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Auktion: 474 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 23.11.2018 in München Lot 118001620

 
Objektbeschreibung
Die Wochenstube - Schweinekoben. 1888.
Öl auf Leinwand.
Eberle 1888/7. Links unten signiert. Verso auf dem Keilrahmen mit verschiedenen handschriftlichen Nummerierungen und zwei alten Etiketten. 66 x 80,5 cm (25,9 x 31,6 in).

Herausragendes Gemälde in musealer Qualität mit lückenloser Provenienz.

PROVENIENZ: Aloys Mayer, Wiesbaden/Amsterdam (1890 direkt vom Künstler erworben).
Privatbesitz Gera (vom Vorgenannten ererbt).
Privatbesitz Hamburg (Nachfahre des Vorgenannten, 1980 von diesem als Geschenk erhalten).
Staatsbesitz DDR (Beschlagnahme aus vorgenanntem Eigentum, 1980).
Nationalgalerie Berlin (treuhänderische Verwahrung 1980-1999, auf dem Keilrahmen mit der Inventarnummer).
Privatbesitz Hamburg (Rückgabe 1999).
Nationalgalerie Berlin (Dauerleihgabe aus vorgenanntem Eigentum, 2000-2012).
Liebermann-Villa am Wannsee, Berlin (Dauerleihgabe aus vorgenanntem Eigentum, seit 2012).

AUSSTELLUNG: Gurlitts Berliner Kunstsalon, Berlin 12. Februar 1888.
Liebermann-Ausstellung, anlässlich des 60. Geburtstags des Künstlers, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt a. M. 1907 (Kat. Nr. 24, im Kat. fälschlich "1886" datiert, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett, dieses typographisch bezeichnet "No. 865").
Max Liebermann und Emil Nolde. Gartenbilder, Liebermann-Villa am Wannsee, Berlin 2012.

LITERATUR: Georg Malkowsky: Aus der Hauptstadt - Neue Bilder (Die deutschen Luft- und Lichtmaler in Gurlitts Kunstsalon), in: Die Gegenwart XXXIII (1888) [9], S. 142.
Georg Voß: Eine Ausstellung der Hellmaler, in: Kunst für Alle, Jg. III (1888) [12], S. 188.
Franz Hermann Meissner: A German Revolutionary Max Liebermann - A study, in: The Art Journal, New Series, London, August 1893, S. 225-230, Abb. 228 ("The Farmer's Wife").
Gustav Pauli, Max Liebermann, des Meisters Gemälde in 304 Abbildungen, Klassiker der Kunst XIX, Stuttgart/Leipzig 1911, Abb S. 82, Anm. S. 245, 256.
Erich Hancke, Max Liebermann. Sein Leben und seine Werke, mit 303 Abbildungen, Berlin 1914, S. 240, S. 243 f., 534.
Hans Rosenhagen, Max Liebermann, Bielefeld/Leipzig 1927, S. 54, Abb. 27 auf S. 30.
Katrin Boskamp, Studien zum Frühwerk von Max Liebermann mit einem Verzeichnis der Gemälde und Ölstudien von 1866-1889, Hildesheim u. a. 1994, Kat. Nr. 238, Abb. 17.
“So um 1885 rum plagte mich arg Rheumatismus. Ich fahre also nach Kissingen zur Kur. Aber sowat is ja schrecklich – so’ne langweilige Kur! Da schenkte mir’n Verwandter so’n niedlichet Ferkelchen. Der hatte nämlich gehört, das ich ‘nen neuen Schweinekoben malen wollte. Un nu konnte ich das kleene Schwein auf alle Weise zeichnen und malen – und mir die Zeit vertreiben.” (zit. nach: Max Liebermann, in: Hans Ostwalde, Das Liebermann-Buch [..], Berlin 1930, S. 370 ff.).

Essay
So auch zu der hier angebotenen Komposition, die bis vor wenigen Jahren im Max Liebermann-Raum der Berlinischen Nationalgalerie zu sehen gewesen ist : “Die Wochenstube” aus dem Jahr 1888 zeigt eine quirlige Schar Ferkelchen bei der Fütterung im Schweinekoben durch eine Bäuerin. Zwei Kinder schauen dieser ebenso gebannt zu wie die links im Hintergrund liegende Muttersau. Ein weiteres Ferkelchen springt soeben hungrig von der Mutter weg und der munteren Schar vor dem frisch gefüllten Trog entgegen. Alles ist in einem Liebermann-typischen, derben Duktus und dämmrigen Halbdunkel gegegeben, das den aus schwerem Holz gezimmerte Koben, das schmutziggelbe Bodenstroh und den sich von links hinten nähernden Bauern nur umrisshaft erkennen lässt.
Das Thema “Schweine” beschäftigt Liebermann nachhaltig. Nicht nur verrät das oben genannte Zitat die intensive, am lebenden Objekt erfolgte Beschäfigung mit diesem Tier, sondern auch die verschiedenen Versionen des hier vorliegenden Motivs, das Liebermann im Sommer des Jahres 1887 in Katwjik aufnimmt. Neben einigen Studien (vgl. Eberle 1887/18, 19) und einer ersten Fassung (vgl. Eberle 1887/20), die zum Teil noch vor Ort angefertigt worden sind, entstehen eine zweite und dritte - unsere - Fassung im Berliner Atelier des Künstlers (vgl. Eberle 1887/30, 1888/7). Die beiden Atelier- Fassungen variieren durch die jeweilige Positionierung der Muttersau, die in der zweiten Fassung faul auf der Seite liegend, das eigentliche Zentrum des Geschehens – das Fütterungsspektakel ihrer Ferkel – verpasst.
Literarisch greifbar ist unser Werk schon früh in verschiedenen Rezensionen zu Gurlitts Berliner Kunstsalon, wo das Bild im Februar 1888 erstmals ausgestellt ist und die durchweg den lebendigen Realismus der Darstellung betonen. Zwei Jahre später befindet sich das Bild im Besitz des Liebermann-Sammlers Aloys Mayer, wie ein Brief des Künstlers vom 14. Oktober 1890 dokumentiert. Mayer und Liebermann waren sich wohl freundschaftlich verbunden, jedenfalls besteht in der Familie Mayers zur Bekanntschaft mit dem Künstler eine amüsante Anekdote: Die Frau von Aloys Mayer, Klara Maria Mayer, habe ihren Ehemann immer nur mit dem Kosenamen “Lieber Mann” angesprochen – so auch eines Tages in einem Wiesbadener Café sitzend mit der Frage “Lieber Mann, was möchtest du?” Am Nebentisch erhebt sich daraufhin ein junger Mann und fragt wie er der Dame zu Diensten sein könne - er stellt sich als Max Liebermann vor. Das vorliegende Bild befindet sich bis heute im Besitz der weiteren Nachkommenschaft von Aloys Mayer.
118001620
Max Liebermann
Die Wochenstube - Schweinekoben, 1888.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 60.000 - 80.000
+
 


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