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Lexikon
Kunsthandwerkliche Reform

Mehr als die so genannten "schönen Künste" erfuhr das traditionelle Handwerk durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine der grundlegendsten Veränderungen seiner Geschichte. Die manuelle Herstellung handwerklicher Waren wurde durch eine maschinelle ersetzt, was die Produktion zahlloser identischer Exemplare eines Modells ermöglichte. Zeitliche und materielle Hindernisse wurden durch die Technik beseitigt, denn der Aufwand und die Mühe bei der Verarbeitung jedes Stückes konnten minimiert werden.
Diese Verwandlung des Kunsthandwerks in technische Erzeugnisse fand im Rahmen des Fortschrittsoptimismus bei einem beachtlichen Teil der damaligen Gesellschaft großen Beifall. So feierte etwa Prinz Albert von Sachsen-Coburg diese Entwicklung bei der Eröffnung der ersten Weltausstellung 1851 in London. Es ließen sich jedoch auch viele kritische Stimmen vernehmen, die meistens von Künstlern stammten. Sie klagten über die Entfremdung des Kunsthandwerks durch die Maschine, über die mangelnde Originalität, die Erzeugnisse auf bloße Nachahmungen reduzierte, und über die Entwürdigung des Künstlers, der nur noch der Technik unterworfen sein solle.
Der radikalste und konsequenteste Kritiker der Industrialisierung des Handwerks war der Engländer William Morris (1834-96), der sich von den Ideen des Theoretikers John Ruskin (1819-1900) beeinflusst zeigte. Morris, der sich selbst in allen Kunstzweigen erprobte, war der Motor der kunsthandwerklichen Reform, die Ende des 19. Jahrhunderts von einer Vielfalt verschiedener Schulen in mehreren Ländern verfolgt wurde. Zusammen mit seinem Freund aus seinem abgebrochenen Theologie-Studium, Edward Burne-Jones (1833-98), forderte er eine Rückkehr zum mittelalterlichen Vorbild der Künstlergemeinschaft. Mit dieser Philosophie gründete er 1861 mit einigen Freunden die Firma "Morris, Marshall, Faulkner & Co.", die ab 1875 nur "Morris & Co." hieß. Durch ihre gemeinsame Arbeit versuchten die Beteiligten, das Kunsthandwerk aus dem "Entartungszustand" der Gegenwart zu retten und "unverfälschte" Werke hervorzubringen. Daraus leite sich die wahre Schönheit ab. Ihr Kunsthandwerk zeichnete sich zudem durch Funktionalität, Einfachheit und hohe Qualität aus. Das größte Problem dieses Programms, womit sich vor allem der überzeugte Sozialist Morris beschäftigte, war der hohe Preis der nach diesen Prinzipien hergestellten Werke. Eine Lösung suchte er im Entwurf einfacherer, weniger an das Mittelalter als an englischen Regionalstilen orientierter Stücke.