abbildung folgt


126000501
Ernst Ludwig Kirchner
Dorfstraße mit Apfelbäumen, 1907.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 400.000 - 600.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000501
Ernst Ludwig Kirchner
Dorfstraße mit Apfelbäumen, 1907.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 400.000 - 600.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
 

Ernst Ludwig Kirchner
1880 - 1938

Dorfstraße mit Apfelbäumen. 1907.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten wohl von Erna Kirchner bezeichnet "E. L. Kirhner" [sic]. 60 x 50 cm (23,6 x 19,6 in).

• Spektakuläre Wiederentdeckung: Bis 2020 war der Verbleib dieses Kirchner-Gemäldes aus der frühen "Brücke"-Zeit der Forschung unbekannt.
• Kunsthistorisch wegweisend: Herausragendes Zeugnis für Kirchners mutigen und fargewaltigen Aufbruch in den Expressionismus
• Außergewöhnlich & selten: leuchtende Landschaft in hochdynamischem Duktus, von Kirchner selbst als technisch singulär in seinem Werk beschrieben.
• Museale Qualität: das vergeichbare Gemälde "Grünes Haus" (1906) ist Teil der Moderne Sammlung des Museum moderne Kunst, Stiftung Ludwig, Wien.
• Beste Provenienz: Aus der wichtigen frühen Expressionismus Sammlung Martha und Paul Rauert, Hamburg.
• Geschlossene Provenienz: Lückenlos von der Entstehung bis heute nachweisbar
.

Mit einer schriftlichen Bestätigung von Dr. Wolfgang Henze, Wichtrach/Bern, vom 24. Juni 2020 (in Kopie). Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert und wird in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenonmmen.

PROVENIENZ: Sammlung Martha und Dr. Paul Rauert, Hamburg (1918 von Erna Kirchner erworben, bis 1937 in Besitz).
Hildebrand Gurlitt, Hamburg (1937 vom Vorgenannten erworben).
Sammlung Dr. Johannes Schürer, Mülheim an der Ruhr (1937 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (vom Vorgenannten durch Erbschaft, bis 2020).
Privatbesitz Bayern (2020 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Niedersachsen (2020 durch Schenkung vom Vorgenannten).
Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen.

AUSSTELLUNG: Nyare Tysk Konst, Liljevalchs Konsthall, Stockholm, 1922.
Leih-Ausstellung aus Hamburgischem Privatbesitz in der Kunsthalle, Mai 1925, Nr. 168 („Haus mit Apfelbaum“).

LITERATUR: Gerd Presler, Ernst Ludwig Kirchner. Die Skizzenbücher. "Ekstase des ersten Sehens", 1996, S. 229 (Erwähnung in Skb 35, S. 41).
Hans Delfs, Ernst Ludwig Kirchner - der gesamte Briefwechsel "Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle", 2010, Nr. 1379.

„Dorfstraße mit Apfelbäumen“ (1907) – Die frühe „Brücke“- Zeit und Kirchners Aufbruch in den Expressionismus
Ernst Ludwig Kirchners leuchtende und in energischem Duktus auf die Leinwand gesetzte „Dorfstrasse mit Apfelbäumen“ ist nicht nur aufgrund der technischen Umsetzung des hochsommerlichen Motives von singulärem Charakter im malerischen Schaffen des deutschen Expressionisten, sondern darüber hinaus ein faszinierendes Zeugnis für die internationale Verdichtung der malerischen Stile auf dem Höhepunkt der europäischen Moderne. Im Entstehungsjahr ist Kirchner Ende Zwanzig, jung, mutig und voller Tatendrang. Bereits zwei Jahre zuvor, also im Jahr 1905, hat er sein Architekturstudium in Dresden beendet und gemeinsam mit Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff die expressionistische Künstlergemeinschaft „Brücke“ ins Leben gerufen, die heute als eine der wichtigsten künstlerischen Vereinigungen der europäischen Moderne gilt. Kirchner Dresdner Jahre sind ausgehend vom dem Gründungsjahr der „Brücke“ (1905) bis zu seinem Umzug in die internationale Kunstmetropole Berlin im Jahr 1911, die alles entscheidenden Jahre für sein gesamtes künstlerisches Werk, von Dresden aus brechen die „Brücke“-Künstler in den Sommermonaten der Jahre 1909 bis 1911 zu ihren legendären Aufenthalten an den Moritzburger Seen auf, wo die Maler beim Zeichnen und Malen nach Akten in freier Natur zu ihrem antiakademischen und heute weltberühmten „Brücke“-Stil finden. Dresden als die damalige Haupt- und Residenzstadt des Königreiches Sachsen liefert auch mit seinem reichen Nachtleben, der Vielzahl von Tanzlokalen und Varietés Kirchner und den anderen jungen Malern der „Brücke“ eine Vielzahl neuer künstlerischer Impulse und war darüber hinaus um 1907 eines der pulsierenden Zentren für die Entstehung und Verbreitung der europäischen Moderne. Die Künstler der „Brücke“, allem voran der sich durch seine außergewöhnliche stilistische Progressivität auszeichnende, junge Ernst Ludwig Kirchner, inhalieren diese sich damals in Dresden verdichtenden internationalen künstlerischen Impulse, die vor allem von den beiden progressiven Galerien, der Galerie Ernst Arnold und dem Kunstsalon Emil Richter ausgehen. Ziel der „Brücke“ ist eine neue, anti-akademische Malerei, die sich gegen eine rein naturalistische Darstellung richtet und für Emotionalität und direkten Ausdruck einsteht. Ihre Vorbilder finden sie in der Malerei der großen europäischen Wegbereiter der Moderne.

Unangepasst und progressiv: Kirchner und die Pioniere der europäischen Moderne
Die Galerie Arnold zeigt in diesen Jahren unter anderem neben der als äußerst roh und mutig empfundene Malerei van Goghs auch die auf den damaligen Betrachter ebenso unfertig wirkende Malerei der französischen Avantgarde, der Vertreter des Pointillismus und Divisionismus, und zudem auch die Malerei der Wiener Sezession, darunter auch die ornamentalen Landschaftsgemälde Gustav Klimts und anderer Wiener Künstler, die für ihrer radikalen Bruch mit dem akademischen Historismus bekannt waren. In der "Wiener Ausstellung" zeigte die Galerie Ernst Arnold 1907 u.a. Klimts im 2. Weltkrieg zerstörtes Gemälde "Goldener Apfelbaum" (1903). Auch die Werke Edvard Munchs, eines der wichtigsten Impulsgeber des deutschen Expressionismus, dessen in skandalöser Weise als roh und unfertig empfundene Malerei seit dem berühmten Munch-Skandal im November 1982 ein für alle avantgardistischen Maler, allem voran für den jungen Ernst Ludwig Kirchner, unangepasstes und mutiges Vorbild bot. Souverän, mutig, antiakademisch und radikal neu hat Kirchner seine fulminante „Dorfstrasse mit Apfelbäumen“ in einzelnen leuchtenden Farbstrichen auf den teils stehen gelassenen, hellen Malgrund gesetzt. Farbgewaltig, roh und unmittelbar wirkt diese Malerei, in der Kirchner die vielseitigen Impulse der europäischen Moderne in einer eigenen, wegweisenden Komposition zusammenführt. In nahezu ungemischten, stark leuchtenden Farben auf den Malgrund gesetzt gibt „Dorfstrasse mit Apfelbäumen“ ein kraftvolles malerisches Zeugnis von Kirchners mutigem Aufbruch in den farb- und formgewaltigen „Brücke“-Expressionsimus. „Dorfstrasse mit Apfelbäumen“ zeugt von Kirchners souveränem und mutigem Spiel mit den Traditionen, er rezipiert, selektiert, variert und transformiert Gesehenes, nutzt diesen künstlerischen Prozess es als die entscheidende Basis für die Entwicklung seiner eigenen, neuartigen Bildsprache. Prinzipiell vergleichbar ist Kirchners Arbeitsweise und Innovationskraft deshalb mit der eines anderen deutschen Jahrhundertkünstlers: Gerhard Richter, auch er hat seinen berühmten Schwarz-Weißen Fotogemälde der 1960er Jahre einen intensiven Rezeptions- und Selektionsprozess zu Grunde gelegt und aus diesem intensiven künstlerischem Prozess heraus radikal Neues enstehen lassen, sondern ebenso wie sechzig Jahre zuvor Ernst Ludwig Kirchner in Dresden die Kunstgeschichte der europäischen Moderne in entscheidender Weise fortgeschrieben.

Geschichte und Wiederentdeckung eines außergewöhnlichen Gemäldes
Der junge Kirchner hat die strahlende, farbgewaltige Sommerlandschaft welche er in „Dorfstrase mit Apfelbäumen“ vor uns ausbreitet, wuchtig und äußerst energisch auf die Leinwand gesetzt. Ob Kirchner sie 1907 im Zuge seines gemeinsam mit seinem expressionistischen Künstlerfreund Max Pechstein in Goppeln bei Dresden verbrachten Sommeraufenthalt gemalt hat, oder etwas später in seinem Atelier aus der Erinnerung heraus, muss offen bleiben. Jahre später äußert sich der Künstler in Brief an Gustav Schiefler vom 15. Dezember 1924 auch kurz zur stilistischen Besonderheit dieser additiv aus der Zusammensetzung einzelner reiner Farbstriche zusammengefügten Landschaft. Ausgesprochen selten sind qualitativ und stilistisch vergleichbare Arbeiten aus Kirchners expressionistischem Frühwerk, welches das unbekümmerte und radikale Aufbegehrten gegen alle akademischen Traditionen in sich trägt. Stilistisch und motivisch eng verwandt ist jedoch das ein Jahr zuvor entstandene Gemälde „Grünes Haus“ (1906), das seit 1963 Teil der wichtige Sammlung Peter und Irene Ludwig mit Meisterwerken der Klassischen Moderne und der Nachkriegsavantgarde ist und aktuell als Teil der Stiftung zu den Glanzpunkten der Sammlung des Museums Moderne Kunst in Wien zählt. „Dorfstraße mit Apfelbäumen“ ist, wie bei Gemälden von Ernst Ludwig Kirchner häufiger der Fall, von Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling im Zuge des Verkaufes nachträglich mit einer „Signatur“ versehen. Die frühere Berliner Varieté- und Nachtclubtänzerin war im Auftrag des Künstlers in den langen Phasen von Kirchners Abwesenheit der Kriegszeit und der Davoser Jahre für den Berliner Atelierbestand und dessen Verkauf zuständig. Diese frühe „Brücke“-Landschaft gelangt laut einer von Erna verfassten Versandliste vom 15. April 1918 an „Dr. Rauert, Hamburg Kleinflottbeckerw“ mit dem Titel „Dorfstrasse Haus mit Obstbäumen u. Zaun“ in die Sammlung Martha und Dr. Paul Rauert in Hamburg. In einem Brief Gustav Schieflers an Kirchner vom 16. April 1924 bestätigt Rauert auf indirektes Verlangen des Künstlers das Gemälde „Dorfstraße mit Apfelbäumen“ in einer Auflistung seiner sechs Kirchner-Gemälde. Die „Dorfstraße“, so auch ein weiterer Titel für dieses Gemälde, bleibt in der Sammlung Rauert bis 1937. Im Juni veräußert er das Gemälde an den in Hamburg tätigen Kunsthistoriker und Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, der nach seiner Entlassung als Leiter des Hamburger Kunstvereins sich ab Juli 1933 als kenntnisreicher Kunsthändler selbständig macht. Noch im selbem Monat kann er die „Dorfstraße“ an einen Sammler in Mülheim vermitteln, aus dessen Besitz die gut dokumentierte Arbeit 2020 wieder aufgetaucht ist und damit aus seinem bis dato unbekannten Standort für die Kirchner-Forschung wiederentdeckt und erschlossen werden konnte. Im 1968 erschienen Werkverzeichnis von Donald E. Gordon noch unverzeichnet ist dieses wichtige frühe Gemälde seither im Ernst Ludwig Kirchner Archiv in Wichtrach/Bern als eines der äußerst seltenen Gemälde aus Kirchners expressionistischem Frühwerk mit einer von der Entstehung bis heute dokumentierten Provenienz registriert und wird in den Nachtrag zum Werkverzeichnis aufgenommen. [JS]





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