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Auktion: 419 / Klassische Moderne am 05.12.2014 in München Lot 9

 
Objektbeschreibung
Papst Leo XIII. 1919.
Tuschfederzeichnung mit farbiger Kreide, teils laviert.
Rechts unten signiert sowie handschriftlich datiert und bezeichnet "39". Links unten handschriftlich betitelt "Leo XIII". Verso mit einem Datumsstempel sowie Anmerkungen von fremder Hand. Auf Katasterpapier. 19,8 x 31 cm (7,7 x 12,2 in), Blattgröße. [JS].

PROVENIENZ: Sammlung Dr. Kurt Otte, Kubin-Archiv, Hamburg (verso mit dem Stempel).
Nachlass Hilde Otte, Hamburg.

Schwermütig und kränklich-depressiv veranlagt war Alfred Kubin, und folglich nicht nur in seiner Kunst von einer fortwährenden Realitätsflucht getrieben. Gerade mal zwanzigjährig war er bereits in der Schule, in der Lehre und als Soldat gescheitert und hatte von wachsendem Pessimismus und Melancholie getrieben darüber hinaus sogar einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich. Aber auch weiterhin blieb der Lebensweg Kubins, der im Zuge seiner Zeichenausbildung ab 1898 die Kunst zunehmend für sich als geistigen Rückzugsort und fantastische Gegenwelt zur oftmals bedrohlichen Realität entdeckte, nicht von Unglück verschont. Im Dezember 1903 stirbt seine junge Verlobte Emmy Bayer plötzlich, noch vor der Eheschließung und Kubin, der vorübergehend geglaubt hatte, dass in der Liebe zu Emmy sein "irdisches Glück [nun] seinen Höhepunkt erreicht" habe, verfällt in den folgenden Monaten in tiefe Depression. Mitte der 1910er Jahre werden die seelischen Krisen seltener, der reife Künstler erscheint sowohl in seinem Leben als auch in seiner Kunst gefestigt und bleibt aufgrund seiner schwächlichen Gesundheit von einem Einsatz im Ersten Weltkrieg verschont. Als er jedoch die Nachricht vom Tode seines Freundes Franz Marc am 4. März 1916 erhält, findet sich der Künstler erneut in einer schweren seelischen Krise, die ihn nicht nur an den vormals rezipierten Lehren des Buddhismus zweifeln lässt. Infolge dieser zahlreichen schweren Lebenskrisen muss Kubin auch die intensive Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben gesucht haben. Kubin inszeniert in der vorliegenden, in energischem Federstrich zu Papier gebrachten Zeichnung Papst Leo XIII (1810-1903) nicht als oberste Repräsentationsfigur des Katholizismus und des Kirchenstaates, sondern als Gläubigen im Zwiegespräch mit dem Kreuz. Dass auch die aufgrund der Schrecken des Alltages an Christus gerichteten Fragen des Kirchenoberhauptes in Teilen unbeantwortet bleiben, der Glaube oftmals vom Gefühl des Zweifelns überlagert wird, bleibt jedoch beim Anblick dieser von Kubin eindringlich komponierten Szenerie zu vermuten.

9
Alfred Kubin
Papst Leo XIII, 1919.
Tuschfederzeichnung
Schätzung:
€ 6.000
Ergebnis:
€ 13.750

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


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