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Die Neue Sachlichkeit und der sachliche Stil

Die Neue Sachlichkeit, die in den 1920er Jahren insbesondere im deutschsprachigen Raum aufkam, wendet sich in ihrem gegenständlich-realistischen Impetus und der betont sachlichen, distanzierten Annäherung an das Darstellungsobjekt ebenso gegen das subjektive Pathos des Expressionismus wie gegen die Negation der Wirklichkeit in der Abstraktion. In ihrer Rückbesinnung auf die geschlossene Form und die unbedingte Klarheit der Gestaltung zeigt die Neue Sachlichkeit Verwandtschaften zur Kunst der Frührenaissance sowie zu Klassizismus, Romantik und Biedermeier.
Gustav Friedrich Hartlaub prägte die Bezeichnung Neue Sachlichkeit im Jahr 1923, seit einer wegweisenden Ausstellung in Mannheim 1925 setzte sich der Terminus allgemein durch. Doch war die Bezeichnung Neue Sachlichkeit nicht unumstritten - Werner Haftmann schlug alternativ "Neorealismus" vor, Franz Roh führte, den Verismus mit einbeziehend, den Begriff des "Magischen Realismus" ein. Heute wird die Neue Sachlichkeit zumeist in eine veristische, eine magische und eine klassische Strömung untergliedert.
Charakteristika des Stils der Neuen Sachlichkeit sind ein strenger Bildaufbau von oft betonter Perspektivwirkung, eine wie aus geometrischen Grundformen gebaute Formensprache, eine überscharfe Zeichnung bei manches Mal altmeisterlich wirkendem Detailreichtum und häufig ein gedämpftes Kolorit. Die starke Betonung des sachlichen Zugriffs führt zu einem teilweise verfremdenden Überrealismus, der den spezifischen Charakter neusachlicher Kunst prägt. Thematisch stehen Stillleben, Bildnisse und Selbstbildnisse, Landschaften, ruhige Stadtansichten und "Fensterbilder" von stillem, oft etwas wehmütigem oder mystisch überhöhtem Stimmungsgehalt im Vordergrund. Neben der Malerei spielen Graphik und Fotografie eine herausragende Rolle innerhalb der Neuen Sachlichkeit.
Die Entstehung der Neuen Sachlichkeit ist vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Erschütterungen nach dem Ersten Weltkrieg zu verstehen. Dennoch ist die neusachliche Kunst nicht als eine ausschließlich restaurative Strömung zu betrachten, wenngleich zum Ende der 1920er Jahre versucht wurde, die Neue Sachlichkeit nationalsozialistisch in Anspruch zu nehmen.
Zu den Hauptvertretern der Neuen Sachlichkeit rechnen Herbert Böttger (1898-1954), George Grosz (1893-1959), Heinrich Maria Davringhausen (1894-1970), Otto Dix (1891-1969), Conrad Felixmüller (1897-1977), Otto Griebel (1895-1972), Carl Grossberg (1894-1940), Paul Kälberer (1896-1974), Alexander Kanoldt (1881-1939), Curt Querner (1904-76), Franz Radziwill (1895-1983), Christian Schad (1894-1982), Rudolf Schlichter (1890-1955) und Georg Schrimpf (1889-1938). In Österreich prägten etwa Franz Sedlacek und Rudolf Wacker, in der Schweiz Nikolaus Stoecklin die Neue Sachlichkeit.
Der Neuen Sachlichkeit vergleichbare Strömungen sind ab den 1920er Jahren im Nordamerikanischen Realismus, im Neoklassizismus der klassischen Moderne (Pablo Picasso, André Derain) und in der italienischen Pittura Metafisica zu beobachten. Ferner arbeiteten in Frankreich etwa Auguste Herbin oder Fernand Léger in einem neusachlichen Stil, in Italien die Künstler einer "Nuova Oggettività" (in Teilen ihres Oeuvres etwa Carlo Carrà, Felice Casorati, Giorgio de Chirico oder Gino Severini), in England Maler aus dem Umfeld des Vortizismus (Christopher Richard Wynne Nevinson, Percy Wyndham Lewis), in Holland etwa Pyke Koch und auch Jan Toorop. Für Skandinavien ist beispielhaft Ewald Dahlskog, für Osteuropa Rudolph Kremlicka (Tschechoslowakei) oder K. Zonev (Bulgarien) anzuführen.
Der Begriff der Neuen Sachlichkeit kann auch auf den in den 1920er Jahren aufkeimenden sachlichen und "antihistoristischen" Funktionalismus in Architektur und Kunsthandwerk (Neues Bauen, Neues Wohnen) angewendet werden.

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