Auktion: 612 / Evening Sale am 04.12.2026 in München → Lot 126001191
126001191
Heinrich Campendonk
Der Angler, 1920.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126001191
Heinrich Campendonk
Der Angler, 1920.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Heinrich Campendonk
1889 - 1957
Der Angler. 1920.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten monogrammiert "C" und datiert. 72 x 92 cm (28,3 x 36,2 in).
[JS].
• SCHAFFENSZEIT Die während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Gemälde gelten als die gefragtesten Werke des Künstlers.
• EINSAMKEIT Von 1916 bis 1921 zieht sich Campendonk in das Fischerdorf Seeshaupt an den Starnberger See zurück.
• RÄTSELHAFT Hat Campendonk uns in der harmonischen Inszenierung von Mensch und Natur eine Selbstdarstellung hinterlassen?
• FORMAT Eines der größten bisher auf dem internationalen Auktionsmarkt angebotenen Campendonk-Gemälde.
• DOKUMENTIERT 1921 in der Campendonk-Literatur abgebildet sowie 1920 und 1921 bei Flechtheim und in der Kestner-Gesellschaft Hannover ausgestellt.
• MUSEAL Gemälde dieser Schaffenszeit u. a. in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, in der Kunsthalle Basel und im Stedelijk Museum, Amsterdam.
Wir danken Gisela Geiger, Penzberg, und Thomas Lensch, Augsburg, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.
PROVENIENZ: Zinglers Kabinett, Frankfurt a. M. (direkt vom Künstler, verso mit dem Etikett, bis mind. 1921: Ausstellung Hannover).
Privatsammlung Deutschland/Südamerika (Anfang 1930er Jahre erworben, durch Erbschaft in Familienbesitz bis 2000, Grisebach).
Kunsthandel Schweiz (vom Vorgenannten erworben).
Galerie Thomas, München (vom Vorgenannten, auf der Rückseite des Schmuckrahmens mit einem Etikett).
Eva Mollet-Jäggli, Bottmingen, Schweiz.
Privatsammlung Schweiz (von der Vorgenannten durch Erbschaft).
AUSSTELLUNG: Galerie Flechtheim Düsseldorf, Heinrich Campendonk. Von Pfingsten bis 12. Juni 1920, Kat.-Nr. 51.
Heinrich Campendonk - Carl Hofer. Gemälde, 42. Sonderausstellung der Kestner-Gesellschaft Hannover, 20. April - 18. Mai 1921, Kat.-Nr. 18.
LITERATUR: Andrea Firmenich, Heinrich Campendonk 1889-1957. Leben und expressionistisches Werk, mit Werkkatalog des malerischen Œuvres, Recklinghausen 1989, WVZ-Nr. 791 (m. SW-Abb., hier unter 1919 gelistet) und WVZ-Nr. 820 (ohne Abb.).
-
Georg Biermann, Heinrich Campendonk, in: Junge Kunst, Bd. 17, Leipzig 1921 (m. SW-Abb., hier irrtümlich unter der Jahresangabe "1919" gelistet).
Grisebach, Berlin, Auktion 79, Ausgewählte Werke, 26.5.2000, Los 39 (m. Farbabb.).
"In München traf ich morgens um sieben Uhr ein, traf eine Stunde später mit [Helmuth] Macke zusammen. Nachmittags waren wir bei Kandinsky, wo wir großartige Dinge sahen [..]. Montag waren wir im Salon Thannhauser und in der Pinakothek [..]. Abends fuhren wir mit Mackes Vetter [August] nach Penzberg, wo Herr [Franz] Marc uns im Wagen abholte, und es ging im Trab nach Sindelsdorf."
Heinrich Campendonk, 7.10.1911, Briefnotiz an Adda Deichmann.
1889 - 1957
Der Angler. 1920.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten monogrammiert "C" und datiert. 72 x 92 cm (28,3 x 36,2 in).
[JS].
• SCHAFFENSZEIT Die während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Gemälde gelten als die gefragtesten Werke des Künstlers.
• EINSAMKEIT Von 1916 bis 1921 zieht sich Campendonk in das Fischerdorf Seeshaupt an den Starnberger See zurück.
• RÄTSELHAFT Hat Campendonk uns in der harmonischen Inszenierung von Mensch und Natur eine Selbstdarstellung hinterlassen?
• FORMAT Eines der größten bisher auf dem internationalen Auktionsmarkt angebotenen Campendonk-Gemälde.
• DOKUMENTIERT 1921 in der Campendonk-Literatur abgebildet sowie 1920 und 1921 bei Flechtheim und in der Kestner-Gesellschaft Hannover ausgestellt.
• MUSEAL Gemälde dieser Schaffenszeit u. a. in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, in der Kunsthalle Basel und im Stedelijk Museum, Amsterdam.
Wir danken Gisela Geiger, Penzberg, und Thomas Lensch, Augsburg, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.
PROVENIENZ: Zinglers Kabinett, Frankfurt a. M. (direkt vom Künstler, verso mit dem Etikett, bis mind. 1921: Ausstellung Hannover).
Privatsammlung Deutschland/Südamerika (Anfang 1930er Jahre erworben, durch Erbschaft in Familienbesitz bis 2000, Grisebach).
Kunsthandel Schweiz (vom Vorgenannten erworben).
Galerie Thomas, München (vom Vorgenannten, auf der Rückseite des Schmuckrahmens mit einem Etikett).
Eva Mollet-Jäggli, Bottmingen, Schweiz.
Privatsammlung Schweiz (von der Vorgenannten durch Erbschaft).
AUSSTELLUNG: Galerie Flechtheim Düsseldorf, Heinrich Campendonk. Von Pfingsten bis 12. Juni 1920, Kat.-Nr. 51.
Heinrich Campendonk - Carl Hofer. Gemälde, 42. Sonderausstellung der Kestner-Gesellschaft Hannover, 20. April - 18. Mai 1921, Kat.-Nr. 18.
LITERATUR: Andrea Firmenich, Heinrich Campendonk 1889-1957. Leben und expressionistisches Werk, mit Werkkatalog des malerischen Œuvres, Recklinghausen 1989, WVZ-Nr. 791 (m. SW-Abb., hier unter 1919 gelistet) und WVZ-Nr. 820 (ohne Abb.).
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Georg Biermann, Heinrich Campendonk, in: Junge Kunst, Bd. 17, Leipzig 1921 (m. SW-Abb., hier irrtümlich unter der Jahresangabe "1919" gelistet).
Grisebach, Berlin, Auktion 79, Ausgewählte Werke, 26.5.2000, Los 39 (m. Farbabb.).
"In München traf ich morgens um sieben Uhr ein, traf eine Stunde später mit [Helmuth] Macke zusammen. Nachmittags waren wir bei Kandinsky, wo wir großartige Dinge sahen [..]. Montag waren wir im Salon Thannhauser und in der Pinakothek [..]. Abends fuhren wir mit Mackes Vetter [August] nach Penzberg, wo Herr [Franz] Marc uns im Wagen abholte, und es ging im Trab nach Sindelsdorf."
Heinrich Campendonk, 7.10.1911, Briefnotiz an Adda Deichmann.
Heinrich Campendonk – Das junge Talent des "Blauen Reiter"
Im Oktober 1911 reist der 21-jährige Heinrich Campendonk, der bald zu den jungen Talenten im Kontext des "Blauen Reiter" zählt, auf Einladung von Franz Marc nach München, wo er gemeinsam mit Helmuth Macke erstmals auf die zentrale treibende Kraft der Vereinigung, Wassily Kandinsky, dessen Lebensgefährtin Gabriele Münter und auf August Macke trifft. Auf dem Balkon von Kandinskys Stadtwohnung entsteht ein heute berühmtes gemeinsames Foto der Künstler, bevor Campendonk weiter in das idyllische Sindelsdorf reist, wo zu diesem Zeitpunkt neben Franz und Maria Marc auch August, Elisabeth und Helmuth Macke leben. Campendonk teilt sich dort mit Helmuth Macke, der zuvor gemeinsam mit ihm an der Kunstgewerbeschule Krefeld studiert hatte, Wohnung und Atelier. Kandinsky und Münter wohnen wenige Kilometer entfernt in Murnau. Campendonk nimmt schließlich auch 1911 und 1912 an den beiden ersten Ausstellungen des "Blauen Reiter" teil und wird 1912 Mitglied dieser progressiven Künstlergruppe, die sich im Jahr davor von der Neuen Münchener Künstlervereinigung abgespalten hatte. Der Beginn des Ersten Weltkrieges jedoch entzweit die Mitglieder des "Blauen Reiter". Franz Marc sowie August und Helmuth Macke etwa melden sich in anfänglicher Kriegseuphorie bald als Freiwillige, denn wie viele andere Künstler und Intellektuelle versprach man sich vom Krieg anfänglich eine reinigende oder gar heilende Wirkung für "ein krankes Europa". Andere wiederum, wie der Russe Kandinsky, müssen Deutschland nach Kriegsausbruch verlassen. Campendonk lehnt den Kriegsdienst ab, er wird bereits kurz nach seiner Rekrutierung im Frühjahr 1915 krankheitsbedingt entlassen und geht zurück nach Sindelsdorf zu seiner Frau Ada sowie Maria Marc, die dort in unmittelbarer Nachbarschaft lebt. Auch Franz Marcs anfängliche Begeisterung weicht bald einer wachsenden Sorge und Angst. Als er eine Postkarte mit der Abbildung seiner berühmten "Tierschicksale" (1913, Kunstmuseum Basel) an die Front zugeschickt bekommt, schreibt er am 17. März 1915 an seine Frau Maria: "Bei diesem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es war eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe!" (Susanna Partsch, Marc, S. 76, in: Klaus Lankheit u. Uwe Steffen (Hrsg.), Franz Marc: Briefe aus dem Feld, München 1986, S. 50). 1916 schließlich für die Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands ausgewählt und vom Kriegsdienst befreit, sollte Franz Marc dennoch an seinem letzten Einsatztag im März 1916 unweit von Verdun sein Leben lassen. Campendonk trifft die Nachricht vom Tod seines Freundes und künstlerischen Mitstreiters hart, er verlässt daraufhin Sindelsdorf und zieht gemeinsam mit Ada in ein Bauernhaus in Seeshaupt am Starnberger See, wo er fortan sehr zurückgezogen lebt und die Schrecken des Krieges zu verdrängen sucht.
Von Sindelsdorf nach Seeshaupt – Schaffenskraft in Einsamkeit und das Trauma des Ersten Weltkrieges
In Seeshaupt am Starnberger See emanzipiert Campendonk sich in entscheidender Weise vom Stil des "Blauen Reiter" und findet zu einer poetisch-entrückten Bildsprache, die sich in leuchtenden und nahezu transzendent wirkenden Farb- und Lichträumen Bahn bricht. Der zentrale Bildgegenstand dieser Malerei ist eine auf den ersten Blick paradiesisch wirkende Einheit von Mensch, Tier- und Pflanzenwelt. Aber die Beziehungslosigkeit und Isolation der Figuren bringen auch in diesen zwischen 1916 und 1921 in Seeshaupt geschaffenen Kompositionen stets eine unsichtbare, latente Bedrohung zum Ausdruck, die durch den Einsatz dunkler Farbnuancen noch dramatisch gesteigert wird und somit die Schrecken des Krieges indirekt weiter thematisiert. Die eindrucksvolle Komposition "Der Angler" dokumentiert technisch und stilistisch Campendonks gemeinsame künstlerische Prägung mit Franz Marc, aber zugleich auch seine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk seiner französischen Zeitgenossen, von Marc Chagall über Robert Delaunay bis hin zu dem eine Generation älteren Henri Rousseau, und zählt – wie auch die um 1920 entstandene "Hirtin mit Kühen" (Städtische Galerie im Lenbachhaus, München) und das "Interieur" (1919, Kunsthalle Basel) – zu den Hauptwerken dieser wichtigen Schaffensphase, in der Campendonk ein extrem zurückgezogenes oder gar isoliertes Leben in der Natur führt. Die Campendonk-Expertin Gisela Geiger schreibt: "Der ekstatische Schaffensprozess verlangte einen Ort außerhalb der Welt, der die Isolation auf die Spitze trieb: das Atelier. Trotz des großen Seeshaupter Hauses und der beklagten Geldknappheit mietete sich Campendonk ein separates Atelier, in dem sich der rauschhafte Schaffensprozess ungestört entfalten durfte [...]" (zit. nach: Gisela Geiger, Heinrich Campendonk, Penzberg 2007, S. 63). Inhaltliche und kompositionelle Parallelen zeigen sich unter anderem auch zu dem heute im Von der Heydt-Museum, Wuppertal befindlichen Selbstbildnis "Der Maler auf dem Lande" aus dem Jahr 1917, das ebenfalls den einsamen Künstler oder Protagonisten zu einer stilisierten Tier- und Pflanzenwelt in Beziehung setzt. Hat Campendonk also womöglich auch in dem vorliegenden, rätselhaft-traumartig anmutenden Gemälde, das unter dem Titel "Der Angler" in der Literatur verzeichnet ist, seine eigene komplexe Gefühlswelt dieser Jahre am Starnberger See in einer expressionistischen Selbstdarstellung auf die Leinwand gesetzt? Auch wenn die biografischen Bezüge dieser herausragenden Komposition unverkennbar sind, muss dies gewiss auch in Zukunft ein Rätsel bleiben. [JS]
Im Oktober 1911 reist der 21-jährige Heinrich Campendonk, der bald zu den jungen Talenten im Kontext des "Blauen Reiter" zählt, auf Einladung von Franz Marc nach München, wo er gemeinsam mit Helmuth Macke erstmals auf die zentrale treibende Kraft der Vereinigung, Wassily Kandinsky, dessen Lebensgefährtin Gabriele Münter und auf August Macke trifft. Auf dem Balkon von Kandinskys Stadtwohnung entsteht ein heute berühmtes gemeinsames Foto der Künstler, bevor Campendonk weiter in das idyllische Sindelsdorf reist, wo zu diesem Zeitpunkt neben Franz und Maria Marc auch August, Elisabeth und Helmuth Macke leben. Campendonk teilt sich dort mit Helmuth Macke, der zuvor gemeinsam mit ihm an der Kunstgewerbeschule Krefeld studiert hatte, Wohnung und Atelier. Kandinsky und Münter wohnen wenige Kilometer entfernt in Murnau. Campendonk nimmt schließlich auch 1911 und 1912 an den beiden ersten Ausstellungen des "Blauen Reiter" teil und wird 1912 Mitglied dieser progressiven Künstlergruppe, die sich im Jahr davor von der Neuen Münchener Künstlervereinigung abgespalten hatte. Der Beginn des Ersten Weltkrieges jedoch entzweit die Mitglieder des "Blauen Reiter". Franz Marc sowie August und Helmuth Macke etwa melden sich in anfänglicher Kriegseuphorie bald als Freiwillige, denn wie viele andere Künstler und Intellektuelle versprach man sich vom Krieg anfänglich eine reinigende oder gar heilende Wirkung für "ein krankes Europa". Andere wiederum, wie der Russe Kandinsky, müssen Deutschland nach Kriegsausbruch verlassen. Campendonk lehnt den Kriegsdienst ab, er wird bereits kurz nach seiner Rekrutierung im Frühjahr 1915 krankheitsbedingt entlassen und geht zurück nach Sindelsdorf zu seiner Frau Ada sowie Maria Marc, die dort in unmittelbarer Nachbarschaft lebt. Auch Franz Marcs anfängliche Begeisterung weicht bald einer wachsenden Sorge und Angst. Als er eine Postkarte mit der Abbildung seiner berühmten "Tierschicksale" (1913, Kunstmuseum Basel) an die Front zugeschickt bekommt, schreibt er am 17. März 1915 an seine Frau Maria: "Bei diesem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es war eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe!" (Susanna Partsch, Marc, S. 76, in: Klaus Lankheit u. Uwe Steffen (Hrsg.), Franz Marc: Briefe aus dem Feld, München 1986, S. 50). 1916 schließlich für die Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands ausgewählt und vom Kriegsdienst befreit, sollte Franz Marc dennoch an seinem letzten Einsatztag im März 1916 unweit von Verdun sein Leben lassen. Campendonk trifft die Nachricht vom Tod seines Freundes und künstlerischen Mitstreiters hart, er verlässt daraufhin Sindelsdorf und zieht gemeinsam mit Ada in ein Bauernhaus in Seeshaupt am Starnberger See, wo er fortan sehr zurückgezogen lebt und die Schrecken des Krieges zu verdrängen sucht.
Von Sindelsdorf nach Seeshaupt – Schaffenskraft in Einsamkeit und das Trauma des Ersten Weltkrieges
In Seeshaupt am Starnberger See emanzipiert Campendonk sich in entscheidender Weise vom Stil des "Blauen Reiter" und findet zu einer poetisch-entrückten Bildsprache, die sich in leuchtenden und nahezu transzendent wirkenden Farb- und Lichträumen Bahn bricht. Der zentrale Bildgegenstand dieser Malerei ist eine auf den ersten Blick paradiesisch wirkende Einheit von Mensch, Tier- und Pflanzenwelt. Aber die Beziehungslosigkeit und Isolation der Figuren bringen auch in diesen zwischen 1916 und 1921 in Seeshaupt geschaffenen Kompositionen stets eine unsichtbare, latente Bedrohung zum Ausdruck, die durch den Einsatz dunkler Farbnuancen noch dramatisch gesteigert wird und somit die Schrecken des Krieges indirekt weiter thematisiert. Die eindrucksvolle Komposition "Der Angler" dokumentiert technisch und stilistisch Campendonks gemeinsame künstlerische Prägung mit Franz Marc, aber zugleich auch seine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk seiner französischen Zeitgenossen, von Marc Chagall über Robert Delaunay bis hin zu dem eine Generation älteren Henri Rousseau, und zählt – wie auch die um 1920 entstandene "Hirtin mit Kühen" (Städtische Galerie im Lenbachhaus, München) und das "Interieur" (1919, Kunsthalle Basel) – zu den Hauptwerken dieser wichtigen Schaffensphase, in der Campendonk ein extrem zurückgezogenes oder gar isoliertes Leben in der Natur führt. Die Campendonk-Expertin Gisela Geiger schreibt: "Der ekstatische Schaffensprozess verlangte einen Ort außerhalb der Welt, der die Isolation auf die Spitze trieb: das Atelier. Trotz des großen Seeshaupter Hauses und der beklagten Geldknappheit mietete sich Campendonk ein separates Atelier, in dem sich der rauschhafte Schaffensprozess ungestört entfalten durfte [...]" (zit. nach: Gisela Geiger, Heinrich Campendonk, Penzberg 2007, S. 63). Inhaltliche und kompositionelle Parallelen zeigen sich unter anderem auch zu dem heute im Von der Heydt-Museum, Wuppertal befindlichen Selbstbildnis "Der Maler auf dem Lande" aus dem Jahr 1917, das ebenfalls den einsamen Künstler oder Protagonisten zu einer stilisierten Tier- und Pflanzenwelt in Beziehung setzt. Hat Campendonk also womöglich auch in dem vorliegenden, rätselhaft-traumartig anmutenden Gemälde, das unter dem Titel "Der Angler" in der Literatur verzeichnet ist, seine eigene komplexe Gefühlswelt dieser Jahre am Starnberger See in einer expressionistischen Selbstdarstellung auf die Leinwand gesetzt? Auch wenn die biografischen Bezüge dieser herausragenden Komposition unverkennbar sind, muss dies gewiss auch in Zukunft ein Rätsel bleiben. [JS]
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