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Lexikon
Willingshauser Malerkolonie

Bereits 1814, noch Jahre bevor die ersten Pariser Maler sich nach Barbizon aufmachten, entstand in Willingshausen, einem abgelegenen hessischen Dorf in der Schwalm, die Willingshausener Malerkolonie. Die Gründung basiert auf einem Zufall: Der junge Gerhardt Wilhelm von Reutern (1794-1865), der in der Leipziger Völkerschlacht verwundet wurde, kam zur Genesung in das Örtchen und blieb. Goethe motivierte den begabten Jungen zum Zeichnen, und Emil Ludwig Grimm (1790-1863), der dritte der Gebrüder Grimm, kam häufig nach Willingshausen, um Reutern zu unterrichten und um volkskundliche Studien zu betreiben. Als Gerhardt Wilhelm von Reutern 1835 zum Studium nach Düsseldorf ging, wurde dort in Künstlerkreisen rasch publik, in welcher ursprünglichen Idylle Willingshausen liege. Das Interesse war bald groß, etwa kam Jakob Fürchtegott Dielmann (1809-85) 1841/42 nach Willingshausen und widmete sich dörflichen Szenen, bis er Ende der 1850er Jahre mit Anton Burger eine Malerkolonie in Kronberg gründete.
1849 eröffnete Ludwig Knaus (1829-1910) die zweite Phase der Willingshausener Künstlerkolonie: Der junge Maler drängte zum Realismus und danach, die Menschen und die Natur ganz in ihrem wirklichen Gehalt zu erfassen. Bäuerliche Genreszenen und dörfliche, oft volkskundliche Motive waren die bevorzugten Themen in den 1850er und 1860er Jahren. Bald fanden sich besonders über die Sommermonate zahlreiche Künstler der Düsseldorfer Schule in dem Dörfchen ein; mittlerweile war Willingshausen zu einem festen Begriff in Künstlerkreisen avanciert.
Mit der nächsten Generation trat die Freilichtlandschaft in den Vordergrund: In den 1870er und 1880er Jahren wirkten Hugo Mühlig (1854-1929), Otto Strützel (1855-1932), Adolf Lins (1856-1927), Theodor Matthei (1857-1920), Emil Zimmermann (1858-99), Heinrich Otto (1858-1923) und zahlreiche andere in diesem Fach. Vor allem Carl Bantzer (1857-1941) wurde in dieser Zeit zur prägenden Figur und sammelte einen großen Kreis an Schülern und Freunden um sich. Auch Wilhelm Thielmann (1868-1924) zählt zu den Hauptvertretern der Malerkolonie Willingshausen in jener Phase.
Mit dem Ersten Weltkrieg verlor die Willingshausener Kolonie an Bedeutung, wenngleich die Künstler aufgrund ihrer oft volkskundlichen Themen im Zuge der nationalkonservativen "Heimatschutzbewegung" deutlich an Beliebtheit gewannen.