Lot: 6
Liber chronicarum. 1493.
Erlös (inkl.Aufgeld): 120.000 EUR / 154.800 $
Hain/Cop. 14508. - Goff S. 307. - BMC II, 437. - Proctor 2084. - Muther 424. - Fairfax Murray 394. - Schreiber 5203. - Schramm XVII, 6-7 und 9. - Rücker S. 143. - Harrisse 13. - Alden/Laing 493/21. - Erste Ausgabe, auf kräftigerem Papier und mit stärkeren Abdrucken der Holzschnitte als die ein halbes Jahr später erschienene deutsche Ausgabe. - Außergewöhnlich gut erhaltenes und breitrandiges Exemplar des westfälischen Humanisten Johannes Cincinnius (um 1485-1555), von diesem durchgehend rubriziert und koloriert sowie mit dessen Marginalien und Ergänzungen versehen.
Die Schedelsche Weltchronik ist mit ihren 1809 Holzschnitten von 645 Stöcken das "größte Buchunternehmens der Zeit" (Rücker) und die am reichsten illustrierte Inkunabel überhaupt. Die künstlerisch hochrangigen Holzschnitte stammen von dem deutschen Maler und Holzschneider Wilhelm Pleydenwurff und dessen Schwiegervater Michael Wohlgemuth, in dessen Nürnberger Werkstatt auch Albrecht Dürer lernte. Der bis heute anhaltende Ruhm der Weltchronik beruht hauptsächlich auf dieser opulenten künstlerischen Ausstattung, bei der Wort und Bild sich einzigartig ergänzen und eine wohlbedachte, ausgewogene Einheit bilden. Unter den prachtvollen Abbildungen sind die zahlr. Städteansichten von besonderem Interesse, da sich hier, neben bloßen Phantasieansichten, die ersten authentischen Ansichten deutscher Städte finden. Zu sehen sind: Augsburg, Bamberg, Breslau, Köln, Konstanz, Lübeck, München, Nürnberg, Passau, Prag, Regensburg, Salzburg, Ulm, Wien und Würzburg. Kulturgeschichtlich bedeutend sind die Berichte und Darstellungen aus der zeitgenöss. Geschichte (Bauernunruhen, Judenverfolgung, die Seefahrten Martin Behaims und seine Entdeckung der Azoren etc.), ferner die geographischen Beiträge Hieronymus Münzers, von dem die doppelblattgr. Karte von Mitteleuropa stammt (nach dem verschollenen Original des Nikolaus von Cusa 1457). Für die ptolemäische Weltkarte diente diejenige aus der Cosmographie des Pomponius Mela (Venedig 1488) als Vorlage. Auf Bl. 264 der berühmte Totentanz-Holzschnitt, „eine der gewaltigsten Äusserungen deutscher Kunst“ (Stadler S. 45). Dieser Holzschnitt wurde (wie meist) aus inhaltlichen Gründen nicht koloriert, ebenso wie das ganze Blatt von allem zusätzlichem Schmuck ausgespart blieb.
Ist die Schedelsche Weltchronik als solche schon eine Kostbarkeit, zumal in zeitgenössischem Kolorit und in dieser prachtvollen Erhaltung, wird sie durch seinen erstmaligen Besitzer vollends zu einer Zimelie. Der zum westfälisch-niederrheinischen Humanistenkreis gehörende Johannes Cincinnius (oder Kruyshaer) war Bibliothekar und Archivar der rheinischen Benediktinerabtei Werden. Er diente drei Werdener Äbten als Weltgeistlicher Kaplan, ein Amt, das er bis zum Lebensende 1555 behielt und das ihm erlaubte, seinen Studien nachzugehen und als Schriftsteller tätig zu werden. Er schrieb eine Vita divi Ludgeri (Köln 1515) sowie eine niederdeutsche Bearbeitung der Hermannsschlacht (Köln 1539). Neuere Forschungen haben die Bedeutung des Gelehrten innerhalb des niederrheinischen Humanismus hervorgehoben, insbesondere die profunde Monographie Johannes Cincinnius von Lippstadt. Bibliothek und Geisteswelt eines westfälischen Humanisten (Münster 2000) von Andreas Freitäger. Freitäger beschreibt Leben und Werk des in Lippstadt geborenenen Gelehrten, und zwar anhand einer Analyse seiner Bücher, die - wenngleich sie mit der Klosterbibliothek Werden, der er seine Bücher testamentarisch vermacht hatte, im Zuge der Säkularisation zerstreut wurden – mit 153 von ursprünglich 157 Titeln an verschiedenen Standorten noch erhalten sind. Die meisten befinden sich heute in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, wo sie den Kern ihres historischen Altbestandes ausmachen. „Ganz sicher gehört die Cincinnius-Bibliothek insgesamt zu den kostbarsten Sachrelikten der Werdener Geistesgeschichte“ (Internetseite der ULB Düsseldorf). Freitäger rekonstruiert im Anhang seiner Monographie einen kompletten Katalog dieser 157 bekannten Titel, wobei die vorliegende Schedelsche Weltchronik unter der Nr. 142 gelistet wird, als einer der vier Titel, die als verloren gelten. Er gibt eine knappe Beschreibung des Exemplars aufgrund des Auktionskatalogs einer am 22. Januar 1824 in Münster versteigerten „bedeutenden Sammlung werthvoller und seltener Werke aus allen wissenschaftlichen Fächern“, bei der es sich um Dubletten (!) der damaligen Paulinischen Bibliothek in Münster handelt, in die ein Großteil der Werdener Stiftsbibliothek zwischen 1805 und 1808 überführt worden war. Über den weiteren Verbleib während der folgenden Jahrzehnte ist nichts bekannt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts befindet sich das Werk in einer deutschen Privatbibliothek. Concinnius‘ Exemplar des Schedel ist neben seinem Ptolemäus-Atlas von 1513 (Nr. 129 des genannten Katalogs) das Glanzstück seiner Sammlung und dessen Wiederentdeckung ist durchaus als ein buchgeschichtliches Ereignis zu werten.Wie bei vielen anderen Titeln seiner Bibliothek hat Cincinnius auch dieses Buch mit Besitz- und Erwerbsvermerk versehen, und der Aufwand, mit dem er das getan hat, läßt vermuten, welchen Wert er diesem Werk beimaß. Das Titelblatt ist unterhalb mit einem großen farb. Wappenschild geschmückt, darin sein Monogramm „IKL“ in Lombarden-Charakter (wiederkehrend im Gottvater-Holzschnitt auf Fol. I vo.); oberhalb sein voller Namenszug, darunter der Kaufvermerk: „Comparatum est praesens Opus Chronicarum per me Ioannem Cincinnium Eippiensem, p(re)sbyterum, in Insigni Monasterio divi Liudgeri Werthinae (com)morantem, ac ibidem perpetuum alumnum. In Anno Christianae salutis MCCCCCXXprimo“. Das letzte Bl. verso mit dem Kolophon trägt noch einmal einen Vermerk über den Kaufpreis (3 Gulden) und weiterhin den Hinweis, daß er selbst den Text rubriziert und die Holzschnitte koloriert hat, und er bittet den Leser, diese Arbeit nicht gering zu schätzen, sondern ihn in Anerkennung seiner Leistung in guter Erinnerung zu behalten: „Anno salutis ch(risti)ane 1521. Ego Ioannes Cincinnius Lippiensis praedar(um) hoc volumen Chronicar(um) in crudo. iij. aureis mihi co(m)paravi, et ita manu mea rubrica, textum, alijsq(ue) venustis colorib(us), figuras ipsas, ut vides illustravi, pro quo labore rogo, mi Lector, ne sis ingratus, sed pio ore apud Deu(m) Opt: Max: mei memoriam agendo, meritas repende vices.“ Die leeren Bll. 259-261 enthalten ein eigh. Verzeichnis der Klosterleiter und Wahläbte von Werden (mit Angabe der Amtszeit und des Sterbedatums) bis auf Hermann von Holten, fortgeführt von einer anderen Hand bis auf Heinrich Dücker.
Über das ganze Werk verstreut finden sich zahlr. sauber geschriebene Marginalien von seiner Hand, Querverweise, Zwischenüberschriften, (dezente) Bildbeschriftungen, Ergänzungen und Korrekturen, vereinz. auch eigenwillige Markierungen in Form von gezeichneten Käfern oder Spinnen, launige Bildergänzungen wie gezeichnete Mäuse bei dem Mainzer Erzbischof Hatto I., kolorierte Hervorhebungen wie beim Porträt von Quinctius Cincinnatus (wohl wegen der Namensähnlichkeit, mit dazugehörigem Randvermerk) u. a., woraus insgesamt auf ästhetisch ansprechende Weise ersichtlich wird, daß hier ein Gelehrter mit großer Bücherliebe das gesamte Werk, von der ersten bis zur letzten Seite, gelesen und gestaltet hat.
Kollation: 20 nn. Bll., Bl. 1-266, 5 nn. Bll. (st. 6, ohne das 6. w. Bl.), Bl. 267-299, 1 nn. Bl. - Zustand: Stellenw. gering fingerfleckig und vereinz. ausgebess. Rand- oder Eckläsuren älteren Datums; Titel aufgezogen, Marginalien tlw. knapp beschnitten, Bl. 267 (Holzschnitt) mit ca. 15 cm Einriß, beide Karten mit kl. Randeinriß, 1 Registerbl. mit kl. Einriß im Bug, 1 weiteres mit alt überdeckter hs. Eintragung, der Totentanz-Holzschnitt im unt. weißen Rd. mit erg. Eckabschnitt; wenige Marginalien von späterer Hand. Einbd. berieben und an den Kapitalen mit kl. Fehlstellen, 1 Gelenk mit kl. Einriß, Vorsätze erneuert. Innen sehr gut erhaltenes, überwiegend sauberes und breitrandiges Exemplar auf festem Papier, die Holzschnitte in kräftigen Abdrucken.
First edition, on firmer paper and with a stronger impression of the woodcuts than the German edition, which was published half a year later. Extraordinarily well-preserved and wide-margined copy by the Westphalian humanist Johannes Cincinnius (or Kruyshaer, around 1485-1555), who rubricated and coloured this book throughout. It is also annotated with his marginalia and addenda. With 2 double page woodcut maps and 1809 woodcuts in the text (some rep.) by M. Wohlgemuth and W. Pleydenwurff, all in contemp. colouring by Joh. Cincinnius. In addition, a large opening initial in colours with penwork decorations extending into the margin, numerous lombards in red or blue, several ornamental borders in colours as well as blue pilcrow signs before the column titles. Early 19th century half calf with label on spine. 325 ll. (of 326, the last blank missing). - Condition: Minorly thumbed in places and few defective spots that have been mended in former times. Title mounted, marginalia partly barely trimmed, l. 267 (woodcut) with a tear of ca. 15 cm, both maps with small marginal tear, 1 l. of index with small tear to gutter, 1 further l. with a rebacked patch, the Dance of the Death woodcut with a rebacked corner cutout in the lower white margin; few marginalia by a later hand. Binding rubbed and spine ends with small defective spots, 1 joint with small tear, endpapers renewed. Inside very well-preserved and wide-margined copy on firm paper, the woodcuts in strong impression. - A full English description of this most remarkable copy and its suspenseful history is available at our homepage www.kettererkunst.com
