Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 172

 
172
William Turnbull
Female Figure, 1989.
Bronze
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 137.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Female Figure. 1989.
Bronze mit schwarz-grüner Patina.
Davidson 266. Auf der Standfläche mit dem Künstlermonogramm, der Datierung und Nummerierung. Aus einer Auflage von 6 Exemplaren. 183,5 x 29 x 26,5 cm (72,2 x 11,4 x 10,4 in).
Weitere Abbildungen und ein Video dieses Werkes finden Sie auf unserer Homepage.
• Bronze mit fein ziselierten, den Körper mimenden archaischen Zeichen.
• Lebendige, körperbetonte Patina.
• Nach 15 Jahren ist erstmals wieder eine Skulptur des Künstlers auf dem deutschen Auktionsmarkt
.

PROVENIENZ: Waddington Galleries, London.
Privatsammlung Süddeutschland (1996 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Ein anderes Exemplar:
William Turnbull. Recent Sculpture, Waddington Galleries, London, 25.9.-19.10.1991, Kat.-Nr. 11 (Cover des Katalogs sowie mit Abb., S. 27).

LITERATUR: Wohl ein anderes Exemplar:
Amanda A. Davidson, The Sculpture of William Turnbull, Aldershot 2005, Kat.-Nr. 266, S. 176 (mit sw-Abb.).

Essay
Schon in jungen Jahren ergreift William Turnbull eine Faszination für frühzeitliche Figuren, antike Waffen, Werkzeuge und archäologische Funde. Unabhängig von den zeitgenössischen künstlerischen Strömungen und den damaligen Auffassungen seiner Künstlerkollegen wie bspw. Henry Moore, schafft Turnbull Skulpturen mit klaren, umkomplizierten Formen und drastischer Frontalität. Der Kunstwelt fällt es schwer, seine Kunst einer bestimmten Gruppe oder Kunstrichtung zuzuordnen, denn die Arbeiten zeugen von einer beeindruckenden Ambiguität - sie strahlen Modernität aus und enthalten dennoch Rückgriffe auf die kunsthistorische Vergangenheit, sie beinhalten eine gewisse figurative, naturalistische Symbolik und feiern gleichzeitig die Abstraktion.
Schon in den 1950er Jahren arbeitet Turnbull an ersten, Totempfählen ähnelnden Skulpturen, die er im Laufe seiner künstlerischen Karriere dann einer immer größeren Abstraktion unterwirft. In seinem Umgang mit der Abstraktion stellt Turnbull die Frage: "How little will suggest a head?" (zit. nach: Ausst.-Kat. W. Turnbull. Sculpture and Paintings, Serpentine Gallery, London 1995, S. 10) und macht damit sein Anliegen einer größtmöglichen Entfernung von der naturalistischen Darstellung deutlich. Turnbull strebt nach einer Kunst, die mit so wenigen figurativen Referenzen wie nur überhaupt möglich auskommt: "Once you are away from a naturalistic image you have so much more ability to put things where you want them, instead of working anatomically. You can deal with the relation between the work as a shape and as a thing, which you can't do in the naturalistic style, at least I can't." (W. Turnbull in einem Gespräch mit Prof. Lord Colin Renfrew, zit. nach: William Turnbull. Sculpture and Paintings, Waddington Galleries, London 1998, S. 12).
Die starke Frontalität ist eines der Charakteristiken in Turnbulls Œuvre, was die hier angebotene schmale "Female Figure" besonders gut zu veranschaulichen weiß. Nur in der Betrachtung ihrer Vorder- und Rückseite entfaltet sich ihre volle Präsenz. In ebendiesem frontalen Darstellungsprinzip beziehen sich Turnbulls Arbeiten auch auf Skulpturen des Alten Ägypten oder der griechischen Antike, in denen auf ein Bewegungsmoment und eine damit einhergehende Allansichtigkeit verzichtet wird.
Immer wieder verweist der Künstler auf den menschlichen Körper - nicht nur mit den Betitelungen seiner Werke. Viele seiner Arbeiten weisen zunächst unauffällige, feine Markierungen auf, die als Dekoration wahrgenommen werden könnten und erst bei eingehender Betrachtung ihre wahre Bedeutung enfalten. Auch die hier angebotene Arbeit ist übersäht mit geometrischen Formationen und sparsam eingesetzten Liniengebilden. Turnbull nennt die Arbeit "Female Figure" und so erweisen sich die Markierungen, die sparsam und bewusst platzierten Dreiecke, Kreise und Linien in ihrer eleganten Schlichtheit als Andeutungen der weiblichen Anatomie. Ein mit der Spitze nach unten gerichtetes Dreieck in der unteren Hälfte der Skulptur weist bspw. auf den weiblichen Schoß hin, während ein mittig gesetzter kleiner Kreis einen Bauchnabel andeutet, mehrere horizontale Linien die Rippen markieren und ein simpler, vertikal gezogener Strich als Nase fungiert. Die naturalistischen Elemente reduziert Turnbull auf ein absolutes Minimum und intensiviert damit gleichzeitig deren Wirkung.
Die Patinierung der Skulpturen nimmt der Künstler eigenhändig in der Gießerei vor - immer wieder experimentiert er mit andersfarbig patinierten Oberflächen. Durch ebendiese direkte Bearbeitung erhält im Grunde jeder Guss eine einzigartige Patina, die sich von der Patina anderer Güsse unterscheidet. Die vibrierende, changierende Farbigkeit von warmen Braun- bis grünlichen Grautönen verlebendigt die Oberflächenstruktur der gesichts- und zeitlosen Bronze-Figuren. Im Grunde begeistert unsere "Female Figure" also aufgrund von drei wichtigen Elementen: ihrer besonderen Oberflächenstruktur, der charakteristischen Patinierung und ihrer feinen symbolträchtigen Zeichenformationen.
In den letzten Jahren seit der Jahrtausendwende findet eine Wiederentdeckung der Arbeiten William Turnbulls statt. 2007 feiert ihn die Londoner Waddington Gallery mit einer Retrospektive. Es folgen eindrucksvolle Einzelausstellungen im Yorkshire Sculpture Park (2005/06), in der Tate Britain in London (2006) und auf den Ländereien von Chatsworth House (2013). Der britische Guardian nennt Turnbull vor Kurzem "a giant of 20th-century sculpture" (S. Jeffries, William Turnbull. Punk in the Genes, www.theguardian.com, 2013). Nachdem man auf dem deutschen Auktionsmarkt in den letzten 15 Jahren vergebens nach Arbeiten Turnbulls suchte, freut es uns nun ganz besonders, in unserer kommenden Auktion gleich zwei bedeutende Werke des schottischen Künstlers anbieten zu können. [CH]
172
William Turnbull
Female Figure, 1989.
Bronze
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 137.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)