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Auktion: 479 / Klassiker des 20. Jahrhunderts I am 08.12.2018 in München Lot 815

 
Objektbeschreibung
Gebeugter weiblicher Torso. 1912/13.
Gegossene Gipsmasse, Sockel teils mit rotbrauner Fassung. Auf Holzplatte montiert.
Schubert 78 A 4/5 sowie möglicherweise auch 6 (von 7), Abb. 389. Seitlich an der Plinthe mit dem Namenszug. Eines von bisher maximal 7 bekannten Exemplaren in Gips- bzw. Steinguss. Höhe: 90 cm (35,4 in) , ohne die Sockelplatte.
Es wurde eine umfassende Materialanalyse in Auftrag gegeben, bei der u.a. Materialproben unserer Skulptur mit jenen von abgesicherten Lebzeitgüssen verglichen wurden. Die Summe der Analyse-Ergebnisse bezüglich Gußtechnik, Gußmaterial, Fassung und Zustand spricht dafür, dass es sich bei dem vorliegenden Exemplar um einen frühen Guss, eine erste Gußvariante aus Lehmbrucks wichtiger Pariser Schaffenszeit handelt.
Zum Erhaltungszustand der Arbeit konsultieren Sie bitte unseren Zustandsbericht.
Einer der ausgesprochen seltenen Stein- bzw. Gipsgüsse des "Gebeugten weiblichen Torsos", der zu den berühmtesten expressionistischen Arbeiten Lehmbrucks zählt. Sogar das Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg besitzt nur einen posthumen Bronzeguss dieser beeindruckenden Figur, von der sich heute weltweit nur ein Steinguss in einer öffentlichen Sammlung befindet (Hirshhorn Museum, Washington, Schubert 78 A 3 (von 7)).
Wir danken Herrn Prof. Dr. Dietrich Schubert, Universität Heidelberg, sowie Herrn Peter Bux, Restaurator, Leipzig, und Herrn Dr. Mario-Andreas von Lüttichau, Berlin, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Galerie Nierendorf, Berlin/Köln (1926).
Sammlung Dr. Walter Küchen, Köln-Marienberg (1926 beim Vorgenannten erworben).
Otto Gerson Gallery, New York (im August 1953 beim Vorgenannten erworben).
Curt Valentin Gallery, New York (1953 durch Beteiligung "halfshare" am Eigentum des Vorgenannten).
Sammlung Morton D. May, St. Louis (im Januar 1955 von den Vorgenannten erworben).
Washington University, St. Louis (im September 1962 vom Vorgenannten als Schenkung erhalten).
Otto Gerson Gallery, New York (1962/63 in Kommission aus der Sammlung der Vorgenannten).
Parke-Bernet, New York, Auktion 8. April 1964, Kat.-Nr. 58, mit Abb. (aus der Sammlung der Washington University).
Sammlung William C. Kennedy und Benjamin Garber, New York (1964 beim Vorgenannten erworben).
Parke-Bernet, New York, Auktion 16. April 1969, Kat.-Nr. 54 mit Abb. (aus der Sammlung der Vorgenannten).
Selected Artist Gallery, New York (1969 beim Vorgenannten erworben).
Privatsammlung New York (bis 2011).
Privatsammlung New York (seit 2011).

AUSSTELLUNG: Sculpture and Sculptors Drawings, Curt Valentin Gallery, New York 22.12.1953-24.1.1954, Nr. 25.
Wilhelm Lehmbruck and other German sculptors of his time, Otto Gerson Gallery, New York 5.2.-2.3.1963, Nr. 10.
Artist and Maecenas. A tribute to Curt Valentin, Otto Gerson Gallery, New York November/Dezember 1963, Nr. 70.
Seven Decades 1895-1965. Crosscurrents In Modern Art, The Galleries Paul Rosenberg, M. Knoedler [..], Public Education Association New York, 26.4.1966-21.5.1966, Nr. 63.

LITERATUR: Dietrich Schubert, Der gebeugte weibliche Torso (1912) - Pygmalions Statue. Materialfragen, Überlieferung und Deutung der Formgestalt, in: M. Rudloff/D. Schubert (Hrsg.), Wilhelm Lehmbruck, Ausst.-Kat. Bremen 2000, S. 106-125, hier: S. 109.
The architectural digest, Jan/Febr. 1974, mit Abb.
"Skulptur ist das Wesen der Dinge, das Wesen der Natur, das, was ewig menschlich ist."
Wilhelm Lehmbruck, zit. nach: www.staatsgalerie.de/ausstellungen/wilhelm-lehmbruck.html

Essay
Als Lehmbruck 1910 nach Paris geht, begegnet er Matisse, Archipenko, Brancusi und Modigliani, die seinen Weg zur expressionistischen Plastik entscheidend beeinflussen. Während die ersten in Paris entstandenen Arbeiten noch das schwere plastische Volumen Maillols zeigen, findet allmählich eine Loslösung vom klassischen Kanon und die Entwicklung hin zu einer entmaterialisierten, expressiven Form statt. Die dort erarbeiteten, überlängten Gesichts- und Körperformen, wie sie uns im "Gebeugten weiblichen Torso" geradezu in einem Paradebeispiel gegenübertreten, gelten bis heute als das charakteristische und beeindruckende Formrepertoire des Künstlers. Bereits 1913 ist Lehmbruck auf Einladung des deutschen Künstlerbundes mit seinen expressionistischen Hauptwerken in Zementguss, darunter auch einem "Gebeugten weiblichen Torso", auf der Jahresausstellung der Städtischen Kunsthalle Mannheim vertreten. Nach Schubert geht gerade aus dieser Ausstellung "zweifelsfrei hervor, dass Lehmbruck nicht alle Figuren für Bronzegüsse konzipierte, sondern mehrere Materialien als Ausdrucksträger seiner Figuren bzw. Formgestalten dachte, besonders jedoch den verschieden getönten, feinen Cementguss (Steinguss) präferierte, über dessen Bevorzugung und Vorteile er bereits 1911 gegenüber Julius Meier-Graefe in Paris gesprochen hatte." (D. Schubert, Der Gebeugte weibliche Torso (1912), Bremen 2000, S. 107). Schubert betont des Weiteren, dass gerade durch die unterschiedliche Tönung des Steingusses von Beige über Ocker bis hin zu Rotbraun bei den verschiedenen Ausformungen "jeweils ein Original entstand, was man bei Bronzegüssen nicht sagen kann." (zit. nach: ebd., Anm. 2). Zu seinen Lebzeiten ließ Lehmbruck deshalb wohl auch nur einen einzigen Bronzeguss des "Gebeugten weiblichen Torsos" fertigen, der im Mai 1914 neben zwei Köpfen in Terracotta in Mannheim auf der Ausstellung "Zeichnungen und Plastiken neuzeitlicher Bildhauer" ausgestellt war und dessen aktueller Standort derzeit leider unbekannt ist. Alle anderen Bronzen sind posthume Güsse, die nach Lehmbrucks Freitod nach Kriegsende im Jahr 1919 in Berlin von seiner Witwe bzw. dem Nachlass beauftragt wurden. Nur sieben Steingüsse des "Gebeugten weiblichen Torsos" sind bisher bekannt, von denen sich einer in der Sammlung des Hirshhorn Museums in Washington sowie mindestens zwei in deutschem Privatbesitz befinden, teils aber ist der weitere Verbleib der Güsse heute leider unbekannt. Und so kann der vorliegende Guss, der sich in den vergangenen Jahrzehnten in amerikanischem Privatbesitz befand, als eine äußerst erfreuliche und kunsthistorisch bedeutende Wiederentdeckung gelten.
Nicht zuletzt ist zu betonen, dass die vorliegende Arbeit über eine besonders spannende Herkunftsgeschichte verfügt. Große Namen sind hier keine Seltenheit: So hatte der berühmte deutsch-amerikanische Kunsthändler Curt Valentin das Werk in sein ausgesuchtes Sortiment aufgenommen. Von diesem erwarb Morton D. May, genannt "Buster", den "Gebeugten Torso" und schreibt am 28. Januar 1955 an Valentin über seinen Kauf "The sculpture arrived and I am most pleased with my purchase." (MOMA Archives, Valentin Collection, III. B. 8 "M"). Der Erbe der May Department Stores Company war bekannt für seine Sammlung herausragender Werke des deutschen Expressionismus. Auch die bedeutenden amerikanischen Interior Designer William Kennedy und Benjamin Garber finden sich unter den Vorbesitzern dieses außergewöhnlichen Werkes.
Andere Steingüsse des Künstlers befinden sich heute in zahlreichen bedeutenden öffentlichen Sammlungen, wie der Nationalgalerie Berlin, dem Städel Museum Fankfurt, der Staatsgalerie Stuttgart und dem Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg.
Vom 28. September 2018 bis 24. Februar 2019 zeigt die Staatsgalerie Stuttgart ausgehend von der Neuerwerbung der "Großen Sinnenden" (1913/14) im Jahr 2017 eine große Lehmbruck-Ausstellung, die neben seinen plastischen Werken auch grafische Arbeiten des Künstlers umfasst. [JS/AT]
815
Wilhelm Lehmbruck
Gebeugter weiblicher Torso, 1912/13.
Schätzung:
€ 160.000
Ergebnis:
€ 375.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


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