Auktion: 406 / Moderne Kunst am 08.06.2013 in München Lot 100


100
Joan Miró
Ohne Titel, 1977.
Kreidezeichnung
Schätzung:
€ 30.000
Ergebnis:
€ 58.560

(inkl. Käuferaufgeld)
Ohne Titel. 1977.
Wachs-Kreidezeichnung mit Bleistift.
Am linken Blattrand signiert, am rechten Blattrand datiert "9.II.77". Auf Velin. 33,6 x 44,7 cm (13,2 x 17,5 in), Blattgröße. [KP].

Mit einer Fotoexpertise der Association pour la défense de l'œuvre de Joan Miró (ADOM), Paris, vom 4. Februar 2013.

PROVENIENZ: Privatsammlung Schweiz.

Joan Miró gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Doch scheint der Lebensweg Mirós zunächst in eine ganz und gar unkünstlerische Richtung zu führen: Obwohl er seit 1907 an der Kunstakademie von La Lonja studiert, besucht er doch von 1907 bis 1910 die Handelsschule in Barcelona, um dann in einer Drogerie zu arbeiten. Nach einer ernsten Krankheit folgt jedoch 1911 die völlige Hinwendung zur Kunst, 1912 schreibt er sich an der Academia Francese Gali ein, die er nach drei Jahren verlässt, um als Künstler zu arbeiten. In den folgenden Jahren wird Miró stark vom Fauvismus und von den französischen Kubisten beeinflusst und zeigt 1918 seine erste Einzelausstellung in der Galerie Dalmau in Barcelona. Ein Jahr später reist er erstmals nach Paris und lernt dort Pablo Picasso kennen, mit dem ihn fortan eine enge Freundschaft verbinden soll. 1921 zieht Miró nach Paris, wo er sich dem Kreis der Surrealisten um André Breton anschließt und 1924 der Gruppe beitritt. In der Folgezeit wird der Surrealismus stilprägend, darüber hinaus nimmt Miró an zahlreichen Surrealistenausstellungen teil. 1937 entsteht das große Wandgemälde "Le Faucheur", das neben Picassos "Guernica" und dem "Merkur-Brunnen" Alexander Calders im spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung gezeigt wird. Bereits 1941 findet im New Yorker Museum of Modern Art die erste Retrospektive des Œuvres statt; der in den folgenden Jahren zahlreiche weitere, unter anderem 1956 in Brüssel, 1962 in Paris und 1969 im Münchener Haus der Kunst folgen sollen.

Während in den 1950er Jahren Skulpturen, Wandbilder und Lithografien im Zentrum des Schaffens stehen, rücken seit den 1960er Jahren Malerei und Zeichnung wieder verstärkt in Mirós künstlerischen Fokus. Auch die in unserer Auktion angebotene Zeichnung ist diesem zeichnerischen Spätwerk zuzuordnen, in dem die Arbeiten auf Papier in ihrer narrativen Bildsprache einen ganz eigenen Kosmos bilden. In der hier vorliegenden, in ihrem sicheren und doch flüssigen Strich faszinierenden Zeichnung ist vor allen Dingen Mirós poetisch geprägte Erzählfreude zu spüren, die den Betrachter auffordert, sich in die Darstellung einzufühlen, den energiegeladenen Linien zu folgen und die Chiffren zu entschlüsseln, die uns hier etwa an eine kleine Eule (links im Bild) oder an eine Figurengruppe (rechts) erinnern. Darüber hinaus gelingt es Miró meisterlich, durch die virtuos gesetzten Farbakzente die Komposition entscheidend zu beleben. Stets jedoch, so scheint es, schildert Miró die Dinge aus seiner ganz eigenen, fast metaphysisch geprägten Sicht der Welt, denn er "[.] gehört zu den Menschen, die vom Ursprung der Dinge wissen. So ist das Leben für ihn ein offenes Fenster [..]", wie es der rumänische Schriftsteller Tristan Tzara beschreibt, für den Miró zahlreiche Buchillustrationen geschaffen hat (Zitat nach: Tristan Tzara, Á propos Joan Miró, in: Ausst. Kat. Joan Miró. Arbeiten auf Papier 1901-1977, Kestner-Gesellschaft Hannover, 8.12.1989-19.2.1990, S. 45).

Neben den Zeichnungen sind es vor allem großformatige Arbeiten, die das Spätwerk Mirós prägen. Hierzu zählen nicht nur Gemälde, sondern auch monumentale Arbeiten im öffentlichen Raum wie etwa das Mosaik für die Wichita State University (1977) und Großplastiken, darunter die Monumentalskulptur "Femme et oiseau" in Barcelona (1982). Heute sind Werke des 1983 verstorbenen Künstlers weltweit in den wichtigsten Museen und Sammlungen zu sehen. Erst 2011 waren Werke Mirós in einer umfassenden Retrospektive in der Londoner Tate Modern ausgestellt. [KP].




100
Joan Miró
Ohne Titel, 1977.
Kreidezeichnung
Schätzung:
€ 30.000
Ergebnis:
€ 58.560

(inkl. Käuferaufgeld)