Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 37


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Oskar Schlemmer
Vierergruppe mit Grau, 1930.
Aquarell und Gouache, auf grundierter Hartfaser...
Schätzung:
€ 200.000
Ergebnis:
€ 425.000

(inklusive Aufgeld)
Vierergruppe mit Grau. 1930.
Aquarell und Gouache, auf grundierter Hartfaserplatte.
Von Maur A 400. Auf der Hartfaserplatte verso auf einem Etikett signiert, datiert und betitelt. 42,4 x 54,7 cm (16,6 x 21,5 in). Hartfaserplatte: 48 x 62,3 cm (18,9 x 24,5 in).
"Das vorliegende Blatt [wurde von Oskar Schlemmer selbst oder] von Schlemmers Bruder Carl nachträglich gefirnist und auf Hartfaserplatte aufgezogen. Dadurch wurde der Bildcharakter verstärkt, sodass das Aquarell seither als Gemälde galt." – Karin v. Maur, in: Oskar Schlemmer. Œuvrekatalog der Gemälde, Aquarelle, Pastelle und Plastiken, München 1979, S. 303.
• Besonders klar formulierte, kontrastreiche Umsetzung von Schlemmers Streben nach der idealen Symbiose von Figur und Raum.
• Schlemmers Arbeiten seiner Breslauer Zeit 1929–1932 gelten als Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens.
• Aquarelle mit vergleichbarer Figurenkomposition in dieser Qualität sind auf dem internationalen Auktionsmarkt von größter Seltenheit.
• Im Entstehungsjahr sind Schlemmers Arbeiten Teil der XVII. Biennale in Venedig, ein Jahr später ist er an der großen Überblicksschau "Modern German Painting and Sculpture" im Museum of Modern Art in New York vertreten.
• Nahezu 40 Jahre Teil der bedeutenden rheinischen Sammlung Fänn und Willy Schniewind
.

PROVENIENZ: Sammlung Carl Schlemmer, Pullach (der Bruder des Künstlers, 1883-1966), Pullach.
Kunstarchiv Dr. Arntz, Haag/Oberbayern.
Galerie Dr. Klihm, München (1955).
Galerie Hella Nebelung, Düsseldorf.
Sammlung Fänn und Willy Schniewind, Neviges/Düsseldorf (1956 erworben, verso mit dem Sammler-Etikett).
Privatsammlung (um 1990 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Europa (2002 vom Vorgenannten erworben: Christie's 4.2.2002).

AUSSTELLUNG: Polarität. Das Apollinische und das Dionysische in der Kunst, anlässl. 15. Ruhrfestspiele, Städtische Kunsthalle, Recklinghausen, 2.6.-16.7.1961, Kat.-Nr. A 158 (m. Abb. Tafel 80); Stedelijkmuseum, Amsterdam, 22.7.-18.9.1961, Kat.-Nr. A 120 (m. Abb. Tafel 34).
Deutscher Künstlerbund von der Gründung 1904 bis zum Verbot 1936, 13. Ausstellung, Akademie der Künste, Berlin, 22.3-26.4.1964; Jahresausstellung, Hochschule für bildende Künste, 21.3.-3.5.1964, Möglichkeiten, Haus am Waldsee, 21.3.-3.5.1964; Kat.-Nr. 147, S. 35.
Ulm 1930. Bild, Bau, Gerät, Architektur, Möbel, Plastik, Malerei, Plakate, Photografien, Von der Heydt-Museum, Wuppertal, 16. 1.-27. 2. 1972, Kat.-Nr. 134.

LITERATUR: Karin v. Maur, Oskar Schlemmer. Oeuvrekatalog der Gemälde, Aquarelle, Pastelle und Plastiken, München 1979, Kat.-Nr. A 400, S. 303 (m. Abb.).
Christie's, London, 6552. Auktion, 4.2.2002, Impressionist and Modern Art (Evening Sale), Los-Nr. 40 (m. Abb.).

Der Mensch im Zentrum des künstlerischen Schaffens
Während seiner Zeit am Bauhaus in Weimar (1921–1925) und in Dessau (1925–1929) ist Oskar Schlemmer nicht nur als Maler und Grafiker, sondern auch als Bildhauer, Bühnenbildner und Choreograf tätig. Schlemmer leitet zunächst die Werkstatt für Wandmalerei, dann die Metallwerkstatt und die Werkstatt für Holz- und Steinbildhauerei.
In seiner Bestrebung nach einer stärkeren Vereinigung von Kunst und Architektur verlagern sich Schlemmers künstlerische Projekte nach seiner Berufung an das Weimarer Bauhaus in den 1920er Jahren zunehmend in den Raum, es entstehen neben Kostümentwürfen, Choreografien und Bühnenstücken auch Plastiken, Skulpturen sowie Wandreliefs und -gestaltungen, wie bspw. die von den Nationalsozialisten schon 1934 zerstörten Arbeiten im Brunnenraum des Museum Folkwang in Essen, an deren Fertigstellung er bis 1930 arbeitet. Sein experimenteller Geist der 1920er Jahre gipfelt in den Kostümentwürfen und Inszenierungen für das "Triadische Ballett" (1922 uraufgeführt), das heute als Meilenstein des Tanztheaters gilt. 1929 nimmt der Künstler die Gelegenheit wahr, eine Lehrtätigkeit an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau anzutreten. In diesen Jahren entstehen einige der bedeutendsten Werke seines gesamten Œuvres, u. a. das berühmte Gemälde "Bauhaustreppe" (1932, Museum of Modern Art, New York) (Abb.). Schlemmers äußerst vielseitiges Schaffen kreist fast ausschließlich um die Darstellung des menschlichen Kopfes und Körpers. Die Verortung der menschlichen Figur im Raum bleibt der Kern seiner unverwechselbaren Arbeiten. In ihnen begibt sich der Künstler auf die Suche nach einem ganz eigenen künstlerischen Idealtypus menschlicher Physiognomie, eines "allgemeingültigen Typus der Gestalt", wie es die Verfasserin des Werkverzeichnisses Karin v. Maur formuliert.


Die Figur im Raum: Geometrie und Typisierung, Licht und Schatten
Auf seiner Suche nach einem allgemeingültigen Figurentypus verzichtet Schlemmer auf die Darstellung individueller Erscheinungsbilder und physiognomischer Besonderheiten. Stattdessen bedient er sich eines stark simplifizierten, fast abstrakt-geometrischen Formenrepertoires, aus dem er seine Figuren zusammensetzt. Die Gestalten in der hier angebotenen Arbeit bestehen – in starkem Kontrast zu der sie umgebenden streng rechtwinkligen Architektur – ausschließlich aus gerundeten Formen, Gesichter und Gliedmaßen sind auf simple, zum Teil nur angedeutete, weiche Züge und schemenhafte Silhouetten reduziert. Nur die Frisuren, ihre zum Teil im Nacken zusammengesteckten, längeren blonden Haare weisen sie als weibliche Figuren aus.
"Ich will Menschen-Typen schaffen und keine Porträts, und ich will das Wesen des Raumes und keine Interieurs", erläutert der Künstler in Bezug auf seine so unnahbaren Figuren (zit. nach: Ausst.-Kat. Oskar Schlemmer, Stuttgart 1977, S. 9). Somit kann "Vierergruppe mit Grau" im Grunde nicht als Figurendarstellung bezeichnet werden. Vielmehr geht es Schlemmer um die Verortung der Figur im Bildraum. Die stark angeschnittenen, nur fragmentarisch gezeigten Hinterköpfe der weiblichen Rückenfiguren zeigt der Künstler in extremer Nahsicht, sodass Figur und Raum ein Stück weit miteinander verschmelzen. Fast spielerisch lässt Schlemmer durch die gemalten Fenster ein wenig "Licht" in den Raum fallen, das die Figuren in Licht- und Schattenpartien taucht. Der dadurch erzeugte Hell-Dunkel-Kontrast und die Gegenüberstellung warmer und kalter Farben legen zusätzlichen Fokus auf die architektonischen Elemente der Komposition und erzeugen zwischen Figur und Raum eine weitere spannungsvolle Verbindung. Der Eindruck von Räumlichkeit und Tiefe wird zusätzlich durch die unterschiedlichen Blickrichtungen der Figuren und ihre Bewegungsmomente betont: Jede von ihnen scheint in eine andere Richtung zu blicken und sich von den Betrachter:innen wegzubewegen. Schlemmer reiht die von uns abgewandten Figuren nicht nur in ganz unterschiedlichen Abständen aneinander, sondern versetzt sie innerhalb seines Raumkonstruktes ganz offenbar auch in gänzlich verschiedene Höhen. Es entsteht der Eindruck einer leicht tiefer liegenden Betrachterposition.

Schlemmers Figuren auf der Treppe
Oskar Schlemmer scheint demnach auch die Figuren der hier angebotenen "Vierergruppe mit Grau" – wie die Figuren in seinem berühmtesten, etwas später entstandenen Gemälde "Bauhaustreppe" (Museum of Modern Art, New York) – auf einer Treppe positioniert zu haben. Anders als in dem so berühmten Gemälde in New York wird die Treppe hier jedoch nicht direkt dargestellt, sondern allein durch die Anordnung und die Höhenunterschiede der Figuren angedeutet. Zudem werden die Figuren in Rückenansicht und zu keinem Zeitpunkt im Profil oder in Frontalansicht gezeigt.
Schlemmer setzt die Treppe hier geschickt als unsichtbares kompositorisches Instrument ein, um tiefenräumliche Effekte und eine spannungsreichere, interessantere Komposition zu erzielen. Nur die weibliche Figur rechts im Bild weist mit dem angewinkelten Arm und der wie auf dem Handlauf eines hellgrauen Geländers aufliegenden Hand womöglich noch einmal subtil auf das nicht sichtbare architektonische Element unter ihren Füßen hin.
Mit dem Motiv der Treppe, mit aufsteigenden Ebenen und Geländermotiven setzt sich der Künstler schon in ebendiesen Jahren vor Entstehung der "Bauhaustreppe" und der "Treppenszene" (1932, Hamburger Kunsthalle) auseinander, bspw. in dem Gemälde "Szene am Geländer" (1931, Staatsgalerie Stuttgart) (Abb.) oder auch in der besonders frühen Arbeit aus der Dessauer Bauhaus-Zeit "Frauentreppe" (1925, Kunstmuseum Basel). Eine von Schlemmer mitarrangierte Fotografie dokumentiert die frühere Faszination mit dem Motiv ebenfalls sehr deutlich: sie entsteht um 1927 in Zusammenhang mit einem Geschenk an Walter Gropius, anlässlich dessen Verabschiedung aus dem Direktorposten am Dessauer Bauhaus ("Die Weberinnen auf der Bauhaus-Treppe", Bauhaus-Archiv, Berlin, Fotograf: T. Lux Feininger, Mitarbeit Komposition: Oskar Schlemmer (Abb.)). Der Fotograf und Bauhaus-Student T. Lux Feininger schreibt über das damalige Ereignis: "Am Tag der Aufnahme trafen sich alle Beteiligten, amongst whom war Oskar Schlemmer. Während die Gruppe gestellt wurde, gab Schlemmer Ratschläge für die Komposition. Er erzählte uns, dass er seit längerer Zeit an einem ,Treppenbild‘ arbeitete." (Brief an das Bauhaus-Archiv, 14.7.2009, zit. nach: www.kunst-archive.net/).


Nicht nur das hier nur angedeutete Geländer- und Treppenmotiv findet sich in weiteren Arbeiten und insbesondere in der etwas späteren, berühmten "Bauhaustreppe". Auch stark angeschnittene Köpfe und sich von den Betrachter:innen wegbewegende, gänzlich entindividualisierte, stilisierte, aus geometrischen Komponenten geformte Rückenfiguren sowie Fensterformationen im Zentrum des Bildraumes setzt Schlemmer in seinen Werken häufig ein. So komponiert Schlemmer in dem hier angebotenen Werk aus der so bedeutenden Breslauer Schaffenszeit ein symbiotisches Ganzes aus Figur und Raum von seltsam zeitloser, höchst charakteristischer und doch allgemeingültiger Formensprache und Modernität, ein Werk, das aufgrund der stark angeschnittenen Figuren und der so meisterlich evozierten Räumlichkeit über seine Bildgrenzen hinaus in den Realraum der Betrachtenden hinauszuströmen scheint.

Stellvertretend für den Geist und die Ideale des Bauhauses: "Vierergruppe mit Grau" in der Sammlung Fänn und Willy Schniewind

Nach ihrer Entstehung befindet sich die hier angebotene, ausdrucksstarke Arbeit zunächst im Besitz Carl Schlemmers, dem Bruder des Künstlers, bevor es über Umwege in die bedeutende Kunstsammlung Fänn und Willy Schniewind gelangt. Ausgehend von der Kunst der klassischen Moderne trägt das rheinländische Sammlerehepaar ab den 1950er Jahren eine umfangreiche private Kunstsammlung zusammen, die in den 1960er und 1970er Jahren durch den Kontakt zu zeitgenössischen Künstlerkreisen und regelmäßigen Ankäufen um bedeutende Werke der Nachkriegskunst erweitert wird. Neben unserem farbstarken Aquarell von Oskar Schlemmer vereint die Sammlung damals Arbeiten von Max Slevogt, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Max Beckmann, Christian Rohlfs, Alexej von Jawlensky, Otto Dix, Jean Dubuffet, Lucio Fontana, Yves Klein, den „ZERO"-Künstlern Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack sowie von Gerhard Richter und Francis Bacon – eine umfangreiche, beeindruckende Dokumentation der verschiedenen künstlerischen Strömungen innerhalb der europäischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. In der Sammlung steht"Vierergruppe mit Grau" bis zum Tod des Sammlerpaares und der Auflösung der Sammlung stellvertretend für den Geist und die Ideale des Bauhaus, das für die Formgestaltung und die künstlerischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts so außerordentlich prägend war. [CH]

Weitere Werke aus dieser Privatsammlung werden ebenfalls in unserem Modern Art Day Sale angeboten (Samstag, 10. Dezember 2022, Los 455, 489, 527).



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Oskar Schlemmer
Vierergruppe mit Grau, 1930.
Aquarell und Gouache, auf grundierter Hartfaser...
Schätzung:
€ 200.000
Ergebnis:
€ 425.000

(inklusive Aufgeld)