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Lexikon
Geistig-psychische Abstraktion vor 1945: Kandinsky und verwandte Künstler

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich die zunehmende Abstraktion vom Dinglichen hin zu einem gesteigerten Empfinden für den Eigenwert von Farbe und Form in zwei grundsätzliche Richtungen einteilen: in die rationale geometrische Abstraktion und in die geistig-psychische Abstraktion.
Wichtigster Vertreter der geistig-psychischen Abstraktion ist Wassily Kandinsky (1866-1944). Wassily Kandinsky hatte in seiner 1911 veröffentlichten Schrift "Über das Geistige in der Kunst" seine grundlegenden Positionen zu der vom Gegenstand abstrahierten Malerei formuliert. Darin definierte er Formen und Farben als Äußerungen des Inneren und stellte fest: "Die Form selbst, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer geometrischen gleicht, hat ihren inneren Klang, ist ein geistiges Wesen mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind."
Etwa gleichzeitig mit der theoretischen Reflektion über die abstrakte Kunst vollzog Kandinsky auch in seinem künstlerischen Schaffen den Schritt hin zur abstrakten Malerei, die von nun an sein Werk kennzeichnet - auf 1910 ist das "Erste abstrakte Aquarell" datiert, auch im umfangreichen graphischen Werk herrscht nun die Abstraktion vor. Geistige Inhalte, die unter anderem religiöser oder lyrischer Natur waren, fanden demnach in Gestalt abstrakter Formen Eingang in die Werke Wassily Kandinskys. Dieses Formvokabular fungiert somit als visuelle Metapher und vermag beim Betrachter Assoziationsvorgänge auszulösen und seelische Kräfte zu aktivieren. Von Belang für das Verständnis der geistig-psychischen Abstraktion bei Wassily Kandinsky ist darüber hinaus, dass sich der Künstler mit der Wirkung synästhetischer Vorgänge beschäftigte, außerdem schöpfte er wichtige Inspirationen aus der Quelle der theosophisch-mystischen Weltanschauung.
Folgenreich war die Begegnung mit Marianne von Werefkin (1870-1938), denn aller Wahrscheinlichkeit nach war es Wassily Kandinskys Weggefährtin, die ihm den Anstoß dazu gab, den Weg zur Abstraktion zu beschreiten. Gabriele Münter, August Macke und Franz Marc zählen ebenfalls zu den Künstlern, die sich vom Gegenständlich-Abbildhaften lösten zugunsten einer Steigerung reiner Farb- und Formempfindungen. Hervorzuheben ist hier Franz Marc (1860-1916), der die Farbwerte in Kategorien einteilte, wie er es in einem Brief an August Macke 1910 beschreibt, indem er beispielsweise Blau dem männlichen, herben und geistigen und Gelb dem sanft-heiteren Prinzip der Frau zuordnete.


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