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Die Erweiterung des Kunstbegriffs

Grundlegend meint die "Erweiterung des Kunstbegriffs" die Ausdehnung künstlerischen Handelns unmittelbar in die Gesellschaft hinein. Kunst und Leben wurden zunehmend als Einheit verstanden. Dieses Postulat beziehen künstlerische Ausdrucksformen wie Neodada und Nouveau Réalisme oder die Künstler der Spurensicherung in ihre Arbeit ein, weshalb sie aktiven Anteil an der Erweiterung des Kunstbegriffs haben. Daneben sind Spielarten der Aktionskunst wie Fluxus und Happening oder die Technik der Décollage zu nennen, wurde hier doch eine Grenzüberschreitung zwischen Kunst und Leben praktiziert.
Auf theoretischer Ebene ist ferner Harald Szeemann (1933-2005) anzuführen, der im Rahmen seiner kuratorischen Arbeit die Frage nach der Erweiterung des etablierten Kunstbegriffs in den Museumsraum hineintrug und in Form von Ausstellungen, in denen er Ideen und geistige Zusammenhänge in Form von "Individuellen Mythologien" und "Obsessionen" thematisierte, zur Diskussion stellte. Zu den künstlerischen Positionen, die Harald Szeemann zeigte, gehörten auch Werke von Joseph Beuys (1921-86), dessen Name untrennbar mit dem Schlagwort vom erweiterten Kunstbegriff verbunden ist. Mit seinem Konzept der "sozialen Plastik" verlieh Joseph Beuys der Vorstellung Ausdruck, dass nicht mehr länger einzig Objekte in einem formalästhetischen Sinne Kunstwerke seien, sondern dass an die Stelle von Kunstwerken das Leben und der gesellschaftsverändernde Prozess des Denkens und Handelns treten sollten. Nicht länger waren bestimmte Personen, sondern vielmehr alle Menschen Künstler, wie es das oft zitierte Postulat verkündet.
Für Joseph Beuys bedeutete seine Arbeit an der sozialen Plastik vor allen Dingen, mit seinen Handlungen alle Bereiche des Lebens zu durchdringen und gleichsam als "Heiler" in die krankende Gesellschaft hineinzuwirken. Darüber hinaus wurde die Diskussion, beispielsweise im Rahmen der "Free International University", zu einem zentralen Medium, worüber die "soziale Plastik" ihre Wirkung zu entfalten vermochte. Ein weiteres Beispiel für Joseph Beuys' Vorstellung von der sozialen Plastik ist die Installation "Honigpumpe am Arbeitsplatz" auf der documenta 6 im Jahr 1977: Da Joseph Beuys auf der Grundlage von Rudolf Steiners anthroposophischem Denken im Bienenvolk die soziale Plastik verkörpert sah, leitete er Honig über ein weit verzweigtes Schlauchsystem durch die Räume des Kasseler Fridericianums, womit die Kunstausstellung als soziales Gefüge veranschaulicht wurde.
Trotz der Fokussierung auf lebensreformerische Handlungen spielten dennoch Objekte eine wesentliche Rolle im Werk von Joseph Beuys, die er unter anderem in seinen Performances einsetzte und später als deren "Ausscheidungen" deklarierte. Zentral ist Joseph Beuys' Vorstellung, dass Materialien und Objekte mit energetischem Gehalt aufgeladen sind, weshalb er beispielsweise Batterien, Kabel oder Aggregate ("Tisch mit Aggregat", 1958/87) verwendete. Daneben ist das gesamte Beuys'sche Oeuvre durchtränkt mit der von Mythen umrankten Biographie des Künstlers, woraus sich beispielsweise die durchgängige Verwendung von Fett und Filz als Energie- und Wärmespeicher erklärt, die Joseph Beuys auf Kriegserlebnisse zurückführte ("Fettstuhl", 1964 und Multiple "Filzanzug", 1970).
Installationen, Objekte und Aktionen werden darüber hinaus ergänzt durch das filigrane, häufig in Wasserfarben lasierend ausgeführte graphische Werk des Künstlers.


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