Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 44


44
Emil Nolde
Meer (D), 1930.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 800.000
Ergebnis:
€ 985.000

(inklusive Aufgeld)
Meer (D). 1930.
Öl auf Leinwand.
Urban 1103. Rechts unten signiert. Auf dem Keilrahmen signiert und betitelt. 74,5 x 100,5 cm (29,3 x 39,5 in).

• Das Meer als elementare Urgewalt ist eines der Schlüsselthemen in Noldes Werk.
• Nolde stellt uns direkt in die Mitte des Meeres und macht so dessen elementare Kraft spürbar.
• In dieser fast Gegenstandslosigkeit der Meeresbilder wird die Farbe das bestimmende Element.
• Zwei der sechs auf Sylt entstandenen Gemälde der Meeres-Serie von 1930 gelten als verschollen.
• "Meer (B)" dieser Meeres-Serie befindet sich in der Tate Modern Gallery, London.
• Teil der Wanderaustellung "Neuere deutsche Kunst", dem wohl wichtigsten Ausstellungsprojekt für die Moderne am Ende der Weimarer Republik
.

PROVENIENZ: Sammlung Wilhelm Ritzerfeld, Berlin (um 1935).
Elvira Ritzerfeld, Berlin (vom Vorgenannten erhalten, bis 1966: Sotheby’s, 22.6.1966).
M. Knoedler & Co., New York (verso mit dem Etikett).
Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia (1968/69).
Sammlung Udo Bey, Soregno/Schweiz (1990).
Privatsammlung Norddeutschland.

AUSSTELLUNG: Kunsthütte Chemnitz, wohl: Der deutsche Norden (Barlach, Nolde, Rohlfs), Januar/Februar 1932 (verso mit dem gestempelten Etikett).
Wanderausstellung „Neuere Deutsche Kunst“, Mai 1932-Juli 1932 (Kopenhagen, Den Frie udstilling, Mai 1932, Nr. 158; Köln, Großer Kongress-Saal der Kölner Messe, Juni-Juli 1932, Nr. 147).
Expressionismus, Spencer A. Samuels, New York, 1968, Nr. 11 (m. Abb.).

LITERATUR: Handliste des Künstlers (1930).
Sotheby and Co., London, Catalogue of impressionist and modern paintings, drawings and sculpture, 22.6.1966, Los 86.
Wenzel Nachbaur, Moderne Kunst V. Lagerkatalog Roman Norbert Ketterer,
Campione d’Italia 1968, Nr. 125.
Wenzel Nachbaur, Moderne Kunst VI. Lagerkatalog Roman Norbert Ketterer,
Campione d’Italia 1969, Nr. 88.
Naima Salam, Marokkanische und europäische Kunsttraditionen als Inspirationsquelle für die marokkanische Malerei der Gegenwart Münster 2004, S. 198 Anm. 564.
Markus Lörz, Neuere Deutsche Kunst: Oslo, Kopenhagen, Köln 1932. Rekonstruktion und Dokumentation, Stuttgart 2008, Anhang S. 17.
Nina Hinrichs, Wattenmeer und Nordsee in der Kunst. Darstellungen von Nolde bis Beckmann, 2019, S. 599 (m. Abb.).
"Ich malte, was sich vor meinen Papieren und Leinen zeigte: die Wolken, die Wogen, die Dünenphantasie und dann meine leidenschaftlichen Meerbilder mit Sturzwellen und Gischt [..] Sechs Meerbilder hatte ich stehen in Farben naß und fertig, fast fertig, bis zur Ekstase daran noch arbeitend und immer, immer wieder sie prüfend anschauend."
Emil Nolde über seinen Aufenthalt auf Sylt 1930, zit. nach: Reisen, Ächtung, Befreiung: 1919-1946, Köln 1978, S. 104/105.

"Nolde hat das Meer als Elementarwesen gemalt und als Apotheose des Lichtes und der Unendlichkeit. [..] Das völlige Eintauchen in die elementare Gewalt der Natur bis an die gefährliche Grenze des Möglichen, das Einswerden mit dem Ziel der Durchdringung, die Dinge ergreifen und sich von ihnen ergreifen lassen, um dann aus der Erinnerung das Bild zu malen, fern der Oberflächenwelt, nur der Vorstellungskraft folgend und der sinnlichen Lockung der Farben – kein Thema kam dem Maler mehr entgegen. Hier kann er dem Fluß der Farben alle Freiheit lassen, um ihn zugleich souverän in eine kompositorische Ordnung zu lenken."
Martin Urban, Emil Nolde. Landschaften. Aquarelle und Zeichnungen, Köln 2002, S. 32.



Das Meer ist für Nolde während seiner gesamten Schaffenszeit ein wichtiges Thema. Bereits 1910/11 arbeitet er an den „Herbstmeeren“, es entsteht eine Folge von 20 Gemälden. "Nolde hat das Meer als Elementarwesen gemalt und als Apotheose des Lichtes und der Unendlichkeit. [..] Das völlige Eintauchen in die elementare Gewalt der Natur bis an die gefährliche Grenze des Möglichen, das Einswerden mit dem Ziel der Durchdringung, die Dinge ergreifen und sich von ihnen ergreifen lassen, um dann aus der Erinnerung das Bild zu malen, fern der Oberflächenwelt, nur der Vorstellungskraft folgend und der sinnlichen Lockung der Farben – kein Thema kam dem Maler mehr entgegen. Hier kann er dem Fluß der Farben alle Freiheit lassen, um ihn zugleich souverän in eine kompositorische Ordnung zu lenken", so der Kunsthistoriker und langjährige Direktor der Ada und Emil Nolde Stiftung in Seebüll Martin Urban (zit. nach: Martin Urban, Emil Nolde. Landschaften. Aquarelle und Zeichnungen, Köln 2002, S. 32).
Dieses Bild gehört zu einer Reihe von sechs Seestücken, die während Noldes Aufenthalt auf der norddeutschen Insel Sylt im Herbst 1930 in kurzer Abfolge entstehen. "Monate waren vergangen, die vielen Menschen verzogen. Es ging gar schnell. Ich war fast ganz allein noch geblieben. Der Herbst war gekommen, die Tage kurz. Gewitterwolken kamen gezogen mit Hagelschauern, – die Blitze fahrend ins Meer. Mein Sinnen war stumpf, mein glücklicher Frohsinn vorbei, wie im Lebensherbst es oft und quälend so sein kann. Sechs Meerbilder hatte ich stehen in Farben naß und fertig, fast fertig, bis zur Ekstase darnach noch arbeitend und immer, immer wieder sie prüfend anschauend", schildert Nolde die intensiv empfundene Zeit der Entstehung dieser Meerbilder (Emil Nolde, Mein Leben. Am Westmeer 1930, Köln 1993, S. 378). Noldes charakteristisch expressive Pinselführung und die intensive Farbgebung lassen den wogenden Aufruhr des Meeres nachfühlen. Dabei muss es ihm ähnlich ergangen sein wie dem französischen Realisten Gustave Courbet, als dieser rund 60 Jahre zuvor die mächtig sich aufbäumenden und mit schaumiger Gischt anbrandenden Wogen in Étretat an der französischen Atlantikküste in vielfältigen Variationen festhält. Courbet und Nolde sind gleichermaßen fasziniert von dem endlos wiederkehrenden Ereignis der anschlagenden Wellen und die stürmische Wetterlage mit der vom Wind aufgeblasenen Gischt. Das Getöse des Meeres überträgt sich in die Impulsivität der Malerei Noldes und dessen künstlerische Ausdrucksfähigkeit: eine von Emotionen geleitete expressive Naturschilderung, die das herbstliche Licht der Insel auf den Kämmen der sich überschlagenden Wellen spiegelt. Noldes Interpretationen von Meer und Himmel sind hier geleitet von seiner eigenen Stimmung. Nolde überträgt das Gesehene in eine gefühlte Landschaftsmalerei, in der der Realismus nur mehr eine Orientierung leistet, hingegen die expressive Setzung der Farben das Motiv durchdringt und sinnlich erfahrbar macht. Das typische Dunkelgraublau des aufgewühlten Wassers der Nordsee wird mit Grün- und Türkistönen überhöht, der dunkelviolett getönte Himmel am fernen Horizont unterstreicht die angespannt melancholische Abendstimmung des zu Ende gehenden Herbsttages. Nolde verzichtet auf die Bühne festen Bodens, ein Stückchen Sand oder den Schutz von Dünen; er stellt sich und den Betrachter gleichsam inmitten der aufbrausenden Gischt und lässt mit dieser Geste seiner Erregung freien Lauf.
"Herzlich frisch und stärkend war der Wind, die Wanderungen auf dem festen Sand das Meer entlang meine Lust", schwärmt Nolde über seinen Aufenthalt am "Westmeer". "Die Wogen, ihr Grollen, die Wolken vor und über mir, der Strand, die Dünen, das graue Gras, es alles war mein. […] Ich vermochte es kaum zu ertragen, was allen anderen so hübsch und frei, gesund und herrlich selbstverständlich schien. Wie ein Trunkener lief ich stundenlang den Strand entlang oder durch den flüssigen Sand der Dünen, […] Ich begriff alles kaum und nahm es hin, gelassen bewegt, wie auch meine Farben es waren, ob ich die graugrünen Dünen malte, das tosende Meer oder die Menschen." (Emil Nolde, Mein Leben. Am Westmeer 1930, Köln 1993, S. 377) Nolde ist alleine auf Sylt, seine Frau Ada kümmert sich weiter um den Ausbau des 1927 erworbenen Anwesens in Seebüll. Nolde erreicht die Insel Ende August 1930 und bleibt zwei Monate. Er findet Unterkunft im "Haus Kliffende" in Kampen.
Im September endet die Urlaubs-Saison, die Insel leert sich und Nolde beschließt, noch bis Ende Oktober auf der Insel zu bleiben, und kann in das Blockhaus seiner Wirtin Clara Tiedemann umziehen. "Es ist wie ausgestorben in den Dünen und am Strand, und die letzten Spuren der Großstädter sind von den Wellen verschleift und verwehen bald ganz", schreibt Nolde an seine Frau Ada (zit. nach: Elke Backert, Malerischer Abschied vom Sommer: Emil Nolde auf Sylt, in: Frankfurt Live, 22.8.2016). Erst jetzt im Oktober entwickeln sich jene Naturstimmungen, die den Künstler zu Gemälden wie dieses "Meer" anstacheln mit dem schwer wogenden Wasser, düster, aufgewühlt und bedrohlich. "Seit Wochen ist nun alles öd und ich gehe und ich gehe am Strand oder in den Dünen, vielleicht etwas müde und schwer die Vereinsamung ertragend", berichtet Nolde an Ada nach Seebüll (ebd.). Und Nolde mag sich beim Blick hinaus übers Meer mit dieser einsamen Wetterstimmung an "La Vague" von Gustave Courbet erinnern, die gemalte Woge, die sich seit 1906 in der Nationalgalerie in Berlin befindet und über die schon Paul Cézanne voller Begeisterung schreibt: "… die in Berlin ist wunderbar, eines der Wunder des Jahrhunderts, viel beweglicher, viel gespannter, mit einem giftigeren Grün, mit einem schmutzigeren Orange, als diese hier [im Musée Louvre], mit der schaumigen Gischt der Flut, die aus der Tiefe der Ewigkeit kommt, dem zerfetzten Himmel und der fahlen Schärfe. Es ist als käme sie gerade auf einen los, man schrickt zurück. Der ganze Saal riecht nach Wasserstaub" (zit. nach: Joachim Gasquet, Cézanne, Berlin 1930, S. 141). "Es war, als ob die freie Luft, der salzige Geschmack, die tosenden Wogen mich spornten und beglückten", so Nolde erfreut über seine intensive und ertragreiche Begegnung mit dem "Westmeer" auf der Insel Sylt. [MvL]



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Emil Nolde
Meer (D), 1930.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 800.000
Ergebnis:
€ 985.000

(inklusive Aufgeld)