Auktion: 466 / Klassische Moderne II am 07.06.2018 in München Lot 98


98
Anita Rée
Tiroler Bäuerin, 1921.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 12.000
Ergebnis:
€ 21.250

(inkl. Käuferaufgeld)
Tiroler Bäuerin. 1921.
Öl auf Leinwand.
Bruhns (2018) G 81. Rechts oben signiert, verso mit den Maßangaben bezeichnet. 65 x 60 cm (25,5 x 23,6 in).

PROVENIENZ: Sammlung Alfred und Carolina Hahn Cohen, Hamburg (direkt von der Künstlerin erworben; Anita Rée war die Großcousine von Carolina Hahn Cohen, die Familie hat mehrere Werke von ihr erworben).
Elisabeth Loew, Buenos Aires (Tochter der Vorgenannten, von diesen durch Erbschaft erhalten).
Privatbesitz Großbritannien (von der Vorgenannten durch Erbschaft erhalten, bis 2012).
Privatbesitz Bayern (seit 2012).

AUSSTELLUNG: Galerie Flechtheim (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett, dort mit der handschriftlichen Nummerierung "825"; möglicherweise handelt es sich hier um das Etikett zur Ausstellung "Frauen", die Flechtheim im Juli 1922 in seiner Berliner Galerie gezeigt hat, zu der allerdings kein Katalog erschienen ist).

LITERATUR: Maike Bruhns, Anita Rée. Leben und Werk einer Hamburger Malerin 1885-1933, Hamburg 1986, G 67, S. 263.
Maike Bruhns, Anita Rée. Leben und Werk einer Hamburger Malerin 1885-1933, 2. veränderte Auflage, Hamburg 2001, S. 69, Abb. 66.

Gerade durch ihre Porträts erlangt Anita Rée, die seit ihrer Ausstellungsbeteiligung in der Galerie Commeter im Jahr 1913 zur Hamburger Avantgarde gehört, in den gehobenen Kreisen des Hamburger Bürgertums zunehmend Anerkennung. 1919 ist Rée Gründungsmitglied der Hamburgischen Sezession, gehört zur Leitung und Jury der ersten Ausstellung im Dezember 1919. Die Kritiken an Rées Werken sind durchweg positiv. 1920 kommt es vor der zweiten Sezessions-Ausstellung bei Auseinandersetzungen um die künstlerische Qualität zum Austritt von vierzehn Mitgliedern. Die Hamburger Sezession wird mit den verbleibenden zwanzig Mitgliedern fortan zu einer Art Eliteveranstaltung, der neben Anita Rée unter anderem auch die Malerinnen Dorothea Maetzel-Johannsen und Alma del Banco angehören. In der zweiten Sezessions-Ausstellung werden schließlich neben afrikanischer Plastik auch avantgardistische Werke aus Hamburger Privatbesitz von Franz Marc, Karl Schmidt-Rottluff, Wassily Kandinsky und Pablo Picasso gezeigt. Nachdem Rée bereits seit 1919 beabsichtigt hatte, für die Sommermonate zum Landschaftsmalen zu verreisen, bricht sie schließlich im Frühsommer 1921 für einige Wochen nach Tirol, nach Grins im Inntal, auf. Die junge Künstlerin wohnt sehr einfach in einem alten Fachwerkhaus und stellt sich vor Ort mit Bravour den malerisch schwierigen Themen der Alpenlandschaft, porträtiert Bauern und die Einfachheit ihrer dörflichen Umgebung. Unser Gemälde "Tiroler Bäuerin" ist ein Paradebeispiel von Rées beeindruckender Beobachtungsgabe: In massiver Körperlichkeit hat Rée die groben Züge der Bäuerin eingefangen und durch die Attribute Rosenkranz, Kruzifix und Christusstatue sowie die schwarze Katze zugleich als gläubigen und abergläubigen Charakter definiert. Geradezu angstvoll hat die Bäuerin ihren Blick über die linke Schulter zur schwarzen Katze gewendet und wird so über mögliche porträthafte Züge hinaus zugleich zu einer Personifikation des ländlichen Lebens in den Alpen.
Nach mehreren Italienreisen in den Folgejahren kehrt Rée nach Hamburg zurück, wo sie 1933 schließlich von der Hamburgischen Künstlerschaft als "artfremdes Mitglied" diffamiert und ausgeschlossen wird. Am 12. Dezember 1933 wählt die Künstlerin vereinsamt und schockiert über die herrschenden politischen Verhältnisse den Freitod. [JS]



98
Anita Rée
Tiroler Bäuerin, 1921.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 12.000
Ergebnis:
€ 21.250

(inkl. Käuferaufgeld)