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Auktion: 479 / Klassiker des 20. Jahrhunderts I am 08.12.2018 in München Lot 857

 
Objektbeschreibung
Begrüssung (Thunersee). 1913.
Aquarell.
Heiderich 383. Auf der alten Rahmenrückwand mit einem Etikett, dort mit einer handschriftlichen Echtheitsbestätigung von Frau Elisabeth Erdmann-Macke, dort nachträglich datiert "1912". Auf leichtem, chamoisfarbenem Papier. 31,8 x 26,7 cm (12,5 x 10,5 in) , blattgroß.

Leuchtendes, dynamisches Aquarell aus der besten Schaffenszeit des Künstlers. Während Mackes Aufenthalt am Thunersee sind die wichtigsten Werke seines Œuvres entstanden.

PROVENIENZ: Matthias Rech, Bonn (am 20. April 1936 direkt aus dem Nachlass des Künstlers erworben).
Marianne Storp, geb. Rech (um 1957 durch Erbschaft von Vorgenannten erhalten; auf der Rahmenrückpappe mit der handschriftlichen Bezeichnung).
Galerie Kornfeld, Bern, Auktion 20. Juni 1997, Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Teil I, Kat.-Nr. 81 (aus dem Nachlass der Vorgenannten eingeliefert).
Privatsammlung USA (beim Vorgenannten erworben).
Privatsammlung (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Macke. Aquarell-Ausstellung, Städtisches Kunsthaus, Bielefeld 1957, Kat.-Nr. 275, mit Abb. S. 35.

LITERATUR: Gustav Vriesen, August Macke, Stuttgart 1957, Kat.-Nr. 275, mit Abb. S. 287.
Janice Mary McCullagh, August Macke and the Vision of Paradise: An Iconographic Analysis, Diss., The University of Texas, Austin 1980, S. 108.
Ursula Heiderich, August Macke. Aquarelle, Werkverzeichnis, Ostfildern-Ruit 1997, Kat.-Nr. 383, mit ganzseitiger Abb. S. 112.
„Hilterfingen [am Thunersee] - welch sorglose, glückliche, erfüllte Zeit sollte uns beiden mit den lieben Kindern dort beschert werden, paradiesisch schön, fast unwirklich - ehe die furchtbare Weltkatastrophe über Europa hereinbrach! Nun saßen wir in diesem Idyll, umgeben von der herrlichen Natur, die Berge und der See vor uns bei jedem Blick aus dem Fenster, die köstliche Luft und die Sonne, die Himmel, Berge und Wasser täglich in neuen Farbenspielen vor uns entstehen ließ.“
Elisabeth Erdmann-Macke, Witwe des Künstlers, zit. nach: E. Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, Frankfurt a. M. 1987, S. 275.
"Zum ersten Mal hatte Macke keine alten Bilder mitgenommen, er will neu anfangen hier in der Schweiz. Er ist noch etwas erschöpft von der Hängung des 'Ersten Deutschen Herbstsalons', verbittert auch über den Misserfolg und die schlechten Kritiken. Aber hier unten, am fernen Thunersee und unter der warmen Oktobersonne, hellte sich sein Gemüt schon nach wenigen Tagen wieder völlig auf. Er kauft Malsachen und legt los - in einem leidenschaftlichen Furor, wie er ihn in seinem Werk noch nie erlebt hatte, schafft er in den vier Oktoberwochen am Thunersee die wichtigsten Werke seines Œuvres."
Florian Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 2012, S. 258.

Aufrufzeit: 08.12.2018 - ca. 17.27 h +/- 20 Min.

Essay
Die Zeit von Ende September 1913 bis zum Sommer 1914 verbringt August Macke mit wenigen Unterbrechungen - wie etwa seiner berühmten Tunis-Reise im Frühjahr 1914 - mit seiner Familie in Hilterfingen am Thunersee. Hier sind leuchtende Aquarelle und Ölgemälde entstanden, die zu den herausragendsten und gefragtesten Schöpfungen Mackes zählen. Leider fand das Leben und künstlerische Talent Mackes, der zu den Künstlern des „Blauen Reiter“ gehört, bereits im September 1914 an der Westfront des Ersten Weltkrieges ein viel zu frühes Ende. Seinem künstlerischen Werk jedoch, das zu den herausragendsten Leistungen des deutschen Expressionismus zählt, ist alles Tragische fremd. Es überzeugt bis heute durch seine unnachahmliche Leichtigkeit und seine beeindruckende Farb- und Lichtfülle. Zunächst von seinem Freund Franz Marc, im Folgenden dann auch von der farbdominierten Arbeitsweise Robert Delaunays beeinflusst, hat August Macke lichterfüllte Werke von beeindruckender Farbigkeit hinterlassen, die in zahlreichen bedeutenden Sammlungen und vielfach reproduziert bis heute unsere Vorstellung von der Kunst des deutschen Expressionismus prägen.
Elisabeth Erdmann-Macke, die Witwe des Künstlers hat hinsichtlich der damaligen künstlerischen Bestrebungen ihres Mannes Folgendes festgehalten: „Was August damals am meisten beschäftigte, war das Dynamische in einem Bild, nicht nur durch die formale Aufteilung des Raumes ausgedrückt, sondern vor allem durch das Spiel der Farbtöne gegeneinander, untereinander: selbst in einer gleichmäßigen, sagen wir grünen Fläche, darf keine tote Stelle sein, die Farbe muss arbeiten, vibrieren - leben. Augusts ganzes Streben ging darauf hinaus, die reinen Farbtöne auf einem Bild in Einklang zu bringen, daß trotz der notwendigen Kontraste eben doch eine große Harmonie und Bildeinheit zustande kam. Die Bilder, die in den Schweizer Monaten entstanden […] geben Zeugnis davon, wie weit er dies ihm vorschwebende Ziel in seinen eigenen Werken verwirklichen konnte.“ (zit. nach: Erinnerungen an August Macke, Frankfurt a. M. 1987, S. 285). Und so gelten August Mackes Monate am Thunersee, in denen unser Aquarell entstanden ist, nicht nur als die privat glücklichste Zeit, sondern auch als die künstlerisch entscheidende Phase im Schaffen des Künstlers. Hier sind Arbeiten entstanden, die zum Qualitätvollsten gehören, das Macke geschaffen hat.
Gerade in seinen Aquarellen erreicht Macke eine Transparenz und Leuchtkraft der Farbe, wie er sie in den Arbeiten Delaunays bewundert hat. Hier gelingt es ihm in besonderer Weise, die Farbe frei, in weichen Übergängen und in luftiger Konturierung aufs Papier zu setzen. Unser malerisch durchkomponiertes Blatt „Begrüssung“, welches zwei Frauen auf dem Balkon zeigt, die in der für Macke typischen, nach vorn übergebeugten Haltung vor Seepanorama einen Mann mit gezogenem Hut begrüßen, gibt hiervon ein leuchtendes Beispiel.
Aus dem Mittelpunkt des avantgardistischen Kunstbetriebes sehnt sich August Macke im Sommer 1913 nach Ruhe, und so kommt es schließlich zu der monatelangen Auszeit in der Wohnung im ersten Stock des "Hauses Rosengarten" am Thunersee. Etwas später nimmt Macke noch ein Zimmer im oberen Stock des Hauses dazu, das er als Arbeitsraum nutzt und von dessen kleinem Balkon man einen „prachtvollen Blick über See und Gebirge“ hat (zit. nach: ebd. S. 277). Ob die in „Begrüssung“ wiedergegebene Szene den Blick aus diesem Atelierzimmer des Künstlers oder von der großen Loggia zeigt, lässt sich nur vermuten, genauso, dass es sich bei den beiden dargestellten Damen um die 25-jährige Ehefrau des Künstlers und Hélène Moilliet, die Frau des Künstlerfreundes Louis Moilliet handeln könnte. Mit Louis und Hélène, die wenig entfernt in Gunten am Thunersee leben, verbindet das Ehepaar Macke eine enge Freundschaft und man besucht sich in den Monaten in Hilterfingen regelmäßig, unternimmt Ausflüge nach Thun und in die Umgebung. Sollte ein solches Zusammentreffen im "Haus Rosengarten" der entscheidene Inspirationsmoment für das vorliegende Aquarell gewesen sein - was als wahrscheinlich gelten kann -, so wäre es dennoch falsch, in der expressiven Komposition nach genauen topografischen Übereinstimmungen zu suchen, da Mackes Kunst eine kompositorische Entgrenzung sucht, die, wie in der vorliegenden Szenerie deutlich, über das real Vorgefundene hinausgeht. Gerade die in spitzem Winkel in die Komposition gesetzte Balkonbrüstung etwa gibt unserem Aquarell bereits im Vordergrund eine entscheidende Tiefenwirkung und Dynamik, die sich über die expressiv ins Bild gesetzten Bäume bis zum Horizont fortsetzt, ohne jedoch im geringsten den Anpruch perspektivischer Korrektheit zu erheben.
857
August Macke
Begrüssung (Thunersee), 1913.
Aquarell
Schätzpreis: € 350.000 - 450.000
+
 


Weitere Abbildungen
August Macke - Begrüssung (Thunersee) - Rahmenbild
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August Macke - Begrüssung (Thunersee) - Weitere Abbildung
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August Macke - Begrüssung (Thunersee) - Weitere Abbildung
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 1,5% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.
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