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Lexikon
Belgischer Symbolismus

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte der junge Staat Belgien einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Zudem begünstigte seine strategische Position im europäischen Kontext die Vereinigung unterschiedlicher Einflüsse aus Frankreich, England und germanischen Ländern. Die Entwicklung der belgischen Kunst in dieser Zeit ist außerdem von einem exaltierten Katholizismus gekennzeichnet. Er ist als Reaktion auf den langen niederländisch-calvinistischen Einfluss zu verstehen und bestimmte die Thematik des belgischen Symbolismus sowie ihre eigenständige Behandlung. Zentrum der Bewegung war Brüssel, wo viele Kunstzeitschriften gegründet wurden. Als Blütezeit gelten die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die allerdings von einer großen stilistischen Vielfalt geprägt waren. So spielte der belgische Symbolismus eine entscheidende Vorbildsrolle sowohl für den Jugendstil als auch für den Expressionismus und den Surrealismus. Über die unterschiedlichen Schulen und Persönlichkeiten hinaus sind die Frau, die Sexualität, die Welt der Träume, der Tod und die Religion die bevorzugten Themen, die häufig zu rätselhaften, schwer zu deutenden Darstellungen verarbeitet wurden. Ruhige Kompositionen mit wenigen träumerischen, in sich geschlossenen Figuren sind zudem oft, aber nicht ausschließlich zu finden.
Der Übergang zum Symbolismus zeichnet sich durch die Mischung zwischen einer akademischen Formensprache und einer unkonventionellen Thematik aus und fand im Werk von Antoine Wiertz (1806-65) deutlichen Ausdruck. Sein Gemälde "Die schöne Rosine" (1847) zeigt eine traditionelle, durch die großen Italiener inspirierte Auffassung des weiblichen Aktes. Die Frau steht ruhig vor einem Skelett, auf dessen Schädel ein Etikett mit dem Titel des Bildes geklebt ist. Das Thema der Vergänglichkeit der Schönheit war nicht neu und wurde bereits im 16. Jahrhundert häufig dargestellt. Allerdings gehörte es nicht zum damaligen Akademierepertoire. Damit nahm Wiertz eines des beliebtesten Themen des Symbolismus, vor allem des belgischen, vorweg: Eros und Thanatos, die geschlechtliche Liebe und der Tod.
Ein Meister dieser Thematik war Félicien Rops (1833-98). Rops schuf mit einem ausgesprochenen Sinn für die Satire aufwendig inszenierte Bilder, die große Skandale auslösten und ihm den Ruf eines Pornografen verschafften. So zeigen etwa die "Versuchung des Heiligen Antonius" (1878) und "Pornokrates" (1878) den Triumph der dämonischen weiblichen Geschlechtlichkeit mit einer schockierenden Deutlichkeit und häretischen Anspielungen auf die Religion.
Eine weniger polemische und viel melancholischere Stimmung strahlen die Bilder eines weiteren Hauptvertreters des belgischen Symbolismus, Fernand Khnopff (1858-1921), aus. Verträumte, gar schlafende Frauen sind Protagonisten seiner stillen Kompositionen, die an die englischen Präraffaeliten erinnern und großen Erfolg im restlichen Europa, vor allem in der Wiener Secession, hatten.
Weitere wichtige Künstler dieser Bewegung sind Xavier Mellery, Henry de Groux, Emile Fabry, Jean Delville, Georg Minne, William Degouve de Nuncques, Léon Spilliaert und teilweise James Ensor.


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