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Lexikon
Italienischer Neorealismus

Der italienische Neorealismus, der auch unter dem Terminus "Realismo" bekannt geworden ist, rechnet zum in ganz Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg fassbar zu machenden Phänomen des Neorealismus. In keinem anderen Land aber konnte sich der Neorealismus so deutlich gegenüber der Abstraktion behaupten wie in Italien. Die Diskussion um die Marschrichtung der Künste, die hier auch unter Beteiligung der Kommunistischen Partei (KP) geführt wurde, hatte in Italien bereits in Literatur und Film zu einem Neorealismus geführt, der im "Realismo" eine bildkünstlerische Entsprechung fand.
Unter dem Namen "Realismo" trat auf der XXV. Biennale in Venedig im Jahr 1950 eine Gruppe von Künstlern auf, darunter Renato Guttuso (1912-87), Gabriele Mucchi (1899-2002) und Armando Pizzinato (geb. 1910). Mit Hilfe der "Neuen Front der Künste", der Vereinigung "Fronte Nuovo delle Arti", wollten sie, anknüpfend an antifaschistische Traditionen, zu einem revolutionären und ganz der Arbeiterklasse dienenden Realismus gelangen. Gemeinsame Auftritte der Künstler des Realismo waren auch noch 1952 und 1954 auf den Biennalen zu verzeichnen - der "Fronte Nuovo delle Arti" hatte sich zwischenzeitlich aufgelöst, da längst nicht alle der dort vertretenen Künstler den Realismus für die höchste Kunstform hielten. Viele der Neorealisten aber blieben sogar bis zum Ende des vorangegangenen Jahrhunderts diesem Stil treu.
Thematisch widmete sich der italienische Neorealismus bewusst volksnahen Themenkreisen: Szenen aus dem Leben der einfachen Menschen, oft auch in direktem historischem Bezug, bildeten einen Schwerpunkt. So fand etwa die Hochwasserkatastrophe am Po von 1951 Eingang in die Bildwelten des Realismo, ebenso Streiks oder große Volksaktionen. Das Leben der Arbeiterklasse wurde häufig durch die einfachen Bauarbeiter repräsentiert. Formal bedienten sich die Maler des italienischen Realismo einer bewusst einfachen und zugänglichen Bildsprache, die auf die breite Masse des Volkes wirken sollte, aber auch deutlich macht, dass den Malern die vorangegangenen Entwicklungen der künstlerischen Moderne bekannt waren. Die Kompositionen sind von klaren Räumlichkeiten und kraftvoll-expressiver Direktheit bestimmt, die Figuren werden stark plastisch aufgefasst und häufig von Pathos und Dramatik beherrscht. Erst in späteren Jahren wird der Neorealismus in Italien auch von einem weichen Lyrismus berührt. Die Gemälde des Realismo sind oft emotional aufgeladen und suchen, ihrer agitatorischen Zielrichtung gemäß, den Kontakt zum Betrachter.
Mit dem Begriff des Realismo kann ferner auch eine moderne architektonische Strömung im Umfeld des "Fronte Nuovo delle Arti" um 1950 bezeichnet werden.