Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 126

 
126
Andy Warhol
Portrait of a Lady, 1984.
Schätzung:
€ 500.000
Ergebnis:
€ 225.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Portrait of a Lady. 1984.
Synthetische Polymer- und Siebdruckfarben auf Leinwand.
Verso auf der umgeschlagenen Leinwand signiert, datiert und mit der handschriftlichen Nummerierung "PO 50.257" bezeichnet. Dort außerdem mit dem Nachlassstempel, dem Stempel der Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc., sowie der handschriftlichen Bezeichnung "VF". 101,6 x 101,6 cm (40 x 40 in).

• Dieses Porträt beinhaltet alles, was für Andy Warhol von Bedeutung ist: Glamour, Schönheit, Maskerade!
• Spannungsvolles Wechselspiel aus Auftragsporträt und Selbstbildnis.
• Beeindruckendes Beispiel für Warhols Sehnsucht nach Transformation seines Ichs und seine Fähigkeit, weiblichen Modellen Facetten seiner eigenen Persönlichkeit einzuhauchen.
• Unikat
.

PROVENIENZ: The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York.
Galerie Rudolf Budja, Salzburg (auf der Rahmenrückwand mit dem Galerieetikett).
Privatsammlung Berlin.

"I look pretty good in drag."
Andy Warhol in einem Tagebucheintrag vom 16. Februar 1981, zit. nach: Ausst.-Kat. Contact Warhol: Photography Without End, Cantor Arts Center Stanford, 29.9.2018-6.1.2019, Stanford 2018, S. 87.
“Making money is art and working is art and good business is the best art.“ (Andy Warhol, The Philosophy of Andy Warhol, New York 1975, S. 92.)

Essay
Ein ebenmäßiger Teint, markante rote Lippen, leuchtend blaue Augen ziehen den Blick des Betrachters in Bann. Wer ist es, den Andy Warhol hier porträtiert und dem er diese eindrucksvolle Präsenz einräumt? Ist es ein Celebrity? Eine unbekannte Dame, die sich wirkungsvoll porträtieren lassen möchte? Oder handelt es sich womöglich um ein Selbstporträt des Künstlers?
Die Auseinandersetzung mit dem Konzept des Porträts zieht sich durch das gesamte Œuvre des Pop-Art-Künstlers, kulminiert jedoch in den Auftragsporträts seines Spätwerkes. Als Haupteinnahmequelle zur Finanzierung seines kostspieligen Lebensunterhaltes haben die Bildnisse Priorität – ganz gleich an welchem Projekt er arbeitet, in einer Ecke seines Lofts sind zeitgleich immer mehrere Porträts in Produktion. Er bietet zahlungskräftigen Kunden die Möglichkeit, in sein Pantheon aus bekannten Persönlichkeiten und Stars aufgenommen zu werden und gemäß seines weithin bekannten Spruches "In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang berühmt sein" allein durch die Art der Warhol-typischen Darstellung zu Berühmtheit zu gelangen. Die Freundschaft mit Diana Vreeland, Chefredakteurin der Vogue, fördert Warhols Kontakte zur „Park Avenue Society“ und die Mitarbeiter seine Factory betreiben regelrechte Akquise. Letztere gestaltet sich nicht als sonderlich schwer, denn seine Idee stößt auf großes Interesse in der Upper Class – so auch bei Joan Robbins.
“Don‘t pay any attention to what they write about you. Just measure it in inches.“ (Andy Warhol, http://www.the-culture-counter.com/andy-warhol-philosopher/)
In einer Fotosession 1983 entstehen zahlreiche Polaroids von ihr, von denen eines als Grundlage für den Siebdruck auf Leinwand dient. Wenngleich sie nicht so namhaft wie Elizabeth Taylor oder Liza Minelli ist, so lässt Warhol dem Bildnis die gleiche Aufmerksamkeit zukommen und legt es kompositorisch ebenso an. Bei seinen Auftragsarbeiten berücksichtigt Andy Warhol ganz klar die Wünsche seiner Auftraggeber. Dabei nimmt er auch Rücksicht auf das traditionelle Bedürfnis des Kunstsammlers, ein Unikat zu besitzen. Die Anzahl der hergestellten Leinwände desselben Motivs wird kleiner, die Variationen vielfältiger. Die Arbeiten wirken formvollendeter, so sind die Makel und Fehler, die er beim Herstellungsprozess seines Frühwerkes bewusst in Kauf genommen hatte, einem deckenden und scheinbar perfekten Farbauftrag gewichen. Nichtsdestotrotz bringt er seine eigenen Wünsche und Vorstellungen jedoch immer mit ein und schafft es, seine Kunden von diesen zu überzeugen. Besonders deutlich wird dies bei dem vorliegenden Bild.
"I wonder whether it‘s harder for 1) a man to be a man, 2) a man to be a woman, 3) a woman to be a woman, or 4) a woman to be a man. I don‘t really know the answer, but from watching all the different types, I know that people who think they‘re working the hardest are the men who are trying to be a woman.“ (Andy Warhol, The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again), New York, 1975, S. 98.)
Zu Beginn der 1980er Jahre posiert Warhol zusammen mit seinem Fotoassistenten Christopher Makos kostümiert vor der Kamera. Für seine Filme und Selbstporträts zieht er sich manchmal selbst als Frau an, was ihm von seinen engeren Freunden und Kollegen den Spitznamen "Drella" einbringt – eine Kombination aus "Dracula“ und "Cinderella". Über Jahrzehnte hinweg produziert, maskiert, transformiert und inszeniert er sich auf unterschiedlichste Weise. Er nimmt verschiedene Identitäten an und erweist sich dabei als überaus wandlungsfähig. Die Selbstporträts als Transvestit sind dabei sicherlich der raffinierteste Ausdruck seiner ambivalenten und konfliktbehafteten Haltung sich selbst gegenüber. Fasziniert von den extravaganten Traumwelten Hollywoods, imitiert er bereits als kleines Kind die erhabenen Posen seiner Vorbilder, u. a. Greta Garbo und Truman Capote – wie es etwa mehrere Fotografien im Bestand des Andy Warhol Museums in Pittsburgh zeigen. Seine eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten – die breite Nase, die unreine Haut, die dünnen Haare – unter denen er zeitlebens leidet, werden ihm bei der Beschäftigung mit den scheinbar makellosen Stars immer wieder vor Augen geführt. Es gibt mehrere Fotos von ihm aus früheren Perioden, in denen Warhol versuchte, diese Fehler mit Bleistift oder Tinte zu retuschieren. Später trägt er immer eine auffällige Perücke, die mit Silber besprüht ist. In seinen Tagebucheinträge beschreibt Warhol über sechzig Mal, sich selbst "zusammengeklebt" zu haben. Mit dieser Begrifflichkeit bezieht er sich nicht nur auf das Befestigen seiner Perücke, der Terminus "Gluing" bezeichnet für ihn den Akt der Vorbereitung auf das Ausgehen: Make-up aufzulegen, Kleidung auszusuchen, sein Haar zu richten. Ein eigens für diese Sitzung engagierter Visagist verwandelt das Gesicht des Künstlers mittels intensivem, weißem Make-up in das einer Frau. Gleichzeitig werden damit die von Warhol empfundenen kosmetischen Mängel retuschiert. Sein Antlitz scheint ebenso ideal wie das seiner Celebrities. Die Fotografien zeigen ihn in unterschiedlicher Kleidung – mal mit lockigen, langen, kurzen, dunklen oder blonden Perücken, wobei jedes Polaroid ein Unikat ist.
“An artist is somebody who produces things that people don't need to have but that he, for some reason, thinks it would be a good idea to give them.“ (Andy Warhol, The Philosophy of Andy Warhol, New York 1975, S. 144.)
Das „Portrait of a Lady“ gleicht den Polaroids so sehr, dass man zunächst versucht ist zu vermuten, dass es sich hierbei um ein Selbstporträt handelt, und vermittelt gleichzeitig alles, was Warhol als wichtig erscheint: Schönheit, Glamour und Maskerade. Das Konterfei ist maskenhaft, mit perfektem Teint, faltenfrei und höchst inszeniert. In diesem Porträt verewigt der Künstler folglich nicht nur die Auftraggeberin, sondern auch einen Teil von sich und seinen Vorstellungen von Schönheit. [CE]
126
Andy Warhol
Portrait of a Lady, 1984.
Schätzung:
€ 500.000
Ergebnis:
€ 225.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)