Auktion: 517 / Moderne Kunst II am 19.06.2021 in München Lot 120000083

 
120000083
Ilona Singer
Kind mit Teddybär, 1927.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 6.000 - 8.000
+
Objektbeschreibung
Kind mit Teddybär. 1927.
Öl auf Leinwand.
Links unten signiert und datiert "XI 1927". 55 x 45 cm (21,6 x 17,7 in).

• Eines der wenigen bekannten Gemälde der Künstlerin.
• Konzentrierte Klarheit in der Darstellung
.

Wir danken Direktor Leo Pavlat und Misha Sidenberg, Jüdisches Museum Prag, für die freundliche Unterstützung und wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Sammlung Margita Hahn, Offenbach/Prag (Schwester der Künstlerin, bis 8. Juli 1943).
Treuhandstelle Prag (1943/44, konfisziert aus dem Besitz der Vorgenannten).
Jüdisches Zentralmuseum, Prag (am 18. Juli 1944 von vorgenannter Stelle erhalten).
Jüdisches Museum, Prag (Nachfolgeorganisation des Vorgenannten, 1945-1967).
Privatbesitz (nach 1967 unter ungeklärten Umständen aus dem Jüdischen Museum verschwunden).
Privatsammlung Tschechische Republik.
Gütliche Einigung mit den Erben nach Margita Hahn (2020).

Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen. Das Angebot erfolgt in freundlichem Einvernehmen mit den Erben nach Margita Hahn auf Grundlage einer fairen und gerechten Lösung.

LITERATUR: Knabe mit Teddybär, Karteikarte zu Inv.-Nr. 5, 1944 (Typoskript, property card des Jüdischen Zentralmuseums, Jüdisches Museum Prag).
Jewish Museum in Prague. 2009 annual report, S. 13-14.
Misha Sidenberg, Twice plundered: two paintings by forgotten artist Ilona Singer-Weinberger, am 18. August 2013 vom Holocaust Art Restitution Project veröffentlicht (https://plundered-art.blogspot.com/2013/08/two-paintings-twice-plundered-by.html).

Essay
Die junge, talentierte Ilona Singer erhält ihre künstlerische Ausbildung zwischen 1923 und 1925 an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin, übrigens im selben Jahrgang wie Lotte Laserstein. Nach ihrem Studium lebt Singer zunächst weiterhin in Berlin. Sie beteiligt sich Ende der 1920er Jahre an Ausstellungen in der deutschen Hauptstadt. Darunter ist die Schau des "Vereins der Künstlerinnen", die im Frühjahr 1929 unter dem Motto "Die Frau von heute" steht und der Malerin eine lobende namentliche Erwähnung in der renommierten Kunstzeitschrift "Der Cicerone" einbringt (Der Cicerone, Halbmonatsschrift für die Interesse des Kunstforschers & Sammlers 21.1929, Heft 9, S. 268).
Fast alle der wenigen noch heute erhaltenen Werke stammen aus dem Besitz der Familie. Unser Gemälde gehörte ihrer einzigen Schwester Margita. Die taubstumme Margita Hahn (1902-1944) lebt mit ihrem Mann Leo und dem Sohn Jan in Offenbach, übersiedelt aber nach dem Tod des Gatten gemeinsam mit Sohn und Mutter nach Prag, wohin auch Illona ihren Wohnsitz verlegt. Die Hoffnung auf ruhige gemeinsame Jahre im Familienkreis erfüllt sich jedoch nicht. Fast die gesamte Familie wird im Holocaust ermordet, Margita und ihr Sohn Jan, Ilona Singer und ihr Ehemann Felix, auch die Mutter Emilia. Aller Besitz der deportierten Juden fällt an das "Reich". Auf diesem Weg gelangt das "Kind mit Teddybär" in das Jüdische Zentralmuseum in Prag, das von den Nationalsozialisten als "Museum einer untergegangenen Rasse" geführt wird. Nach dem Krieg erfolgt die Neugründung als Jüdisches Museum, Prag. Hier ging das Werk unter ungeklärten Umständen verloren. Diese Vorgänge konnten nie aufgedeckt werden. Die Prager Kuratorin Misha Sidenberg hat sich maßgeblich um die Erfoschung der Werke von Ilona Singer und ihrer Geschichte verdient gemacht.
Bislang ist die Künstlerin dennoch kaum bekannt. Es bleibt zu hoffen, dass das verstärkte Interesse unserer Zeit an der Rolle der Frauen in der Kunstgeschichte etwas mehr Licht in dieses kurze Leben und das interessante malerische Oeuvre bringt. Ilona Singer zählt zu der Riege verschollener und vergessener Malerinnen aus der Zeit der durchweg männlich dominierten Avantgardekunst der Zwischenkriegszeit, die nicht zuletzt durch die NS-Kulturpolitik gänzlich verdrängt und vernichtet wurden.
Unser im November 1927 entstandenes Gemälde "Kind mit Teddybär" spricht eine ganz eigene Sprache. Es erzählt beredt von einem zarten Knaben. Ruhig und aufmerksam blickt er mit großen, klaren Augen leicht versonnen in die Welt, schützend seinen Teddy vor sich haltend, hinter ihm ein intensiv chromoxidgrüner Bildgrund. Es ist ein liebevolles, ja zärtlich zu nennendes Gemälde, das alle Sinne anspricht. Doch in seiner großen Ruhe birgt es auch einen Keim von Bedrohlichkeit. Wie auch in anderen Bildnissen der Künstlerin ist es beredtes Zeugnis einer präzisen Personenauffassung und ein wahres Meisterwerke der Neuen Sachlichkeit. Es drängen sich Vergleiche wie Anita Rée, Gerta Overbeck, Jeanne Mammen, Georg Schrimpf, Christian Schad oder Lotte Laserstein auf. Denn Singers malerisches Schaffen ist ganz auf der Höhe der Zeit. In eindringlicher Weise vermittelt sich hier der magisch-figurative Stil der Neuen Sachlichkeit. [EH/ATh]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ilona Singer "Kind mit Teddybär"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 32 % Aufgeld
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 32 %, Teilbeträge über € 500.000 27 % Aufgeld
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 25 % Aufgeld zuzügl. der gesetzlichen Umsatzsteuer
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20 % Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung bei Folgerechtsabgabe:
Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.