126001085
Max Beckmann
Die Hunde werden größer, 1947.
Aquarellund Gouache über Kohle, Bleistift und T...
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126001085
Max Beckmann
Die Hunde werden größer, 1947.
Aquarellund Gouache über Kohle, Bleistift und T...
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
 

Max Beckmann
1884 - 1950

Die Hunde werden größer. 1947.
Aquarellund Gouache über Kohle, Bleistift und Tuschfeder.
Rechts unten signiert und datiert "25.11.47 I B". Verso handschriftlich bezeichnet "Die Hunde werden grösser. 25.11.47. Amsterdam" sowie mit einer Widmung von Quappi Beckmann an Günther Franke: "für Günter Franke | in alter Freundschaft | und Gedenken an Max | herzlich von | Mathilde Quappi Beckmann.". Auf PH-Antique-Bütten. 34,5 x 25 cm (13,5 x 9,8 in), blattgroß. [JS].

Weitere Werke aus der Sammlung Kropatscheck kommen in unserem Day Sale am Samstag, dem 5. Dezember 2026, in unserer Auktion Wertvolle Bücher am Montag, dem 23. November 2026, sowie in unserem Online Sale vom 15. Januar bis zum 15. Februar 2027 zum Aufruf.
• MODERNES MARTYRIUM Sinnbild für Beckmanns tragische Lebenssituation im Jahr 1947.
• AUFBRUCH/NEUANFANG entstanden zwischen Amsterdamer Exil und Beckmanns Neubeginn in Amerika, wie dasTriptychon "The Beginning"(1946–1949; Metropolitan Museum, New York).
• RÄTSELHAFT Schreckensszenario als verdichtetes Sinnbild politischer Bedrohung?
• BESTE PROVENIENZ Von Quappi Beckmanns Galeristen Günther Franke gewidmet.
• VIELFACH AUSGESTELLT Wichtige Einzelausstellungen u. a. Schirn, Frankfurt a. Main (2006), Van Gogh Museum, Amsterdam (2007), Städel, Frankfurt a. Main (2011/12) und Kunsthalle Hamburg (2021/22)
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PROVENIENZ: Mathilde (Quappi) Beckmann, New York.
Günther Franke, München (Beckmanns Galerist und Kunsthändler, Schenkung von der Vorgenannten, verso gewidmet).
Sophie Franke, München (1977, vom Vorgenannten).
Privatsammlung (1992, Kornfeld).
Sammlung Fritz Eugen und Hannemarie Kropatscheck, Hamburg (2006 vom Vorgenannten erworben, Kornfeld).

AUSSTELLUNG: Buchholz Gallery - Valentin Gallery, New York (als Leihgabe in der Galerieliste vermerkt "anonymous loan, not for sale").
Max Beckmann. Frankfurter Kunstkabinett Hanna Brekker vom Rath, Frankfurt a. Main, 1955, Kat.-Nr. 31 (hier mit abweichender Maßangabe).
Max Beckmann. 180 Zeichnungen und Aquarelle aus deutschem und amerikanischem Besitz, Galerie Günther Franke, München, 1975, Kat.-Nr. 149.
Max Beckmann. Aquarelle und Zeichnungen 1903-1950, Kunsthalle Bielefeld, 1977, Kat-Nr. 204, S. 75 (m. Abb.).
Der Zeichner und Grafiker Max Beckmann, Kunstverein Hamburg, 1979, Kat.-Nr. 140, S. 139 (m. Abb. S. 129).
Hommage à Günther Franke. Barlach, Baumeister, Beckmann, Bembé, Blumenthal.., Villa Stuck, München, 1983, Kat.-Nr. 19, S. 37 (m. Abb., hier mit abweichenden Maßen).
Max Beckmann. Retrospektive, Haus der Kunst, München, 1984, Kat.-Nr.196, S. 369 (m. Abb.).
Max Beckmann. Die Aquarelle und Pastelle, Schirn Kunsthalle, Frankfurt a. Main, 2006.
Max Beckmann. Exil in Amsterdam, Van Gogh Museum, Amsterdam, 6.4.-19.8.2007; Pinakothek der Moderne, München, 13.9.2007-6.1.2008, S. 342 (m. Abb. S. 343).
Beckmann & Amerika, Städel Museum, Frankfurt a. Main, 2011/12, Kat.-Nr. 52, S. 132 (m. Abb. S. 133).
Dix / Beckmann: Mythos der Welt, Kunsthalle Mannheim, 2013/14, Kat.-Nr. 89, S. 240 (m. Abb. S. 209).
Max Beckmann. weiblich - männlich, Kunsthalle Hamburg, 2020/21, Kat.-Nr. 75 (m. Abb. S. 152).

LITERATUR: Anja Tiedemann, Kaldewei Kulturstiftung (Hrsg.), Werkverzeichnis Max Beckmann - Catalogue Raisonné der Gemälde, Frankfurt a. Main, Online-WVZ-Nr. MB-AP 134 (m. Abb.), https://max-beckmann.org/mb/ap/134 aufgerufen 10.10.2026).
Mayen Beckmann u Siegfried Gohr, Max Beckmann. Die Aquarelle und Pastelle. Werkverzeichnis der farbigen Arbeiten auf Papier, Köln 2006, WVZ-Nr. 134, S. 296/297 (m. Abb.).
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Max Beckmann, Tagebucheintrag vom 27. Dezember 1947 (https://www.beckmann-tagebuecher.de/1947/1872; aufgerufen 20.10.2026).
Stadtnächte. Der Zeichner und Grafiker Max Beckmann, Ausst.-Kat. Kunstverein Hamburg 1980, S. 141 (m. Abb. S. 133).
Erhard Göpel (Hrsg.), Max Beckmann. Tagebücher 1940-1950, München 1984, S. 240.
Max Beckmann. Retrospective, Ausst. Kat. St. Louis Art Museum 1984, S. 369.
Galerie Kornfeld, Bern, Auktion Moderne Kunst, Teil I, 26.6.1992, Los 5 (m. Abb.).
Klaus Gallwitz, Uwe M. Schneede, Stephan von Wiese (Hrsg.), Max Beckmann Briefe, 1937-1950, Bd. III, München/Zürich 1996, S. 12.
Helmut G. Schütz, Sphinx Beckmann. Exemplarische Annäherung an Max Beckmanns Kunst, München 1997, S. 123.
Siegfried Gohr, Selbstgespräche. Aquarelle und Pastelle von Max Beckmann, in: Ausst. Kat. Sinclaire-Haus Bad Homburg 2001, S. 30 und 38.
Galerie Kornfeld, Bern, Auktion Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Teil I, 16.6.2006, Los 32 (m. Abb.).

"Die Hunde werden größer" lautet der rätselhafte Titel, den Max Beckmann dieser in all ihrer Direktheit und Brutalität verstörenden Szenerie seines berühmten malerischen "Welttheaters" beigegeben hat. Begonnen hat Beckmann sie wohl entsprechend der rückseitigen Bezeichnung noch im Amsterdamer Exil kurz vor seiner Überfahrt nach New York (29. August bis zum 9. September 1947). Fertiggestellt hat er sie gegen Ende desselben Jahres und hält am 27. Dezember 1947, wenige Monate zuvor endlich in den USA angekommen, in St. Louis in seinem Tagebuch fest: "Schön in Wintersonne am Delmar. Unendlich heiter. […] neue und alte Aquarelle corrigiert. Zum Schluß »die Hunde werden größer.«" Dicht gedrängt spielt sich auf engstem Raum eine bizarre Szenerie ab: Ein riesiger, schemenhaft umrissener Hund umgreift eine schmerzverzerrt schreiende, halb nackte Frau und ist gerade dabei, seine Zähne in ihr Fleisch zu schlagen. Mit stark überstrecktem Kopf jault ein ebenso monströser Hund am rechten Bildrand, während durch einen düster-violetten Vorhang getrennt, in der linken Bildhälfte weitere Figuren teils wehklagend, teils eng umschlungen und teils teilnahmslos diesem finsteren Schauspiel beiwohnen. Was aber will Beckmann in dieser Szene ausdrücken? Was ist die tiefere Bedeutung dieses zwischen Amsterdam und New York, zwischen Europa und Amerika entstandenen künstlerischen Exzesses?

Christiane Zeiller, hat die rätselhafte Szene im Ausstellungskatalog "Max Beckmann. Exil in Amsterdam" (Van Gogh Museum, Amsterdam / Pinakothek der Moderne, München, Ostfildern 2007) mit Verweis auf die ältere Beckmann-Forschung folgendermaßen zu entschlüsseln versucht: "Ob das Thema 'eindeutig als männliche Sexualphantasie zu entschlüsseln' sei (J. Weiss in: München et al 1984, Nr. 196, S. 369), lässt sich mit letzter Sicherheit nicht klären, wobei Erotik und Gewalt, besonders in dieser Verbindung, seit dem Hauptwerk 'Die Nacht' (1918/19 [...]) ein wichtiger Topos in Beckmanns Œuvre sind. Es ist denkbar, dass der Bildtitel auf das gesteigerte Tempo des Lebens in den USA gemünzt ist [...], mehr noch aber das Laute, Grelle der Darstellung. Beckmann hat in der kurzen Zeit von drei Monaten in den USA […] ein Reigen von Coctailpartys und Feiern absolviert und am pulsierenden Leben New Yorks teilgenommen."

Unklar aber bleibt, woher die enorme, albtraumartige Gewalttätigkeit und Brutalität dieser Szene herrührt. Hat Beckmann uns in diesem rätselhaft verdichteten Blatt vielleicht vielmehr eine komplexe politische Allegorie hinterlassen, die in all ihrer verstörenden Direktheit und Brutalität einem modernen Martyrium gleicht und damit entfernt an sein Gemälde "Hölle der Vögel" (1937/38) erinnert, Beckmanns berühmte und verstörende Allegorie auf den Nationalsozialismus? Mit Blick auf Beckmanns Lebenssituation und die politischen Umstände im Jahr 1947 erscheint dieser Gedanke nur auf den ersten Blick unwahrscheinlich. Denn auch wenn der Zweite Weltkrieg bereits seit Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands offiziell beendet ist, hat der Schrecken auch nach dem Befreiungstag der Niederlande, den Beckmann am 5. Mai 1947 euphorisch als solchen in seinem Tagebucheintrag feiert, noch lange kein Ende. Die niederländische Regierung startet die "Operation Black Tulip", die das Ziel verfolgt, alle in den Niederlanden ansässigen ethnischen Deutschen als "feindliche Subjekte" auszuweisen. Beckmann selbst entgeht vermutlich lediglich aufgrund seiner Hilfe für einen niederländischen Widerstandskämpfer der Ausweisung und wird 1946 offiziell als "nicht-feindlich" eingestuft. Aber auch Deutsche, die sich bereits in den vereinigten Staaten befinden, werden nun als "feindliche Ausländer" stigmatisiert und zum Teil bis 1948 in Sammellagern interniert. Beckmanns Situation im Jahr 1947 ist also die eines allseits Unwillkommenen, in Deutschland bis vor Kurzem von der nationalsozialistischen Ideologie als "entarteter Künstler" gebrandmarkt, in den Niederlanden der ständigen Angst vor der Ausweisung ausgesetzt und von Amerika aufgrund der noch immer schwierigen Einreisebedingungen für Ausländer ebenso nicht wirklich willkommen geheißen: Beckmanns erster Antrag auf Einreisegenehmigung war von den USA bereits 1939 abgelehnt worden, 1947 beantragt er dann schließlich als "nicht-feindlicher" Ausländer ein Besuchervisum, dass es ihm zunächst erlaubt, der Einladung als Gastprofessor an die Washington University in St. Louis zu folgen, wo er die vorliegende, komplexe Komposition fertigstellt. Für seine Statusänderung vom Besucher zum Einwanderer muss Beckmann aber die USA schließlich 1948 erneut für wenige Monate verlassen und wieder in die Niederlande zurückkehren, bevor er schließlich im September 1948 endlich als offiziell anerkannter Einwanderer nach Amerika einreisen darf. Beckmann ist 1947 einem modernen Odysseus gleich auf einer unendlichen, quälenden Reise, gefangen und allseits von drohenden Gefahren bedrängt. Sind es also Beckmanns Sorgen und Ängste, seine tiefen psychischen Qualen des Jahres 1947, die in all ihrer Bedrohlichkeit, Brutalität und Härte in "Die Hunde werden größer" hineingeflossen sind? Wer Max Beckmanns hoch verdichtetes "Welttheater" kennt, kann oder besser sollte davon ausgehen. [JS]





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