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Auktion: 412 / Alte Meister am 22.11.2013 in München Lot 76

 
Objektbeschreibung
80 Bll.: Los Caprichos. 1799.
Aquatintaradierungen.
Delteil 38-117. Harris 36-115, III, 1 (von 12). Prachtvolle Drucke auf Bütten vor der Facettierung der Platten und mit allen bei Harris angeführten Kriterien für die frühesten Drucke. Ca. 21,2 x 15 cm (8,3 x 5,9 in). Papier: ca. 30,5 x 19,5 cm (12 x 7,7 in).
Buchmaß: 31 x 21 x 2 cm (12,2 x 8,3 x 0,8 in).
Komplette Folge der ersten Ausgabe von 1799. In hellbraunem Maroquinband (Mitte 19. Jh,) mit Rücken-, Steh- und Innenkantenvergoldung, Deckelfileten und Goldschnitt.

PROVENIENZ: Auktion Karl und Faber, 10.12.1969, Los 439;
Dr. Rolf Linnenkamp, München.

Francisco de Goya wird 1746 als Sohn eines Vergolders und einer verarmten Landadeligen geboren und beginnt seine künstlerische Ausbildung 1758, mit zwölf Jahren, in Saragossa bei dem Maler José Luzán. 1766 zieht er nach Madrid und arbeitet im Atelier Francesco Bayeus, der unter Anton Raphael Mengs am spanischen Hofe Karls III. arbeitet. Auf Anregung von Bayeu unternimmt Goya 1770 eine Italienreise und erhält bei seiner Rückkehr im Jahr darauf seinen ersten bedeutenden Auftrag für Fresken in der Kuppel der Basílica del Pilar in Saragossa. 1775 wird Goya von Mengs für die von ihm gegründete königliche Teppichmanufaktur Santa Bárbara in Madrid angeworben. Bis 1780 führt er 39 Entwürfe für Tapisseriekartons aus, die volkstümliche Szenen im Stil des spanischen Rokoko abbilden und dem Geschmack des Königshauses entsprechen. Mit diesem Erfolg beginnt Goyas Aufstieg in die höchsten Ämter. 1783 wird er dem Bruder des Königs, Don Luis, vorgestellt und er erhält Aufträge für mehrere Bildnisse des Infanten mit seiner Familie. 1785 wird Goya Vizedirektor der Malklasse der Akademie. Nach der Thronbesteigung Karls IV. avanciert Goya offiziell zum Hofmaler. Unter dem Eindruck der Französischen Revolution und der damit einhergehenden historischen Entwicklungen erfährt die Kunst des nun 50-jährigen Goya einen schroffen Stilwandel. Auch eine schwere Erkrankung 1792, die zu lebenslanger Taubheit führt, mag zu diesem Wandel beigetragen haben. Goya wird zu einem der frühesten Repräsentanten des modernen Realismus. Als Zeitgenosse einer äußerst widerspruchsvollen Zeit dient Goya als Hofmaler sowohl Karl IV. als auch Joseph II. und Ferdinand VII., aber er nutzt diese Beziehungen gegen die Bedrohungen der Inquisition. Als bevorzugter Porträtist führt er von 1794 bis 1800 einige seiner großartigsten Bildnisse aus (u.a. Gruppenbildnis der Familie Karls IV., 1800). Der nationale Befreiungskrieg gegen die napoleonische Fremdherrschaft hat sich in dem bis heute unübertroffenen Werk "Die Erschießung der Madrider Aufständischen von 1808" und in den Radierzyklen "Caprichos" (1797/98) bzw. "Desastres de la Guerra" (1808-1815) niedergeschlagen. In einer bis dahin unbekannten Realistik und Leidenschaft entwickelt Goya in dieser zweiten Phase seines Schaffens eine expressive und aufwühlende Bildsprache. Ungewöhnlich offen und mutig prangert der Künstler die Gräuel des Krieges und die Verfehlungen der Kirche an. Neben den in den folgenden Jahren entstehenden Bildnissen von Madrider Patriziern und Aristokraten malt Goya 1800-1802 zwei seiner Hauptwerke, "Die bekleidete Maja" und "Die nackte Maja". Nach der Thronbesteigung Ferdinands VII. gerät der Maler trotz seiner höfischen Beziehungen aufgrund seiner Opposition gegen Inquisition und Folter zunehmend ins gesellschaftliche Abseits. Daher zieht er sich 1820 auf sein Landhaus Quinta del Sordo (Landhaus des Tauben) zurück, wo er die Wände mit den "schwarzen Malereien" bemalt, welche die Nachtseite, das Dämonische und Irrationale menschlicher Existenz in bislang unbekannter Eindringlichkeit behandeln. Ab 1823 werden die politischen Umstände untragbar, so dass sich der liberale Goya 1824 zur Emigration nach Frankreich entschließt. Vier Jahre später, 1828, stirbt der Künstler im französischen Bordeaux. Francisco de Goya hat als einer der herausragenden Maler der europäischen Kunstgeschichte viele Entwicklungslinien bis in die Moderne vorgezeichnet.

"Wer die Caprichos jemals vor sich hatte, wird sie nie wieder vergessen: immer der beste Prüfstein für echte Kunst. Das spanische Kolorit und die eigenartige Manier der Darstellung, die Energie der Modelierung, die Tiefe und Breite im Strich, das geistreiche Abstufen der Tönung, die geschickte Verteilung der Lichter und Schatten, das Maßhalten im Komponieren und Ausführen, die Betonung der Hauptsachen und Weglassen des Unwesentlichen, z.B. des Hintergrundes, das Vermeiden von Künstlerei, alles das wirkt zusammen, daß die Caprichos in der Geschichte des Kupferstichs eine besondere Stellung einnehmen. […] Den Ruhm verdanken sie ihrem geistreichen Inhalt und namentlich den Anspielungen auf das Madrider Leben, die man allenthalben in den Blättern zu finden meinte. Durch die Caprichos ist Goya der Hauptvertreter des Satirebildes geworden. Sie stehen in ihrer Art noch heute unerreicht da, auch durch die politischen und sozialen Spannungen des neunzehnten Jahrhunderts auf diesem Gebiete eine ungeheure Produktion stattgefunden hat.
Caprichos bedeutet Einfälle. Was aber Goya unter diesem Titel gibt, sind nicht Einfälle eines harmlosen Künstlers, der, was ihm gerade in den Sinn kommt, auf die Platte kritzelt, sondern Einfälle eines kritischen Geistes, der die Dinge der Welt scharf zu beobachten pflegt und nur zur Nadel greift, um über die ihm auffallenden Zustände schonungslos den bittersten Spott auszugießen.
Zur Erklärung hat Goya knapp gehaltene Unterschriften beigefügt und außerdem handschriftliche Bemerkungen hinterlassen. Man würde aber fehl gehen, wollte man annehmen, daß Goya klipp und klar den Sinn der Blätter dargelegt hätte. Der schlaue Künstler hat vielmehr Unterschriften und Kommentar nur dazu benutzt, seine Gedanken in überaus geistreicher Weise zu verschleiern, ihnen durch Verallgemeinerung eine scheinbar harmlose, rein menschliche Deutung zu geben, und hat so die Lösung der Rätsel noch mehr erschwert.
Zu boshaften Betrachtungen bot das Leben von Madrid reichlich Stoff. Eine Menge Blätter beschäftigen sich mit der Unsittlichkeit, dem Treiben der Dirnen und Kupplerinnen. Man darf nicht überrascht sein, daß die Darstellung hier bisweilen das Obszöne streift; die Zeit des Rokoko war dergleichen gewöhnt." (Richard Oertel, Francisco de Goya, Bielefeld/Leipzig 1907, S. 92ff., erschienen in der Reihe der Künstler-Monographien, Bd. 49, hrsg. von H. Knackfuß)

76
Francisco de Goya
80 Bll.: Los Caprichos, 1799.
Aquatintaradierung
Schätzung:
€ 120.000
Ergebnis:
€ 195.200

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
 


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