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Auktion: 479 / Klassiker des 20. Jahrhunderts I am 08.12.2018 in München Lot 118000971

 
Objektbeschreibung
Hilfe für Vietnam. 1969.
Nägel, weiße Farbe und schwarze Kreide auf Leinwand, auf Holz.
Nicht bei Honisch. Rechts unten signiert und datiert. Verso signiert, datiert und betitelt. 50 x 50 x 9 cm (19,6 x 19,6 x 3,5 in).

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland (bis 2004).
Privatsammlung Süddeutschland (seit 2004).

AUSSTELLUNG: ZERO. Ausstellung Ketterer Kunst Berlin/Düsseldorf, 20.3.2015-24.4.2015, mit Abb.

"Eine Weiße Welt ist, glaube ich, eine humane Welt [..]. Diese Weiß-Strukturen können eine geistige Sprache sein, in der wir zu meditieren beginnen. Der Zustand Weiß kann als Gebet verstanden werden, seine Artikulation ein spirituelles Erlebnis sein. Dieses Sein im Weiß unterscheidet sich von dem Dunkel [..], einem Drama des Leidens, wo alle Erlösung ins Jenseitige projiziert wird."
Zit. nach: Mack - Piene - Uecker, hrsg. v. Kestner-Gesellschaft Hannover, mit Texten von Wieland Schmied, Günther Uecker u. a., Hannover 1965, o. S.

Essay
"Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst ist ein Dialog möglich, der zum bewahrenden Handeln der Menschen aufruft." (Zit. nach: Günther Uecker, Porträt Mensch, Wien 2016, S. 25) In "Hilfe für Vietnam", wie Günther Uecker die vorliegende Arbeit rückseitig betitelt hat, wird dieser humanitäre Aufruf der Kunst besonders eindringlich artikuliert. Ueckers Leben hat nicht nur durch seine Kindheit in einem bäuerlichen Umfeld auf der Halbinsel Wustrow in Mecklenburg, sondern auch durch die frühen Erlebnisse des Krieges eine entscheidende Prägung erfahren. Erst sehr spät fühlte sich der bedeutende "ZERO"-Künstler in der Lage, über die traumatischen Kindheitserlebnisse im Zusammenhang mit dem Untergang der Cap Arcona im Mai 1945 öffentlich zu sprechen: "Damals wurden an der Küste Wustrows hunderte Leichen angeschwemmt. Die lagen wochenlang in der Sonne, mit offenen Mündern und aufgedunsenen Leibern voller Maden. Die russischen Soldaten zwangen mich mit zwei Freunden, die Leichen am Strand zu verscharren. Der Anblick und dieser Gestank waren fürchterlich." (Günther Uecker, zit. nach: Günther Uecker, Der geschundene Mensch, in: Jürgen Krieger/Eckhard Hollmann (Hrsg.), Geschriebene Bilder, Berlin 2011, S. 111). Später setzt sich Uecker in seinem künstlerischen Schaffen immer wieder kritisch mit den großen Themen der Zeit auseinander, wie ein roter Faden durchzieht das Thema der Gefährdung des Menschen durch den Menschen sein Werk. Wachrütteln soll schließlich auch Ueckers Arbeit "Kriegssarg (Antwort an Marinetti)" aus dem Jahr 1968, die anders als unser ein Jahr später entstandenes Nagelbild "Hilfe für Vietnam" keine poetisch-weiße Gegenposition zu den Gräueln des Krieges entwirft, sondern den Betrachter konfrontiert mit einem die Anonymität des Todes symbolisierenden, sargähnlichen Metallquader, begleitet von einer originalen Tonaufnahme aus der Schlacht von Stalingrad (1942/43). Der Untertitel "Antwort an Marinetti" nimmt auf die unerschütterliche Kriegsbegeisterung des italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti Bezug, der die Schlacht von Adrianopel (1912) begeistert als ein "Orchester der Kriegsgeräusche" beschrieben hatte. Uecker widerspricht in seinen künstlerischen Positionen energisch Marinettis Ästhetisierung des Krieges.
Auch das schwerelos über die Fläche schwebende Nagelfeld "Hilfe für Vietnam" ist wie Ueckers "Kriegssarg (Antwort an Marinetti)" Ende der 1960er Jahre entstanden, also in jener bedeutenden Zeit des Aufbruchs, in der Intellektuelle und Studenten der noch jungen Bundesrepublik die ältere Generation zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der NS- und Kriegsvergangenheit aufzufordern begannen. Es schien so, als hätte die Menschheit aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt, da bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Zuge der Konfrontation zwischen der Sowjetunion und den USA neue Konfliktherde wie der erst 1975 beendete und in seinen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung verheerende Vietnamkrieg entflammt waren und Ängste vor einem möglichen dritten Weltkrieg heraufbeschworen. "Hilfe für Vietnam" erscheint in diesem historischen Kontext geradezu wie ein poetischer Weckruf an die Menschheit, der in seiner zentralen, kriegsverneinenden Aussage jedoch vollkommen zeitlos ist. Uecker gelingt es mit seiner von Leichtigkeit und einer geradezu metaphysischen Harmonie getragenen Komposition, sich mit den erschütternden Ereignissen des Krieges künstlerisch auseinanderzusetzen, indem er die Welt, in der das Grauen des Krieges geradezu übermächtig erscheint, mit seiner künstlerischen Vision einer weißen, einer humanen Welt konfrontiert und auf diese Weise "zum bewahrenden Handeln [..] aufruft". [JS]
118000971
Günther Uecker
Hilfe für Vietnam, 1969.
Schätzpreis: € 140.000 - 180.000
+
 


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