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Lexikon
Neue Figuration und Neuer Realismus nach 1945

In den Nachkriegsjahren, als die Künstler den Anschluss an die Avantgarden der Zwischenkriegszeit und in besonderem Maße an die Abstraktion suchten, galt die gegenständliche Malerei bald als reaktionär, rückständig und konservativ. Gerade in Deutschland war jeder Realismus geradezu tabuisiert, hatte die "Kulturpolitik" der Nationalsozialisten doch diese Kunstform gezielt gefördert, die Gegenstandslosigkeit dagegen als "entartet" gebrandmarkt. So ist es leicht nachzuvollziehen, dass die Abstraktion, sei sie nun streng geometrisch oder gestisch-spontan, als neue, international zu verstehende Sprache der Kunst gesehen wurde, gleichsam als Instrument der Völkerverständigung und als Symbol der künstlerischen Freiheit.
Dessen ungeachtet gab es auch in den 1950er und 1960er Jahren immer wieder Künstler, welche die Figuration suchten. Oftmals war es auch hier die Anknüpfung an Vorkriegstendenzen, die den Stil bestimmte: Der englische "Kitchen Sink Realism" konnte sich auf den neusachlichen Verismus berufen, der Phantastische Realismus führte die surrealistischen Stilformen weiter. Ab den 1960er Jahren schließlich kam es mit Pop Art, Narrativer Figuration und Kritischem Realismus zu einer neuen und eigenständigen Blüte der figurativen Kunst, die spätestens mit dem Fotorealismus wieder völlig rehabilitiert war.
Teilweise vermengte sich in der figurativen Kunst der Nachkriegszeit die Gegenständlichkeit mit den Neuerungen aus der gestischen Abstraktion (Informel und Abstrakter Expressionismus). Diese Anregungen und Wechselwirkungen waren es auch, welche gemeinsam mit der Anknüpfung an den Expressionismus der Vorkriegsepoche die Entstehung eines "Ersten Neoexpressionismus" begünstigten, der als Vorstufe für den Neoexpressionismus der 1980er Jahre mit den "Neuen Wilden" oder dem "New Image Painting" verstanden werden kann.