Decollage
Die Décollage bezeichnet im eigentlichen Sinne eine künstlerische Technik. Hierbei werden angeklebte Plakate in Streifen und Fetzen von der Wand abgerissen und die so erzeugten Papierstücke für die Herstellung neuer Kunstwerke, vornehmlich Collagen, verwendet. Neben dem formalästhetischen Ansatz ist bei der Décollage zugleich der theoretische Hintergrund von Belang, werden die Papierstücke doch ihrem angestammten Kontext buchstäblich entrissen und in einen neuen, künstlerisch erzeugten Bedeutungsrahmen gebracht.
Zu den Künstlern, die sich mit der Methode der Décollage beschäftigten und auch als "Affichisten" bezeichnet werden, zählen Raymond Hains (1926-2005), Jacques Mahé de La Villeglé (geb. 1926), François Dufrêne (1930-82) und Mimmo Rotella (1918-2006). Diese Künstler übertrugen die bereits im Dadaismus angewandte Décollage-Technik auf die Prinzipien des Nouveau Réalisme, indem sie die Plakate als Überbleibsel des Alltäglichen definierten, die sie in ihre Werke integrierten und damit in einen künstlerischen Kontext überführten. Die Décollage-Werke dieser Künstler zeichnen sich durch eine besondere Farb- und Materialästhetik aus und oszillieren zwischen gewaltsamer Destruktion und filigraner Zartheit. Gleichzeitig scheint bereits der Prozess der Erzeugung des Arbeitsmaterials, also das Abreißen von alten Plakaten, Teil des Kunstwerkes zu sein: Die Materialbeschaffung wurde häufig in Fotografien festgehalten, wodurch die Wechselwirkung von Alltag und Kunst einmal mehr nachgezeichnet wird.
Schließlich eignet der Décollage eine weitere Bedeutungsdimension, vereint diese Technik doch auch andere künstlerische Transformationen: Besonders anschaulich wird dies im Werk von Wolf Vostell (1932-98) zum Ausdruck gebracht, wenn er, gelegentlich auch als Happening inszeniert, Materialien übermalte oder verbrannte.

