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Lexikon
Die "Wegbereiter der Moderne"

In Frankreich waren die Jahre nach der Auflösung der Malergruppe der Impressionisten 1886 durch einen ausgeprägten Stilpluralismus gekennzeichnet, der unter dem Titel Post- oder Nachimpressionismus zusammengefasst wird. Dabei traten einige Künstlerpersönlichkeiten hervor, die zwar jeweils einen eigenen Weg einschlugen, doch zusammen den Grundstein für die daran anschließende Avantgarde legten. Gemeinsam ist diesen Künstlern eine impressionistische frühe Phase, die sie auf unterschiedliche Weise durch die Abwendung von der impressionistischen Naturnachahmung überwanden. Das Kunstwerk wird somit als eigene Welt verstanden, die nach inneren Gesetzen gestaltet ist.
Diese interne Ordnungskraft ist vor allem im Werk Paul Cézannes eine leitende Konstante. Nicht wechselnde Natureindrücke, sondern die Beständigkeit der Welt soll die Kunst für ihn ausdrücken. Sein Prinzip der "Réalisation" umfasst die dafür notwendige bewusste Auseinandersetzung mit der Natur, die nicht auf Nachahmung, sondern auf Konstruktion und Ordnung basiert. Danach ergibt die richtige Kombination der Farben und Formen ein rationelles, harmonisches Ganzes, das Naturgegensätze versöhnt. Diesem Programm entspricht seine minuziöse Malweise, wobei die einzelnen Pinselstriche die Stabilität der auf geometrisierten Grundformen basierenden Kompositionen unterstreichen. Vereinfachung und Konstruktion sind die zwei wesentlichen Schlagwörter, welche die Spuren Cézannes in der Kunst der Moderne - wie etwa im Expressionismus und insbesondere im Kubismus - deutlich machen.
Ebenfalls eine entscheidende Rolle in der Entstehung der Moderne spielte Paul Gauguin, dessen Faszination für das Primitive und Exotische ein wichtiges Vorbild für die vor allem im Expressionismus maßgebende Sehnsucht nach Ursprünglichkeit bildete. Formal zeichnen sich seine ausgewogenen Kompositionen durch Flächigkeit, Vereinfachung und Ruhe aus. Die Figuren werden rhythmisch in einem gitterartigen Aufbausystem verteilt und bilden dabei eine von geschwungenen Linien und ungemischten Farben bestimmte Fläche. Dieses Kompositionsprinzip sowie die gelegentliche Kombination mehrerer Perspektiven in einem Bild setzen sich deutlich von der impressionistischen "Augenblicks-Malerei" ab und bereiten den Weg der formalen Experimente eines Picasso vor.
Die Farbe und die geschwungene Linie sind Protagonisten der Werke eines weiteren "Wegbereiters", Vincent van Gogh. Allerdings strahlt aus den Kompositionen des gebürtigen Holländers keine ruhige Atmosphäre, sondern eine unaufhaltsame Dynamik, die häufig ins Dramatische übergeht. Sie entspricht der stetigen Veränderung einer unkontrollierbaren kosmischen Natur und bringt den prekären Charakter der menschlichen Existenz zum Ausdruck. Diese mangelnde Beständigkeit unterscheidet sich aber wesentlich vom flüchtigen Eindruck der Impressionisten und schließt die geistige Welt ebenso wie soziale Aspekte mit ein. Van Gogh ist - im Gegensatz zu den Impressionisten - kritisch und engagiert.