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Auktion: 424 / Klassische Moderne am 11./13.06.2015 in München Lot 221

 
Objektbeschreibung
Bildnis Charlotte Cuhrt. 1910.
Öl auf Leinwand.
Soika 1910/62. Links unten signiert und datiert. 175 x 85 cm (68,8 x 33,4 in).
In Original-Rahmen. [KD/ATh].
Pechsteins leuchtende Gemälde der "Brücke"-Zeit, welche sich heute zum Großteil in öffentlichen Sammlungen befinden, gelten als die gefragtesten Werke des Künstlers auf dem internationalen Auktionsmarkt.

PROVENIENZ: Max Cuhrt, Berlin (1910 beim Künstler in Auftrag gegeben und bis 2008 in Familienbesitz).
Privatsammlung (seit 2008).

AUSSTELLUNG: Neue Sezession, III. Ausstellung, Kunstsalon Maximilian Macht, Berlin, 18.2.-Mitte April 1911, Nr. 33 (Bildnis L. C.).
Belvedere, Wien, 2009-2014 (Leihgabe aus Privatbesitz).

LITERATUR: Johannes Sievers, Die Neue Sezession in Berlin, in: Der Cicerone, Jg. 3, 1911, H. 5, S. 178.
Cora Eggers-Wrublick, Das Portrait in der Malerei Max Pechsteins. Studien zum Portrait im Expressionismus, Essen 2004, Nr. 26, S. 289.
Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 104, 151, 275.

Essay
Ein neuer Stil bricht sich die Bahn : Schlüsseljahr 1910.
Das "Bildnis Charlotte Cuhrt" entsteht auf dem Höhepunkt einer richtungsweisenden Entwicklung: 1910 bricht sich Pechsteins Expressionismus radikal die Bahn. Wo zuvor postimpressionistische Fleckigkeit und lockerer Pinselhieb dominierten, kontrastieren nun klar begrenzte, leuchtende Farbflächen. Diese neue Expressivität vereint sich im "Bildnis Charlotte Cuhrt" mit repräsentativen Werten und gesuchter Klassizität. Es entsteht ein Bild, das schreiende Ausdruckskraft und sanfte Harmonie kunstvoll miteinander vereint "..und zwar in Farben"
Was heute auf den ersten Blick überzeugt, ist in der Entstehungszeit eine Offenbarung - oder ein avantgardistischer Schock. Der konservative Kunsthistoriker Sievers schreibt 1911 über unser Bild:
"Effektvoll [..] ist das Bildnis eines in grelles Rot gekleideten Mädchens, das vor einem zum Teil scharfgelben, zum Teil stark grünen Hintergrund sitzt. [..] trotzdem sehe ich […] keine zwingende Veranlassung zu der nur auf den allergrellsten ungemischtesten Tönen beruhenden Koloristik."
Der Cicerone, Jg. 3, 1911, H. 5, S. 178.
Was Sievers so irritiert, wird im Vorwort zur Ausstellung unseres Bildes als richtungsweisender Stil der Expressionisten definiert:
"sie denken an die Wand, für die Wand und zwar in Farben. Sie wollen nicht mehr die Natur [..] wiedergeben, sondern die persönlichen Empfindungen von einem Objekt derartig verdichten, zu einem charakteristischen Ausdruck zusammenpressen, daß der Ausdruck ihrer persönlichen Empfindung stark genug ist, um für ein Wandgemälde auszureichen. […] Man setzt Farbflächen gegeneinander so, daß jene ganz unberechenbaren Gleichgewichtsgesetze von Farbquantitäten mit einem neuen Spielraum persönlicher Bewegungsfreiheit die starren wissenschaftlichen Gesetze der Farbqualitäten ablösen."
Zit. n. Liebermanns Gegner. Die Neue Secession in Berlin und der Expressionismus, Ausst. Berlin 2011, Köln 2011, S. 203.

Ein Gesamtkunstwerk: "Haus Cuhrt"
Ein gutes Jahr lebt Pechstein am Berliner Kurfürstendamm 152 im eleganten "Haus Cuhrt". Der Bau stammt von Bruno Schneidereit, in dessen Auftrag Pechstein auch die Treppenaufgänge und Empfangsräume dekoriert. Der Besitzer, Magistratssekretär Max Cuhrt, bewohnt mit seiner Familie ein großes Appartement.
Cuhrt wird wichtiger Förderer des jungen Pechstein, stellt ihm das Dachatelier zur Verfügung, gibt immer wieder Bilder in Auftrag. Pechstein ist offenbar eng vertraut mit der Familie: Die 1895 geborene Tochter Charlotte regt ihn 1908 zu einigen Lithografien an.

Kunst und Leben
1910 erhält Pechstein den Auftrag, die inzwischen 15-Jährige in unserem lebensgroßen Ölgemälde zu porträtieren. Damit wird unser Bild Teil eines großen Gesamtkunstwerks: der Wohnung der Familie Cuhrt. Schneidereit entwirft die Möbel und Täfelungen, Pechstein übernimmt die malerische Ausgestaltung.
Unser Porträt "Charlotte Cuhrt", noch heute im Originalrahmen, schmückt ein eigens angefertigtes, schwarz gebeiztes Möbel. Subtil greift Pechstein diese Verwendung im Bild auf: Im Hintergrund leuchtet ein Schrank, dessen Schwünge mit dem schmuckreich sakralisierenden Formatabschluss in Beziehung treten.
Das "Bildnis Charlotte Cuhrt" wird hier mit gleich zwei Rahmungen angeboten: Neben einem zeitlosen, modernen Exemplar erhält der Käufer auch - eine echte Besonderheit - den originalen Rahmen von Bruno Schneidereit aus dem Hause Cuhrt.
Das "Bildnis Charlotte Cuhrt" ist beredter Zeuge seiner Zeit, einer beeindruckenden Vereinigung von Kunst und Leben, des "Einheitskunstwerks", wie es gerade von den Brücke-Künstlern gefordert wird. Dieses Ideal ist hier in vorbildlicher Weise verwirklicht.

221
Hermann Max Pechstein
Bildnis Charlotte Cuhrt, 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 825.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


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