Auktion: 529 / Kunst nach 1945 / Contemporary Art am 10.06.2022 in München Lot 177


177
Antoni Tàpies
Door and Colors, 1974.
Acryl und Pastell auf Objekt (Holztür mit Schloss)
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 75.000

(inklusive Aufgeld)
Door and Colors. 1974.
Acryl und Pastell auf Objekt (Holztür mit Schloss).
Augustí 2828. Verso signiert. 191 x 66 x 5,5 cm (75,1 x 25,9 x 2,1 in). [EH/JK].

• Die „gefundene Tür“ hat im Oeuvre von Tàpies eine ganz besondere Bedeutung.
• Tàpies Materialen und Texturen sind von starker Assoziationskraft
• Die Spanish Door von 1959 befindet sich heute im Kemper Art Museum, St. Louis
.

Wir danken der Comissió Tàpies, Barcelona, für die freundliche Unterstützung.

PROVENIENZ: Martha Jackson Gallery, New York.
Galerie Forsblom, Helsinki.
Privatsammlung Schweiz.

AUSSTELLUNG: Tàpies. Obra recent, Galeria Maeght, Barcelona, 17.1.-11.3.1975, Kat.-Nr. 30 (o. Abb.).
Tàpies. Selected New Work 1973-1974. Paintings, Objects, Works on Cardboard and Paper, Martha Jackson Gallery, New York, 8.11.-13.12.1975, Kat.-Nr. 25 (m. Farbabb.).
Livingston Learmont Gallery, New York, 1976 (o. Abb.) (verso mit einem Etikett).
Antoni Tàpies, Mendel Art Gallery, Saskatoon, 1977, Kat.-Nr. 7 (m. Abb.).
Written Imagery unleashed in the 20th Century, Fine Arts Museum of Long Island, 1983/84.

LITERATUR: Roland Penrose, Tàpies, Barcelona 1977, S. 188, Taf. 135.
Christie's, London, Auktion 9.12.1999, Los 413.

Mit Eduardo Chillida, Antonio Saura, Luis Feito und Manolo Millares gehört Antoni Tàpies zu jenen jungen spanischen Künstlern, die schon zu Beginn der 1960er Jahre international Furore machen konnten und deren ganz eigener Beitrag zur europäischen Kunst der zweiten Jahrhunderthälfte entscheidenden Einfluss nicht nur auf ihre Zeitgenossen, sondern vor allem auch auf die Künstlerinnen und Künstler der nachfolgenden Generationen ausübte.
Die Faszination, die von Fragmenten und Ruinen ausgeht, hatten die Romantiker zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits zu nutzen gewusst, und Rodin hatte fast im Alleingang den „Torso“ als Prinzip in die Moderne eingeführt. Im Paris der 1920er Jahre entwickelten die Surrealisten dann vielstimmige Methoden der Collage und Montage und machten das damit vollzogene Einbrechen der Wirklichkeit ins Bild zur entscheidenden Neuerung in der Kunst des 20. Jahrhunderts. In der Konsequenz bedeutete das, die Gleichung „Kunst = Leben“ nicht mehr nur zu propagieren, sondern bereits ihre Infragestellung für immer aufzulösen. Spätestens Ende der 1950er Jahre hatte die junge Avantgarde das ganze Leben zur Verwandlungszone erklärt. Mit der Ausstellung „The Art of Assemblage“ im MoMA in New York hatte William C. Seitz die Erweiterung des Bildes als endloses Spiel mit der Wirklichkeit definiert. „Painting relates to both art and life. Neither can be made. I try to act in the gap between the two.“ (Robert Rauschenberg, 1959)

1950 kommt Antoni Tàpies mit einem Stipendium nach Paris und saugt den Geist des Existenzialismus ebenso auf wie er sich von den traumwandlerischen Ausläufern des Surrealismus in den Bann schlagen lässt. Er lernt Jean Dubuffet und seine Beobachtung der „Art Brut“ kennen und realisiert, von Picasso bestärkt, dass er eine eigene Position aus seinem „Catalan Spirit“ entwickeln kann. Spätestens 1954 hat er sich mit den schrundigen Oberflächen, den mit erzählerischen Zeichen versehenen Mauern auf der Leinwand ein unverwechselbares Imaginationsfeld erschlossen, das zwischen realistischen Anspielungen und verschlüsselten Botschaften springt. Mit großer Sensibilität für haptisch bestimmte Zeichenkürzel gelingen ihm eindrückliche und sehr persönliche Einblicke in eine kaum mit Worten zu beschreibende Wirklichkeit. Mit dem Begriff „Materialtafeln“ versuchte Andreas Franzke in den 1970er Jahren, die spezifische Erscheinung der Bilder von Tàpies zu erfassen. Diese Bezeichnung hilft auch den grundlegenden Unterschied zwischen Werken von Tàpies und z. B. Robert Rauschenbergs Combine Paintings zu verdeutlichen. Zwar beginnen beide Künstler fast gleichzeitig Elemente der Wirklichkeit ins Bild zu integrieren, gehen dabei aber ganz unterschiedliche Wege in ihrem Spiel zwischen Beobachtung, politischem Engagement und glücklichem Fund.
Tàpies hatten Brassaïs – inzwischen berühmte – Fotografien der Ritzzeichnungen auf den alten Mauern von Paris schon früh fasziniert. Aber im Unterschied zu den dort festgehaltenen anonymen Notaten liegt der Zusammenhang in seinen Schöpfungen „im Geistigen nicht im Abbildhaften, in der Idee des Universellen und nicht im persönlichen Moment“ (Zit. Barbara Catoir). Im Auge des Betrachters steigert die Begegnung mit alltäglichen Objekten auf dem Bild die Gegenstände des Gewöhnlichen ins Absurde. Ein einfacher, beliebiger Socken auf der Leinwand ist eben tatsächlich „verloren“.
Die „gefundene Tür“ hat im Oeuvre von Tàpies eine ganz besondere Bedeutung. Die Tür birgt die Möglichkeit auf ein Dahinter und ist die „Pforte der Wahrnehmung“ – seit William Blake eine traditionsbeladene Metapher. Sie ist die Stelle in der Mauer, durch die der Mensch hindurchgehen kann, ist absolute Gegenwart, die die Vergangenheit „mitbringt“ und die Zukunft noch vor sich hat. Schon 1959 hatte Tàpies mit „Spanish Door„ den Prototyp für seine sinnbildliche Formel geschaffen, und die extreme Vereinfachung steht für ihn für die Idee der herausgelösten Tür als Paradoxon. Sie ist ein Zeichen, das seinen metaphysischen Charakter – zumal hängend vor der Wand – in der Schwebe lässt, seine essenzielle Dualität in der Loslösung ihrer Funktion noch unterstreicht. Die Einheit aller Dinge durch die bewusste, in der Zeit aufzulösende Co-Existenz aller Widersprüche.
Eine Reihung von bunten, kurzen, wie abgehackt wirkenden Strichen lässt auf dem Bild „Door and Colors“ von 1974 einen Rhythmus entstehen, der nichts bezeichnet, aber seine Poesie genau dann entwickelt, wenn wir uns klar machen, dass jeder Strich, jeder Farbwechsel eine Entscheidung und eine Handlung bedeutet – eine Kreide wird aus der Hand gelegt und für den nächsten Strich zu einer anderen gegriffen. Die Abfolge der unterschiedlichen Farben im Stakkato hat keine „festgelegte“ Bedeutung, bezieht ihre Plausibilität aus einer eigenartigen Balance zwischen Zufall und Bedacht. Markierungen, menschliche Zeichen, motivierte Wahllosigkeit, pures „Machen“, dem distanzierendes Schauen folgt.
Der großen Tür, „Door and Colors“, kommt in ihrer markanten Klarheit im Werk der frühen 1970er Jahre eine wichtige Bedeutung zu, „verbindet“ sie doch durch die Einschreibungen, das große „Doppel X“ mit der algebraischen „Ungleichung“, die in einem „weiten Himmel“ wie über einer „erdigen Landschaft“ steht, die Unauflöslichkeit der Ideen. Wenn A als –B die Gleichung hält, ist es nur die Differenz in der Beobachtung der Menschen, die den Unterschied macht. Individualität, die sich unausweichlich in Universalität verliert und immer wieder auf Tàpies eigenes Erstaunen angesichts der Entwicklung des Bildes, dem Prozess seiner Entstehung zurückweist. Es ist die identitätsstiftende Geschichte, die einer verwandelten Tür im Zusammenspiel mit der radikalen Beschränkung der malerischen Mittel und dem poveren Einschreiben von Zeichen die Spiritualisierung des Einfachen überhaupt ermöglicht. Genau diese „European Qualities“ waren für Jean-Michel Basquiat und Julian Schnabel vorbildhaft für die magische Aufladung ihrer Bilder mit Objektcharakter. „Kunst“ – wenn es das gibt – entsteht aus dem Umgang mit Materie. Es geht um das faszinierende Begreifen elementarer Möglichkeiten, die im glücklichsten Fall, im außerordentlichen Fund zur Identität von Material als Form führen. Das ist ein endlos gedachtes Spiel. Das verspricht jede Mauer und jede neue Erfahrung der nächsten Tür. [AH]



177
Antoni Tàpies
Door and Colors, 1974.
Acryl und Pastell auf Objekt (Holztür mit Schloss)
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 75.000

(inklusive Aufgeld)