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Reiseliteratur

Unter Reiseliteratur versteht man Texte, die in fiktiver oder dokumentarischer Weise von Reisen oder Reiseerlebnissen berichten und den Zweck haben, den Leser zu informieren, zu belehren oder zu unterhalten. Darunter fallen sowohl sachliche, informative Reisehandbücher und -führer, wissenschaftliche Reisebeschreibungen als auch fiktive und phantastische Reise- oder Abenteuerromane.

Das äußerst umfassende und vielseitige Gebiet der Reiseliteratur hat seine Anfänge bereits in der Antike, u. a. mit Homers dichterischer Beschreibung von Odysseus‘ Erlebnissen und Abenteuern. Die ersten "realen", jedoch nur durch Überlieferung bekannten Reiseberichte verfaßten der Seefahrer Skylax aus Karyanda, der im Auftrag des persischen Königs Dareios um 516 v. Chr. die persisch-arabische Küste von Indien bis Suez erforschte, und Pytheas von Massilia mit seinem Bericht über seine Reise bis zu den Shetland- und Orkney-Inseln um 325 v. Chr.


Im Laufe der Jahrhunderte entstanden in der antiken und mittelalterlichen abendländischen Literatur die einzelnen Formen der Reiseliteratur, z. B. Reiseführer in Form der römischen Weg- und Ortsbeschreibungen für Pilgerreisende (sog. Itinerarien) etc., Spielmannsdichtungen und Romane des Mittelalters (Ruodlieb, Alexanderlied, Herzog Ernst, Fortunatus), der Reisebericht Marco Polos über seine Erlebnisse in der Mongolei (1301), und der phantastische Reisebericht des englischen Ritters Mandeville von J. de Bourgoigne (Mitte des 14. Jhs.).

Im 15. Jh. war die Reiseliteratur vor allem durch zahlreiche Darstellungen von Pilgerreisen vertreten, darunter die Jerusalemfahrt des Herzogs Friedrich von Österreich (1436), das Raisbuch des H. Tucher (1482) und andere. Ab Ende des 15. Jh. bekam die zeitgenössische Reiseliteratur durch die zahlreichen Entdeckungsreisen und Erforschungen mehr geographisches Gewicht, jedoch entstanden auch im 16. und 17. Jh. zahlreiche Reiseromane und -utopien, die in unterhaltender und kritisch-aufklärender Absicht die Wirklichkeit mit phantastischen Elementen verknüpften, darunter T. Morus, Utopia (1516), C. de Bergerac, Histoire comique des états et empires du soleil (1662) und J. Swift, Gulliver’s travels (1726), während D. Defoe mit Robinson Crusoe (1719) die Gattung der Robinsonade begründete.

Im 17. und 18. Jh. nahm der Wunsch des Bürgertums und Adels nach Bildung zu, und unter anderem wurde die sogen. Grand Tour vor allem durch das südliche Europa durch Reiseliteratur begleitet. Von England aus entwickelte sich der empfindsame Reiseroman, darunter L. Sternes A sentimental journey through France and Italy (1768) und M. A. von Thümmels Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich (1791-1805), in dem nicht Beschreibung, sondern Stimmung und Reflexion im Mittelpunkt stehen, sowie die in Tagebuchform gehaltenen Italienische Reise von J. W. von Goethe (1786). Bedeutende wissenschaftliche Reiseberichte lagen mit A. von Humboldts Bericht über seine Amerikareise, Reise um die Welt von J. G. Forster (über Cooks Weltumsegelung) u. a. vor. Jedoch erfreuten sich phantastische Reisetexte wie Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts (1842) nach wie vor großer Beliebtheit.

Im 19. Jh. erschlossen sich durch die Erfindung der Eisenbahn und Dampfschiffahrt neue Reisemöglichkeiten und ließ die Nachfrage nach Reiseführern und Reisehandbüchern (Baedeker) steigen, gleichzeitig wuchs durch die leichte Erreichbarkeit die Wertschätzung der heimatlichen Umgebung (Th. Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg 1862-82). Im 19. Jh. stieg in vielen Teilen der Bevölkerung der Auswanderungswunsch, wodurch Ratgeber (G. Dudens Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas, 1829) populär wurden, jedoch auch fiktive Romane von J. F. Cooper, Karl May und Jules Vernes ihre Leserschaft fanden. In der 2. Hälfte des 19. Jh. verlagerte sich das Interesse auf die Exotik des asiatischen Raumes, der seit Inbetriebnahme des Orient-Express bereisbar waren.



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