Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 120000214

 
120000214
Ernst Ludwig Kirchner
Unser Haus, 1918-1922.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
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Objektbeschreibung
Unser Haus. 1918-1922.
Öl auf Leinwand.
Gordon 631. Verso signiert, datiert, betitelt und bezeichnet "Davos-Frauenkirch". Rechts unten von Erna Schilling im Auftrag von Ernst Ludwig Kirchner signiert. 91 x 120,5 cm (35,8 x 47,4 in).

• Erstmals auf dem Auktionsmarkt angeboten.
• Aus dem Nachlass des Künstlers
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PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers.
Seither in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Ernst Ludwig Kirchner 1880-1938. Nationalgalerie Berlin, 29. November 1979 - 20. Januar 1980/ Haus der Kunst München, 9. Februar - 13. April 1980/ Museum Ludwig in der Kunsthalle Köln, 26. April - 8. Juni 1980/ Kunsthaus Zürich, 20. Juni - 10. August 1980, Kat.-Nr. 316 mit Abb. S. 260.
Expressionismus aus den Bergen, Kirchner, Bauknecht, Wiegers und die Gruppe Rot-Blau, Kunstmuseum Bern, 27. April - 19. August 2007/ Groninger Museum, 22. September 2007 - 13. Januar 2008/ Bündner Museum Chur, 16. Februar - 25. Mai 2008, Kat.-Nr. 27, Aust.-Kat. mit Abb. S. 47.

LITERATUR: Gustav Schiefler, E.L. Kirchner in Davos, in: Das Kunstblatt, Sonderheft Ernst Ludwig Kirchner, VII/ 3, 1923, S. 84 mit s-w Abb.
Lucius Grisebach. Ernst Ludwig Kirchner. 1880 - 1938. 1995, S. 174.
Magdalena Moeller/ Roland Scotti (Hrsg.). Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik. Eine Ausstellung zum 60. Todestag. Kunstforum Wien, 8. Dezember 1998 - 28. Februar 1999/ Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, 12. März - 30. Mai 1999, Aust.-Kat. mit Abb. S. 67.

Essay
Das Bauernleben in den Bergen
Hirten und ihr Leben mit den Tieren auf der Alp wird zu einem zentralen Thema Kirchners, als dieser am 8. Mai 1917 ein zweites Mal in Davos eintrifft, um, wie er an den befreundeten Architekten Henry van de Velde bemerkt, „meine Kur zu vervollständigen“. Den Sommer über wohnt Kirchner mit einer Krankenschwester in der „Rüesch-Hütte“ auf der Stafelalp oberhalb von Frauenkirch. Obwohl er zeitweise unter Lähmungen leidet und seine Briefe nicht selbst schreiben kann, entstehen Landschaften und Bildnisdarstellungen von seiner neuen Lebensumgebung, geprägt von einer ungebrochenen, elementar kämpferischen Kraft. Und dennoch leidet Kirchner weiter unter alptraumartigen Ängsten; er kommt nicht zur Ruhe. Henry van de Velde kann Kirchner nach einem Besuch auf der Stafelalp überreden, sich dem Psychiater und Psychoanalytiker Ludwig Binswanger anzuvertrauen. Ab Mitte September 1917 verbringt Kirchner zehn Monate im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee. Von seinem Sanatoriumsaufenthalt in Kreuzlingen kehrt Kirchner also im Juli 1918 nach Davos zurück und bewohnt die von Martin Schmid ihm überlassene Hütte auf der Stafelalp; erst Ende September zieht Kirchner in ein winterfeste Bauernhaus, welches ihm die Familie Müller aus der Hofgruppe „In den Lärchen“ oberhalb der „Längmatte“ in Frauenkirch zur Verfügung stellt. (Abb.). Kirchner identifiziert sich mit seiner direkten Umgebung, lebt im Grunde wie die Sennbauern und Hirten mit den Tieren auf der Alm; er fotografiert die Landschaft, fotografiert die neuen Mitmenschen, mit denen er Seite an Seite weilt, die ihm neugierig und wohlwollend begegnen: dem Sonderling aus Berlin.

Unser Haus in den Lärchen
Das so genannte Haus „In den Lärchen“, ein Bündner Bauernhaus, liegt am Südrand der großen Wiesenfläche unterhalb der Stafelalp. Zuerst bewohnt Kirchner mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling nur das untere Geschoss, ab Januar 1919 das gesamte Haus mit drei Zimmern, Wohnküche und einer großen Eingangshalle. Zum Anwesen gehören eine Scheune, ein Brunnen- und ein Bienenhaus. „So lebe ich hier ganz ruhig und wohlbesorgt in allem nun unten in Frauenkirch und bemühe mich die oben gewonnenen Bilder soweit lesbar zu machen, dass ich eine Ausstellung mit Ehren bestehen kann. Vielleicht kann ich die diesjährige Ausstellung ganz mit Bildern von hier füllen, an Stoff fehlt es nicht, nur die Durchführung macht mir Schwierigkeiten. Ich wohne in einem schönen alten Bündnerhaus mit einer Küche wie das Atelier Rembrandts. (Kirchner an Henry van de Velde am 13. Oktober 1918, in: Ernst Ludwig Kirchner, Briefe an Nele, München 1961, S. 92) „Unser Haus“, rückseitig in großen Lettern betitelt und datiert, konzipiert Kirchner vielleicht noch 1918, beginnt wohl erst im Sommer 1919 und verändert womöglich 1920 oder später das eine oder andere Detail. Das Gemälde zitiert das weiß gekalkte Haus mit den drei Nutzgebäuden und einer gemauerten Garteneinfassung. Davor dehnt sich ein Feld blühender Lupinen aus, die im frühen Sommer ihre Farbgewalt entfalten. Im Hintergrund erhebt sich steil ein grüner Hang mit roten Flächen, der bis an eine Reihe dunkler Tannen reicht, davor geduckt eine der vielen Berghütten in der Nachbarschaft. Kirchner ‚überhöht’ das „Lärchen“-Haus: die Fensteröffnungen wirken kleiner als in der Realität, der Sockel des Untergeschosses höher, eingefriedet von einer wehrhaften Gartenmauer. Gustav Schiefler, Hamburger Richter, Kunstsammler, Kunstkritiker und Verfasser des Werkverzeichnisses der Druckgrafik von Kirchner, veröffentlicht eine vom Künstler erstellte Aufnahme nach der ‚ersten’ Fertigstellung des Gemäldes in seinem 1923 verfassten Beitrag über „E.L. Kirchner in Davos“ (Das Kunstblatt, Sonderheft Ernst Ludwig Kirchner, VII/ 3, 1923, S. 84). In der Gegenüberstellung lässt sich unschwer eine leichte, für Kirchner nicht untypischen Überarbeitung von einmal verabschiedeten Gemälden feststellen etwa in Bereichen des Bauerngartens, der Herausstellung der rosa-roten dichten Blütenkerzen von Lupinen, Details an der Architektur und flächenhaften Zusammenziehens im Hintergrund, die mit Kirchners Zuwendung zu einer Versachlichung der Motive zu tun hat, Kirchner damit zusehends seinen Davoser Stil entwickelt und sich immer weiter vom ursprünglichen „Großstadtexpressionismus“ der Dresdner und Berliner Zeit entfernt.
Ein künstlerischer Umbruch
Trotz seiner psychischen Belastung und teilweise auftretenden Lähmungen ist die erste Zeit in Davos im Sommer 1917 und anschließend ab Sommer 1918 äußerst produktiv. Jeder einzelne Lebensort ist so mit einer Vielzahl von Arbeiten verbunden, auch die Vielseitigkeit der eingesetzten Medien ist erstaunlich: Neben zum Teil recht großen Ölgemälden entstehen Serien von Holzschnitten und Radierungen, Aquarellen und Zeichnungen und bis zu lebensgroßen Holzskulpturen. Und Kirchner beginnt mit Schnitzarbeiten, fertigt Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände aller Art, schnitzt Hocker, Stühle, Bettgestelle und Schalen, überträgt Bildentwürfe in großflächige Holzreliefs, Teppiche nach Kirchner’schen Motiven werden gewebt. Die große Eingangshalle wird zur Bühne ereignisreicher, ungezwungener Begegnungen mit den bäuerlichen Großfamilien aus der Nachbarschaft, mit den Gästen, die Kirchner in der abgeschiedenen Bergwelt besuchen wie Henry van de Velde, seine Tochter, die Künstlerin Nele, die Tänzerin Nina Hard oder der Bruder Walter Kirchner. Kirchner versteht es wie schon in Dresden oder in Berlin sein Atelier und häusliche Umgebung in einen vertrauten, wenngleich exotischen Ort zu verwandeln, zum Verweilen einzuladen und daraus künstlerische Motive zu schaffen. Mit der Stabilisierung seiner Gesundheit und Festigung der Lebensverhältnisse beruhigt sich auch sein seelischer Zustand. „Unser Haus“ ist ein wunderbares Beispiel für den beginnenden Stilwechsel Kirchners, den er selbst mit der Struktur orientalischer Teppiche vergleicht. Man spürt in dem farbgewaltigen Motiv förmlich die tiefgreifende Zufriedenheit und einem wachsendem Selbstbewusstsein für das Erreichte in einem bis dato so ereignisreichen wie labilen Leben. [MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Unser Haus"
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