Auktion: 612 / Evening Sale am 04.12.2026 in München → Lot 126000565

126000565
Franz von Stuck
Kentaurenritt, 1910.
Öl auf Holz
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000565
Franz von Stuck
Kentaurenritt, 1910.
Öl auf Holz
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Franz von Stuck
1863 - 1928
Kentaurenritt. 1910.
Öl auf Holz.
Rechts unten signiert und datiert. 60,5 x 82 cm (23,8 x 32,2 in), im Original-Rahmen.
Zur Entwicklung der Thematik des Kentaurenritts vgl. auch Voss 251/172 "Lustiger Ritt" (1903) und Voss 376/175 "Prestissimo" (1911). [JS].
• Eros, Pathos, Antike: Der "Kentaurenritt" - herausragendes Zeugnis von Stucks fesselnd symbolistischer Fin-de-Siècle-Malerei.
• Stuck, Klimt, Schiele: Um die Jahrhundertwende entstehen die besten Kompositionen des Protagonisten der München Secession und Impulsgeber der Wiener Moderne.
• "Sünde" (1891) - "Kentaurenritt" (1910): Szenerien von entfesselter Sinnlichkeit und Erotik inspiriert von Mythologie und biblischer Geschichte.
• Stuck & Picasso: Die Mischwesen Faun, Kentaur und Minotaurus als künstlerisches Alter Ego.
• Frühe Ausstellungshistorie: Bereits 1911 von Stuck für die Internationale Kunstausstellung in Rom ausgewählt und 1916 bei Paul Cassierer, Berlin.
• Beste Proveninez: aus der Sammlung Schmeil, Dresden, mit Werken von Courbet, Böcklin, Liebermann und Hodler.
• Museale Qualität: Stucks Schöpfungen sind Teil bedeutender Sammlungen, u. a. des Metropolitan Museum, New York, des Musée d'Orsay, Paris, und der Eremitage in St. Petersburg.
PROVENIENZ: Atelier des Künstlers (bis 1911: Internationale Kunstaustellung, Rom).
Sammlung Carl Hugo Schmeil (1852-1923), Dresden (1911-1916: verso mit dem fragmentarischen Etikett der Sammlungsversteigerung bei Paul Cassirer/Hugo Helbing, Berlin).
Sammlung Melchior Voitländer (1858-1934), Kronach (vom Vorgenannten erworben, in Familienbesitz bis 1968: Weinmüller/Neumeister).
Privatsammlung Süddeutschland (bis 2001: Neumeister).
Privatsammlung Süddeutschland (2001 vom Vorgenannten, seither in Familienbesitz).
AUSSTELLUNG: Internationale Kunstausstellung, Rom 1911 (vgl. die Rezension in: Kunst für Alle, Nr. 26, 1910/11, S. 534)
Galerie Hugo Helbig, München, 8.-25. September 1916, Nr. 125 (im Zuge der Versteigerung der Sammlung Schmeil bei Paul Cassirer).
Galerie Paul Cassirer, Berlin, 3.-16. Oktober 1916, Nr. 125 (im Zuge der Versteigerung der Sammlung Schmeil bei Paul Cassirer).
LITERATUR: Heinrich Voss, Franz von Stuck 1863 -1928, Werkkatalog der Gemälde, Prestel Verlag, München 1973, WVZ-Nr. 375/174.
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Burkhard Meier, Deutschland auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom 1911, in: Kunst für Alle, Nr. 26, 1910/11, S. 534 (m. doppels. SW-Abb. vor S. 529 (nach der zeitgenössischen Mezzotinto-Reproduktion von Bruckmann).
Galerie Paul Cassirer, Berlin, Versteigerung der Sammlung Schmeil, Dresden, Berlin 1916, Kat. Nr. 125 (m. SW-Abb.).
Weinmüller, Münchener Kunstversteigerungshaus Rudolf Neumeister, Moderne Kunst, 112. Auktion, 21.5.1968, Lot-Nr. 325 (m. Abb.).
Neumeisters Moderne, München, Auktion 30, 15. November 2001, Kat.-Nr. 933 (mit Abb.).
Galerie Paul Cassirer, Berlin, Versteigerung der Sammlung Schmeil, Dresden, Berlin 1916, S. XI.
1863 - 1928
Kentaurenritt. 1910.
Öl auf Holz.
Rechts unten signiert und datiert. 60,5 x 82 cm (23,8 x 32,2 in), im Original-Rahmen.
Zur Entwicklung der Thematik des Kentaurenritts vgl. auch Voss 251/172 "Lustiger Ritt" (1903) und Voss 376/175 "Prestissimo" (1911). [JS].
• Eros, Pathos, Antike: Der "Kentaurenritt" - herausragendes Zeugnis von Stucks fesselnd symbolistischer Fin-de-Siècle-Malerei.
• Stuck, Klimt, Schiele: Um die Jahrhundertwende entstehen die besten Kompositionen des Protagonisten der München Secession und Impulsgeber der Wiener Moderne.
• "Sünde" (1891) - "Kentaurenritt" (1910): Szenerien von entfesselter Sinnlichkeit und Erotik inspiriert von Mythologie und biblischer Geschichte.
• Stuck & Picasso: Die Mischwesen Faun, Kentaur und Minotaurus als künstlerisches Alter Ego.
• Frühe Ausstellungshistorie: Bereits 1911 von Stuck für die Internationale Kunstausstellung in Rom ausgewählt und 1916 bei Paul Cassierer, Berlin.
• Beste Proveninez: aus der Sammlung Schmeil, Dresden, mit Werken von Courbet, Böcklin, Liebermann und Hodler.
• Museale Qualität: Stucks Schöpfungen sind Teil bedeutender Sammlungen, u. a. des Metropolitan Museum, New York, des Musée d'Orsay, Paris, und der Eremitage in St. Petersburg.
PROVENIENZ: Atelier des Künstlers (bis 1911: Internationale Kunstaustellung, Rom).
Sammlung Carl Hugo Schmeil (1852-1923), Dresden (1911-1916: verso mit dem fragmentarischen Etikett der Sammlungsversteigerung bei Paul Cassirer/Hugo Helbing, Berlin).
Sammlung Melchior Voitländer (1858-1934), Kronach (vom Vorgenannten erworben, in Familienbesitz bis 1968: Weinmüller/Neumeister).
Privatsammlung Süddeutschland (bis 2001: Neumeister).
Privatsammlung Süddeutschland (2001 vom Vorgenannten, seither in Familienbesitz).
AUSSTELLUNG: Internationale Kunstausstellung, Rom 1911 (vgl. die Rezension in: Kunst für Alle, Nr. 26, 1910/11, S. 534)
Galerie Hugo Helbig, München, 8.-25. September 1916, Nr. 125 (im Zuge der Versteigerung der Sammlung Schmeil bei Paul Cassirer).
Galerie Paul Cassirer, Berlin, 3.-16. Oktober 1916, Nr. 125 (im Zuge der Versteigerung der Sammlung Schmeil bei Paul Cassirer).
LITERATUR: Heinrich Voss, Franz von Stuck 1863 -1928, Werkkatalog der Gemälde, Prestel Verlag, München 1973, WVZ-Nr. 375/174.
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Burkhard Meier, Deutschland auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom 1911, in: Kunst für Alle, Nr. 26, 1910/11, S. 534 (m. doppels. SW-Abb. vor S. 529 (nach der zeitgenössischen Mezzotinto-Reproduktion von Bruckmann).
Galerie Paul Cassirer, Berlin, Versteigerung der Sammlung Schmeil, Dresden, Berlin 1916, Kat. Nr. 125 (m. SW-Abb.).
Weinmüller, Münchener Kunstversteigerungshaus Rudolf Neumeister, Moderne Kunst, 112. Auktion, 21.5.1968, Lot-Nr. 325 (m. Abb.).
Neumeisters Moderne, München, Auktion 30, 15. November 2001, Kat.-Nr. 933 (mit Abb.).
Galerie Paul Cassirer, Berlin, Versteigerung der Sammlung Schmeil, Dresden, Berlin 1916, S. XI.
Verführung, Lust und Leidenschaft: Stucks "Kentaurenritt" und der Rausch des intensiven Lebens
Die fesselnde Fin-de-Siècle-Malerei des Münchner Malerfürsten Franz von Stuck ist beherrscht von einer großen Faszination für das intensive Leben. Eros und Tod sind die zentralen und facettenreich sein herausragendes malerisches Schaffen durchziehenden Themen. Seit Anfang der 1890er Jahre bevölkern seine fesselnden Schöpfungen Faune, Amore und Akte, antikisierende erotische Szenerien, welchen eingebettet in eine bukolische Natur zunächst noch ein fast verspielter Charakter innewohnt. Dann aber ist es Stucks ikonisches Gemälde "Die Sünde" (1893, Neue Pinakothek, München), das eine schlagenumwundene, nackte Femme fatale zeigt, das 1893 zum Skandalbild auf der ersten Ausstellung der Münchener Secession werden und fortan Stucks wachsenden nationalen wie internationalen Ruhm begründen sollte. Geheimnisvoll, selbstbewusst und direkt fixiert diese in traumartiges Licht gehüllte Gestalt den Betrachter. Stuck, der als Gründungsmitglied der Münchener Secession die Abspaltung der progressiven Künstler aus der konservativen Münchner Künstlergenossenschaft vorantreibt, entwickelt "Die Sünde" aus dem biblischen Thema der Versuchung und auch die Art ihrer altarartigen Inszenierung in seiner berühmten Künstlervilla in der Prinzregentenstraße in München nimmt Bezug auf ein berühmtes Vorbild aus der christlichen Ikonographie: Stuck hat seine „Sünde“ in der Tradition einer Renaissancemadonna inszenert und auf diese Weise einen ausgesprochen provokanten Gegenentwurf des Weiblichen geschaffen. Aber nicht nur inspiriert von der Bibel, sondern auch von der antiken Mythologie hat Stuck uns meisterhaft komponierte Szenerien von entfesselter Sinnlichkeit und Erotik hinterlassen. Stuck, der Protagonist der Münchner Secession, hat auf diese Weise die reichen Facetten des erotischen Liebesspieles salonfähig gemacht und sich damit kunsthistorisch auf die reiche Tradition der Darstellung der antiken Götterliebschaften (Amori degli Dei) in der italienischen Druckgraphik bezogen. Der Kentaur, halb Mensch, halb Tier gilt seit der Antike als Sinnbild ungezügelter männlicher Leidenschaft und wird deshalb auch in der zweiten Jahrhunderthälfte schließlich von Pablo Picasso neben den anderen Mischwesen Faun und vor allem dem gehörten Minotaurus als Alter Ego des liebeshungrigen, rauschhaft liebenden Künstlers inszeniert. Bei Stuck ist es die nackt auf seinem Rücken reitende Nymphe, die seine kraftvolle Wucht zu bändigen sucht und dabei in der dynamischen Gegenbewegung der Körper mit dem kraftvollen Kentaur zu einer sinnlich entfesselten Einheit verschmilzt.
Stuck, Klimt, Schiele: Facetten des Weiblichen in der Münchener und Wiener Secession
In der Gewandung eines mythologisierenden Reiterbildes hat Stuck mit seinem „Kentaurenritt“ ein fesselndes Sinnbild des Unterbewussten geschaffen, Stuck ist es gelungen ein komplexes Empfinden Bild werden zu lassen, es geht um die von Sigmund Freud wissenschaftlich erkundeten Untiefen des menschlichen Unterbewusstseins, um die Zerrissenheit und den andauernden inneren Kampf zwischen Leidenschaft und Ratio, Lust und Verstand, Sünde und Moral. Dass Stucks Bedeutung sowohl als stilistischer wie auch als inhaltlicher Impulsgeber für die Wiener Secession, für Gustav Klimt und den eine Generation jüngeren Egon Schiele kaum zu überschätzen ist, hat unter anderem 2016 die Ausstellung „Sünde und Secession. Franz von Stuck in Wien“ im unteren Belvedere beleuchtet. Zur Entstehungszeit des „Kentaurenritts“ ist Stuck auf dem absoluten Höhepunkt: Stuck hatte im Anschluss an seine Präsentation der „Sünde“ auf der Ausstellung der Münchener Secession im Jahr 1893 seinen künstlerischen Durchbruch gefeiert. Er wird daraufhin 1895 an die Königliche Akademie der bildenden Künste in München berufen, wo fortan unter anderem Wassily Kandinsky und Paul Klee zu seinen Schülern zählen, 1897 heiratet er die wohlhabende amerikanische Sängerin Mary Lindpainter und beginnt in den Folgejahren mit dem Bau seiner herrschaftlichen Künstlervilla in der Prinzregentenstraße in römisch antikem Stil, die Anfang der 1910er Jahre noch durch einen repräsentativen Atelierbau erweitert wird. Franz von Stuck, der 1863 in Niederbayern als Sohn eines Müllers geboren und schließlich 1906 von Prinzregent Luitpold von Bayern in den Adelsstand erhoben wird, ist kurz nach der Jahrhundertwende in der wohlhabenden Münchener Gesellschaft angekommen. Sein herausragendes malerisches Werk und seine Villa werden zum Zentrum des Münchner Jugendstils, der zunächst für die Gründung der Wiener Secession und nach zahlreichen Ausstellungsbeteiligungen in Wien auch stilistisch für die Maler des Wiener Jugendstils vorbildstiftend ist. Und 1909, ein Jahr vor Entstehung des „Kentaurenritts“ folgt schließlich mit einem eigenen Saal auf der Internationalen Kunstausstellung in Venedig, der von den Kritikern enthusiastisch gefeiert wird, auch Stucks internationaler Durchbruch. Franz von Stuck ist 46 Jahre alt und befindet sich auf dem Höhepunkt seines künstlerischen und gesellschaftlichen Ruhmes, und die Ehe mit seiner Frau Mary ist zu einer erfolgreichen gesellschaftlichen Konstante geworden, als Muse und Modell wird sie jedoch zunehmend durch junge Frauen ersetzt, welche dem „Malerfürsten“ neue Inspirationen liefern, der sein Leben und Werk, ähnlich wie wenige Jahrzehnte später der geradezu rauschhaft liebende Picasso, bis zu seinem Tod voll und ganz der Faszination für das intensive Leben verschrieben hat. Es sind die Facetten des Weiblichen im Spannungsfeld zwischen antiker Göttin, mädchenhafter Unschuld und Femme fatale, die Stuck aber auch faszinieren und die er im „Kentaurenritt“ meisterhaft zu der männlichen Zerrissenheit zwischen Ratio und Leidenschaft in Beziehung setzt. Auch Franz von Stuck selbst, muss die besondere Qualität dieser vollendeten Komposition erkannt haben, da er sie 1911 für die Internationale Kunstausstellung in Rom auswählt: In Rom wird sie von den Besuchern und Kritikern gefeiert und schließlich im selben Jahr von Kommerzienrat Schmeil aus Dresden für seine hochkarätige Gemäldesammlung erworben. [JS]
Die fesselnde Fin-de-Siècle-Malerei des Münchner Malerfürsten Franz von Stuck ist beherrscht von einer großen Faszination für das intensive Leben. Eros und Tod sind die zentralen und facettenreich sein herausragendes malerisches Schaffen durchziehenden Themen. Seit Anfang der 1890er Jahre bevölkern seine fesselnden Schöpfungen Faune, Amore und Akte, antikisierende erotische Szenerien, welchen eingebettet in eine bukolische Natur zunächst noch ein fast verspielter Charakter innewohnt. Dann aber ist es Stucks ikonisches Gemälde "Die Sünde" (1893, Neue Pinakothek, München), das eine schlagenumwundene, nackte Femme fatale zeigt, das 1893 zum Skandalbild auf der ersten Ausstellung der Münchener Secession werden und fortan Stucks wachsenden nationalen wie internationalen Ruhm begründen sollte. Geheimnisvoll, selbstbewusst und direkt fixiert diese in traumartiges Licht gehüllte Gestalt den Betrachter. Stuck, der als Gründungsmitglied der Münchener Secession die Abspaltung der progressiven Künstler aus der konservativen Münchner Künstlergenossenschaft vorantreibt, entwickelt "Die Sünde" aus dem biblischen Thema der Versuchung und auch die Art ihrer altarartigen Inszenierung in seiner berühmten Künstlervilla in der Prinzregentenstraße in München nimmt Bezug auf ein berühmtes Vorbild aus der christlichen Ikonographie: Stuck hat seine „Sünde“ in der Tradition einer Renaissancemadonna inszenert und auf diese Weise einen ausgesprochen provokanten Gegenentwurf des Weiblichen geschaffen. Aber nicht nur inspiriert von der Bibel, sondern auch von der antiken Mythologie hat Stuck uns meisterhaft komponierte Szenerien von entfesselter Sinnlichkeit und Erotik hinterlassen. Stuck, der Protagonist der Münchner Secession, hat auf diese Weise die reichen Facetten des erotischen Liebesspieles salonfähig gemacht und sich damit kunsthistorisch auf die reiche Tradition der Darstellung der antiken Götterliebschaften (Amori degli Dei) in der italienischen Druckgraphik bezogen. Der Kentaur, halb Mensch, halb Tier gilt seit der Antike als Sinnbild ungezügelter männlicher Leidenschaft und wird deshalb auch in der zweiten Jahrhunderthälfte schließlich von Pablo Picasso neben den anderen Mischwesen Faun und vor allem dem gehörten Minotaurus als Alter Ego des liebeshungrigen, rauschhaft liebenden Künstlers inszeniert. Bei Stuck ist es die nackt auf seinem Rücken reitende Nymphe, die seine kraftvolle Wucht zu bändigen sucht und dabei in der dynamischen Gegenbewegung der Körper mit dem kraftvollen Kentaur zu einer sinnlich entfesselten Einheit verschmilzt.
Stuck, Klimt, Schiele: Facetten des Weiblichen in der Münchener und Wiener Secession
In der Gewandung eines mythologisierenden Reiterbildes hat Stuck mit seinem „Kentaurenritt“ ein fesselndes Sinnbild des Unterbewussten geschaffen, Stuck ist es gelungen ein komplexes Empfinden Bild werden zu lassen, es geht um die von Sigmund Freud wissenschaftlich erkundeten Untiefen des menschlichen Unterbewusstseins, um die Zerrissenheit und den andauernden inneren Kampf zwischen Leidenschaft und Ratio, Lust und Verstand, Sünde und Moral. Dass Stucks Bedeutung sowohl als stilistischer wie auch als inhaltlicher Impulsgeber für die Wiener Secession, für Gustav Klimt und den eine Generation jüngeren Egon Schiele kaum zu überschätzen ist, hat unter anderem 2016 die Ausstellung „Sünde und Secession. Franz von Stuck in Wien“ im unteren Belvedere beleuchtet. Zur Entstehungszeit des „Kentaurenritts“ ist Stuck auf dem absoluten Höhepunkt: Stuck hatte im Anschluss an seine Präsentation der „Sünde“ auf der Ausstellung der Münchener Secession im Jahr 1893 seinen künstlerischen Durchbruch gefeiert. Er wird daraufhin 1895 an die Königliche Akademie der bildenden Künste in München berufen, wo fortan unter anderem Wassily Kandinsky und Paul Klee zu seinen Schülern zählen, 1897 heiratet er die wohlhabende amerikanische Sängerin Mary Lindpainter und beginnt in den Folgejahren mit dem Bau seiner herrschaftlichen Künstlervilla in der Prinzregentenstraße in römisch antikem Stil, die Anfang der 1910er Jahre noch durch einen repräsentativen Atelierbau erweitert wird. Franz von Stuck, der 1863 in Niederbayern als Sohn eines Müllers geboren und schließlich 1906 von Prinzregent Luitpold von Bayern in den Adelsstand erhoben wird, ist kurz nach der Jahrhundertwende in der wohlhabenden Münchener Gesellschaft angekommen. Sein herausragendes malerisches Werk und seine Villa werden zum Zentrum des Münchner Jugendstils, der zunächst für die Gründung der Wiener Secession und nach zahlreichen Ausstellungsbeteiligungen in Wien auch stilistisch für die Maler des Wiener Jugendstils vorbildstiftend ist. Und 1909, ein Jahr vor Entstehung des „Kentaurenritts“ folgt schließlich mit einem eigenen Saal auf der Internationalen Kunstausstellung in Venedig, der von den Kritikern enthusiastisch gefeiert wird, auch Stucks internationaler Durchbruch. Franz von Stuck ist 46 Jahre alt und befindet sich auf dem Höhepunkt seines künstlerischen und gesellschaftlichen Ruhmes, und die Ehe mit seiner Frau Mary ist zu einer erfolgreichen gesellschaftlichen Konstante geworden, als Muse und Modell wird sie jedoch zunehmend durch junge Frauen ersetzt, welche dem „Malerfürsten“ neue Inspirationen liefern, der sein Leben und Werk, ähnlich wie wenige Jahrzehnte später der geradezu rauschhaft liebende Picasso, bis zu seinem Tod voll und ganz der Faszination für das intensive Leben verschrieben hat. Es sind die Facetten des Weiblichen im Spannungsfeld zwischen antiker Göttin, mädchenhafter Unschuld und Femme fatale, die Stuck aber auch faszinieren und die er im „Kentaurenritt“ meisterhaft zu der männlichen Zerrissenheit zwischen Ratio und Leidenschaft in Beziehung setzt. Auch Franz von Stuck selbst, muss die besondere Qualität dieser vollendeten Komposition erkannt haben, da er sie 1911 für die Internationale Kunstausstellung in Rom auswählt: In Rom wird sie von den Besuchern und Kritikern gefeiert und schließlich im selben Jahr von Kommerzienrat Schmeil aus Dresden für seine hochkarätige Gemäldesammlung erworben. [JS]
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