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Auktion: 489 / Evening Sale am 07.06.2019 in München Lot 125

 
Objektbeschreibung
Näherin. 1943.
Öl auf Leinwand.
Wohlert 1655 (C). Links oben monogrammiert (in Ligatur) und datiert. 95 x 66,5 cm (37,4 x 26,1 in).

- Eine frühere Version der "Näherin" im 2. Weltkrieg zerstört.
- Hofers erneutes Aufgreifen eines für ihn so essentiellen Werkes
.

PROVENIENZ: Sammlung Lothar Hempe, Eltville/Rhein (mindestens 1949 bis mindestens 1953).
Galerie Valentien, Stuttgart (mindestens 1956-1977).
Privatsammlung Hessen/Berlin (1977 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Sammlung Gerda und Lothar Hempe, Ausstellung Galerie Schüler, Berlin, März 1949, Faltblatt Nr. 7.
Karl Hofer, Galerie Valentien, Stuttgart 1956.

LITERATUR: Stuttgarter Kunstkabinett, Roman Norbert Ketterer, 17. Auktion, 21.5.1953, Lot 1337 (Angebot aus der Sammlung Lothar Hempe, mit sw-Abb., Tafel XXXII).
"Nie habe ich meine Figuration nach der äußeren Natur des Zufälligen geschaffen. Der Impressionismus vermochte mich darum nicht zu berühren. Die Ekstasen des Expressionismus lagen mir nicht. Der Mensch und das Menschliche war und ist immerdauerndes Objekt meiner Darstellungen."
Karl Hofer, zit. nach: Ausst.-Kat. Karl Hofer. Von Lebensspuk und stiller Schönheit, Kunsthalle Emden, 2012, S. 14.

Essay
Nach eigener Aussage bewegt sich die Malerei Karl Hofers zwischen Klassizität und Romantik - und tatsächlich sind die Einflüsse dieser beiden Epochen der Kunstgeschichte aus dem Œuvre des Künstlers durchaus herauszudeuten. Auch die hier angebotene, anmutig-melancholische Arbeit mit ihrer reduzierten, klaren Bildarchitektur und dem tradierten Bildmotiv der Nähenden, das bereits zahlreiche große Meister innerhalb der europäischen Kunstgeschichte wie Jan Vermeer, Georg Friedrich Kersting, Gustave Courbet, Gustave Caillebotte, Max Liebermann oder Vincent van Gogh beschäftigte, zeigt Hofers Verankerung und generelle Einstellung wie seine Kunstauffassung im Allgemeinen. Der von Natur aus empfindsame, von Zeit zu Zeit zu Melancholie und gelegentlich zur Bitterkeit neigende Maler baut sich in seinen ruhigen, unaufgeregten Bildern einen Gegensatz zu der ihn umgebenden, in Trümmern liegenden Welt und entflieht damit ein Stück weit der tragischen Realität. Er "überlebt die menschen- und kunstfeindliche Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nur mit Hilfe seiner Malerei" (Henrike Holsing, 'Er malt die Stille'. Lesende und Sinnende im Werk Karl Hofers, in: Ausst.-Kat. Karl Hofer. Von Lebensspuk und stiller Schönheit, Kunsthalle Emden, 11.2.-17.6.2012, S. 128). Das hier angebotene Werk entsteht in einem der härtesten Schicksalsjahre des Künstlers. Bereits in den 1930er Jahren wird er von den Nationalsozialisten geächtet, über 300 seiner Werke werden aus öffentlichen deutschen Sammlungen entfernt, jegliche malerische oder grafische Tätigkeit wird ihm von der Reichskulturkammer untersagt und von seinem Dienst als Hochschullehrer wird er suspendiert. Trotzdem kehrt Hofer nach längeren Aufenthalten in der Schweiz zu Kriegsbeginn nach Deutschland zurück, wohnt ab 1941 wieder in Berlin. 1943 - im Entstehungsjahr unserer Arbeit - vernichtet bei dem ersten großen Bombenangriff auf Berlin am 1. März Feuer sein Atelier, ein Großteil seiner dort gelagerten Werke verbrennen. "Eine Hiobsbotschaft - Bei dem furchtbaren Angriff auf Berlin ist mein Atelier in Flammen aufgegangen, mein ganzes Werk zerstört. Ich habe es brennen sehen .. Es ist das furchtbarste, was je einem Künstler passiert ist, aber ich bin nicht leicht zu brechen und will versuchen [..] meine Arbeit wieder aufzunehmen." (Karl Hofer in einem Brief vom März 1943 aus Berlin an Konrad Hager, zit. nach: Ausst.-Kat. Karl Hofer, Schloss Cappenberg, 1991, S. 167). Seine Sehnsucht nach Stille, Harmonie und Abkehr von der realen Welt wird kaum jemals größer gewesen sein als in ebendieser Zeit. In den darauffolgenden Monaten macht sich Hofer daran, einige der zerstörten und im Krieg verschollen geglaubten Arbeiten erneut zu malen. Ohne Repliken zu erstellen, greift der Künstler in diesen Arbeiten vielmehr Themen und Motive auf, die ihn während seiner künstlerischen Karriere intensiv beschäftigt haben oder einen besonders hohen Stellenwert besitzen. "Er akzeptiert die Zerstörung nicht, er malt Verlorenes, als wolle er den Verlust seines Werkes, das ein wesentlicher Bestandteil seiner Identität war, ungeschehen machen." (Janni Müller-Hauck, in: Ausst.-Kat. Karl Hofer 1878-1955, Staatliche Kunsthalle, Berlin, 16.4.-14.6.1978, S. 31). Auch eine frühere Version unserer "Näherin" entsteht vor 1943 und wird im Krieg zerstört. Hofer misst demnach auch diesem Werk eine so nachhaltige Gültigkeit bei, dass er es mit kräftigen Farben, selbstsicherem Pinselstrich und gekonntem Schattenspiel im selben Jahr erneut auf die Leinwand bannt und damit für die Nachwelt doch noch zugänglich macht. [CH]
125
Karl Hofer
Näherin, 1943.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 90.000
Ergebnis:
€ 78.750

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


Weitere Abbildungen
Karl Hofer - Näherin - Rahmenbild
Rahmenbild
 
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