige Malweise, die wenigen, leuchtend und mutig nebeneinander gesetzten Farben, und die radikal moderne Perspektive aus. Genau wie Kirchner überzeugt auch Pechsteins Souveränität mit der er die Figuren ins Format setzt und frei bleibende Flächen sowie spannungsvolle Diagonalen im Sinne einer äußerst mutigen und qualitativ herausragenden Komposition zu nutzen weiß.
"Zwei liegende Mädchen" / "Holzfigur mit Tulpen" – Ein doppelseitiges Meisterwerk und lange gehütetes Geheimnis der Moderne
Pechsteins „Zwei liegende Mädchen“ aber verbirgt auf der Rückseite der Leinwand mit „Holzfigur und Tulpen“ noch eine weiteres expressionistisches Gemälde. Anfang des Jahres 1914, also vier Jahre nach „Zwei liegenden Mädchen“, hat Pechstein in seinem Berliner Dachatelier in der Offenbacher Straße 8 aus Materialmangel und wirtschaftlicher Not heraus die Leinwand für ein Stillleben wiederverwendet. Um 1910/11 war Pechsteins wirtschaftliche Situation nach eigener Aussage besorgniserregend: "Noch immer langte es in meiner Berliner Existenz nicht, weder hinten noch vorn. […ich] arbeitete [...] wild und übertäubte den Hunger mit Kaffeetrinken und Tabakrauchen. […] Gegen Ende des Winters kam Kirchner aus Dresden und bezog ein Atelier nebenan. Der Plan, durch eine gemeinsame Malschule unsere wirtschaftlichen Verhältnisse zu sanieren, mißglückte jedoch." (Max Pechstein, Erinnerungen, Nachdruck der Ausgabe Wiesbaden 1960, Stuttgart 1993, S. 46.) Und auch Anfang 1914, kurz vor seiner Paulau-Reise, die Pechstein nur aufgrund eines horrenden Vorschuss seines Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt antreten kann, hat sich sein Lebensstil nur geringfügig verbessert. Er war auf regelmäßige Einnahman aus Kunstverkäufen angewiesen aber äußerst progressive Komposition „Zwei liegende Mädchen“ war nach fast vier Jahren noch immer unverkauft geblieben, weshalb sich der Künstler schließlich entschließt sie fortan zur Rückseite eines gemäßigteren aber kompositorisch ebenso überzeugenden Stilllebens zu erklären. Kompositionsbeherrschend ist der spannungsvolle Diagonalbezug, der sich zwischen den fünf leuchtenden Orangen und den drei ebenso farbintensiven Tulpen aufbaut und der in einer kreisenden Bewegung alle anderen Elemente des Stilllebens, die ozeanische Holzfigur, die beiden Schalen sowie das stark angeschnittene Bett mit der gemusterten Decke in meisterlich arrangierter Ausgewogenheit in die Komposition integriert. Während Pechsteins expressionistische Akte noch deutlich zu viel für den zeitgenössischen Kunstgeschmack waren, sind seine raffinierten Stillleben, weniger provokant und deshalb schneller verkäuflich. Und so findet „Holzfigur mit Tulpen“ schließlich Eingang in die bedeutende Sammlung des Kunsthistorikers und späteren amerikanischen Kunsthändlers Dr. Karl Lilienfeld, der von 1912 bis 1926 die Leitung des Leipziger Kunstvereins inne hat und sich früh für die Malerei des deutschen Expressionismus zu begeistern beginnt. 1926 wechselte er als Kunsthändler nach New York, wo er das Gemälde in den 1960er Jahren nachweislich in eine amerikanische Privatsammlung veräußert hat, aus welcher es unter anderem über die für die Positionierung der europäischen Avantgarde bedeutende Richard Feigen Gallery, New York, in eine internationale Privatsammlung veräußert wird. Erst in den 1970er Jahren wird wahrscheinlich wieder der herausragende kunsthistorische Wert des bis dato auf der Rückseite verborgenen Gemäldes „Zwei liegenden Mädchen“ erkannt und daraufhin fortan wieder zur Vorderseite erklärt. Fast 50 Jahre lang war diese spektakuläre doppelseitige Gemälde aus der besten „Brücke“-Zeit zuletzt Teil einer internationalen Privatsammlung und ist in dieser Zeit kein einziges Mal öffentlich zu sehen gewesen. [JS]
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