Auktion: 487 / Klassische Moderne II am 08.06.2019 in München Lot 810

 
810
Ilona Singer
Bildnis Robert von Mendelssohn, 1928.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 14.000
Ergebnis:
€ 80.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Bildnis Robert von Mendelssohn. 1928.
Öl auf Leinwand.
Unten rechts signiert und datiert. 55 x 46 cm (21,6 x 18,1 in).
Rückseitig auf dem Keilrahmen mit dem Namen des Dargestellten beschriftet und datiert sowie mit der beriebenen Deportationsnummer von Margit Hahn.
- Ein Werk von magischer Präsenz aus dem mondänen Berlin der 1920er Jahre
- Eine außergewöhnliche Malerin der Neuen Sachlichkeit
- Ein Bild mit bewegter und bewegender Geschichte
.

PROVENIENZ: Sammlung Margit Hahn, Offenbach/Prag (Schwester der Künstlerin, bis 8. Juli 1943).
Treuhandstelle Prag (1943/44, konfisziert aus dem Besitz der Vorgenannten).
Jüdisches Zentralmuseum, Prag (im Juli 1944 von vorgenannter Stelle erhalten).
Jüdisches Museum, Prag (Nachfolgeorganisation des Vorgenannten, 1945-1967).
Privatbesitz (zwischen 1967 und 1994 unter ungeklärten Umständen aus dem Jüdischen Museum verschwunden).
Dorotheum Prag, Auktion 20.9.2008, Los 98.
Hampel Kunstauktionen, Auktion 23.3.2010, Los 556.
Kunsthandel Deutschland (beim Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Deutschland (im Mai 2010 beim Vorgenannten erworben).
Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen. Es erfolgte eine gütliche Einigung mit den Erben nach Margit Hahn.
Wir danken Misha Sidenberg, Jüdisches Museum, Prag, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

LITERATUR: Jewish Museum in Prague. 2009 annual report, S. 13-14.
Misha Sidenberg, Twice plundered: two paintings by forgotten artist Ilona Singer-Weinberger, am 18. August 2013 vom Holocaust Art Restitution Project veröffentlicht (https://plundered-art.blogspot.com/2013/08/two-paintings-twice-plundered-by.html).

Essay
Dass eine Wiederentdeckung der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Künstlerin Ilona Singer mehr als lohnenswert ist, bezeugt eindrucksvoll das hier angebotene Werk aus dem Jahr 1928. Singer, deren nur selten im Handel auftauchende Gemälde auch im Jüdischen Museum in Prag zu besichtigen sind, zählt zu einer neuen Riege moderner Malerinnen in der durchweg männlich dominierten Avantgardekunst der Zwischenkriegszeit. Stärker als ihre männlichen Kollegen drängte der Epochenbruch der NS-Diktatur diese Künstlerinnen ins historische Abseits - die "verschollene Generation" ist weiblich. Die Wiederentdeckung der vergessenen Malerinnen erfolgt erst nach und nach, wie etwa das Beispiel Lotte Laserstein offenbart, deren klingender Name noch vor wenigen Jahren nur Spezialisten geläufig war. Auch Ilona Singer ist eine vielversprechende Kandidatin für eine solche Wiederentdeckung. Denn Singers malerisches Schaffen ist ganz auf der Höhe der Zeit. In eindringlicher Weise vermittelt sich hier der magisch-figurative Stil der Neuen Sachlichkeit. Im angebotenen Werk zeigt die Malerin, einfühlsam und subtil in seinem Wesen erfasst, einen jungen Mann als Raucher. Dandyhaft ist seine Attitüde, ironisch-distanziert der Blick - die gleichsam tiefenpsychologische Schilderung von Mimik und Gestik lässt keinen Zweifel daran, dass sich in diesem braunen Anzug eine schillernde Figur der goldenen 1920er Jahre verbirgt. Ein Übriges tut der Bildgrund, dessen grelles Chromoxidgrün den Raucher vollkommen der Wirklichkeit enthebt und gleichsam zu einem Magier werden lässt. Wer aber ist dieser Mann? Die Rückseite des Bildes gibt Aufschluss darüber. Hier wird der Dargestellte mit Robert von Mendelssohn d. J. identifiziert. Der junge Mann, zum Zeitpunkt des Porträts Mitte 20, war ein Spross der berühmten deutsch-jüdischen Bankiersfamilie von Mendelssohn. Ilona Singer kannte den exaltierten Mendelssohn aus Berlin, denn hier studierte sie von 1923 bis 1925, zeitgleich mit Felix Nussbaum, an den noch jungen „Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst“. Ilona Singers Porträt gibt beredtes Zeugnis von dieser legendären Epoche - den 1920er Jahren im wilden, freien, großstädtischen Berlin. Das kommende Schicksal war damals noch nicht zu ahnen. Ilona Singers Werk blieb in Familienbesitz. Es gehörte der einzigen Schwester der Künstlerin, Margit Hahn (1902-1944). Die taubstumme Margit lebte mit ihrem Mann Leo und dem Sohn Jan in Offenbach, übersiedelte aber nach dem Tod des Gatten gemeinsam mit Sohn und Mutter nach Prag. Die Hoffnung auf ruhige gemeinsame Jahre im Familienkreis erfüllte sich jedoch nicht. Fast die gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet, Margit und ihr Sohn Jan, Ilona Singer und ihr Ehemann Felix, auch die Mutter Emilia. Aller Besitz der deportierten Juden fiel an das "Reich". Auf diesem Weg gelangte das "Bildnis Robert von Mendelssohn" in das Jüdische Zentralmuseum in Prag, das von den Nationalsozialisten als "Museum einer untergegangenen Rasse" geführt wurde. Nach dem Krieg erfolgte die Neugründung als Jüdisches Museum, Prag. Hier ging das Werk unter ungeklärten Umständen verloren, mutmaßlich wurde es gestohlen. Diese Vorgänge konnten nie aufgedeckt werden. Die Prager Kuratorin Misha Sidenberg widmete sich dennoch vor einigen Jahren der Geschichte des Bildnisses von Robert von Mendelssohn. Ihren Forschungen ist es zu verdanken, dass dieses außergewöhnliche Werk heute infolge einer gütlichen Einigung angeboten werden kann.
810
Ilona Singer
Bildnis Robert von Mendelssohn, 1928.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 14.000
Ergebnis:
€ 80.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)