Auktion: 500 / Evening Sale am 12.06.2020 in München Lot 120000225

 
120000225
Gerhard Richter
Christiane und Kerstin, 1968.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
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Objektbeschreibung
Christiane und Kerstin. 1968.
Öl auf Leinwand.
Elger 197-4. Verso signiert und datiert. 86 x 91 cm (33,8 x 35,8 in).

• Charakteristisches Richter-Gemälde aus der gesuchten frühen Werkphase der schwarz-weißen Fotogemälde.
• Im Kontext des Auftrages für das berühmte Gemälde "Domplatz. Mailand" (1968) entstanden, das den aktuellen Spitzenpreis für ein figürliches Richter-Gemälde hält.
• Perfekte Balance zwischen Schärfe und Unschärfe.
• Typische 1960er Jahre Motivik von sommerlicher Leichtigkeit.
• Marktfrische Arbeit aus einer großen süddeutschen Privatsammlung
.

PROVENIENZ: Sammlung Margot und Werner Schäfer, Erlangen.
Privatsammlung Süddeutschland.

LITERATUR: Gerhard Richter. 36. Biennale di Venezia, Deutscher Pavillion, hrsg. v. Museum Folkwang, Essen 1972, S. 40.
Gerhard Richter.Bilder= Paintings 1962 - 1985, Köln 1986, S. 371, mit s/w-Abb. S. 85.
Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler, Köln 2002, S. 437.
Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler, 2. korrigierte und erweiterte Neuausgabe, Köln 2008, S. 395.
Dietmar Elger: Gerhard Richter. Catalogue Raisonné 1962-1968, Bd. 1 (nos. 1 – 198), Ostfildern 2011, Kat. Nr. 197-4, S. 397, mit Abb.
Marc Godfrey u.a. (Hrsg.), Gerhard Richter: Panorama. Retrospektive, München 2012, S. 213.
Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler, 3. korrigierte und erweiterte
Neuausgabe, Köln 2018, S. 410.
Frances Guerin, The Truth is Always Grey, Minneapolis / London 2018, S. 268/269.
"Ich glaube, dass ein Maler das Modell gar nicht sehen und kennen muß, das nichts von der >Seele<, dem Wesen, dem Charakter des Modells zum Ausdruck gebracht werden soll. [.] Es ist auch deshalb viel besser, ein Porträt nach einem Foto zu malen, weil man ja doch nicht einen bestimmten Menschen malen kann, sondern immer nur ein Bild [.]."
Gerhard Richter, 1966, zit. nach: Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler, Köln 2018, S. 93.

"Gerhard Richter [.] gilt [.] als der bedeutendste Maler der Nachkriegszeit, weltweit. Mehr als eine Million Menschen sahen seine jüngste Retrospektive, sein Werk wird von der Kunstgeschichte genauso gefeiert wie vom Kunstmarkt: Gemälde von Richter, vor allem frühere, erzielen zweistellige Millionen-Zuschläge auf internationalen Auktionen."
Catrin Lorch, Süddeutsche Zeitung, 18/19. Juni 2016, Nr. 139, S. 24.

Essay
Gerhard Richter ist nicht nur hinsichtlich seiner kunsthistorischen Würdigung sondern auch auf dem internationalen Kunstmarkt mit einer Vielzahl von Superlativen verbunden: Er gilt als der bedeutendste deutsche Künstler, dessen beeindruckendes Schaffen seit Jahrzehnten größte internationale Anerkennung erfährt, und zudem als einer der teuersten lebenden Künstler. Aktuell ehrt gerade das Metropolitan Museum of Art, New York, das epochale Schaffen des deutschen Ausnahmekünstlers mit der großen Einzelausstellung "Gerhard Richer - Painting after all" (4.3. - 5.7. 2020), welche - wie auch die legendäre Retrospektive "Gerhard Richter. Forty Years of Painting" im Museum of Modern Art (2002) - den großen Bogen von Richters schwarz-weißen Fotobildern hin zu seinen abstrakten Großformaten der späten Jahre spannt. Auch mit Blick auf die beiden Spitzenpreise für Richter-Gemälde, die zum einen für ein großformatiges abstraktes Bild von 1986 und zum anderen für das von der Siemens AG beauftragte schwarz-weiße Fotogemälde des Mailänder Domplatzes aus dem Jahr 1968 erzielt wurden, zeigt sich das gleichwertige Nebeneinander seiner gegenständlichen, schwarz-weißen Fotovermalungen und seines abstrakten Schaffens. In unserem kollektiven Gedächtnis ist der Name Gerhard Richters vor allem mit seinen frühen schwarz-weißen Fotogemälden, wie etwa "Onkel Rudi" (1965, Lidice Memorial Collection, Lidice/Tschechien), "Frau, die Treppe herabgehend" (1965, The Art Institute of Chicago), "Ema (Akt auf einer Treppe)" (1966, Museum Ludwig, Köln), dem sogenannten RAF-Zyklus "Zyklus 18. Oktober 1977" (1988, Museum of Modern Art, New York) sowie seinen wunderbar entrückten Porträts nach Fotovorlagen aus privaten Fotoalben verbunden. Allem voran natürlich mit dem legendären Mädchenporträt seiner Tochter "Betty" mit abgewandtem Gesicht (1988, Staint Louis Art Museum, St. Louis), das als eines der am häufigsten reproduzierten Gemälde der Gegenwartskunst gilt. Tritt man in "Christiane und Kerstin" aus dem Jahr 1968, den beiden kleinen Töchtern des Sammlerehepaares Margot und Werner Schäfer gegenüber, so spürt man schnell, worin die herausragende Qualität von Richters Malerei liegt: In der faszinierenden Kombination aus Nähe und Distanz, die durch seine einzigartige Technik hervorgerufen wird, die das zunächst in feinster Detailtreue auf die Leinwand gebrachte sogleich durch die gleichmäßige, sanfte Vermalung mit weichen Pinseln wie hinter einem zarten Schleier verbirgt. Aber es ist nicht nur Richters technische Meisterschaft, die in "Christiane und Kerstin" überzeugt, sondern darüber hinaus natürlich auch das Motiv dieser beiden wunderbaren Mädchenköpfe, die mit ihren Vollponys und in ihrer Badekleidung wohl kaum typischer sein könnten für die späten 1960er Jahre. Richters Darstellung jedoch ist keineswegs lieblich, sondern ihm gelingt durch die strenge Frontalität der beiden Mädchenköpfe und die technisch perfektionierte Umsetzung ein wirklich meisterhaftes Porträt von beeindruckender Klarheit und Stärke. In diesem nach privatem Fotomaterial des Sammlerehepaares entstandenen Doppelporträt sind Richter durch den Einsatz verschiedener Arten von Pinseln nicht nur feinste Übergänge, sondern sogar eine vollkommen homogene Bildoberfläche gelungen: "Ich verwische, um alles gleich zu machen, alles gleich wichtig und gleich unwichtig. Ich verwische, damit es nicht künstlerisch-handwerklich aussieht, sondern technisch, glatt und perfekt. Ich verwische, damit alle Teile etwas ineinander rücken. Ich wische vielleicht auch das Zuviel an unwichtiger Information aus." (Gerhard Richter, Notizen 1964/65, zit. nach: Gerhard Richter, Text, Köln 2008, S. 33). Neben Zeitungsausschnitten dienen Richter seit den 1960er Jahren auch immer wieder Fotos aus privaten Fotoalben als Vorlage, die er teilweise seit 1962 in einer "Atlas" bezeichneten Vorlagensammlung zusammenträgt auf welcher auch seine zahlreichen Darstellungen von Mitgliedern seiner eigenen Familie basieren, wie etwa "Christa und Wolfi" (1964, The Art Institute of Chicago), "Familie" (1964, Collection Robert und Marguerite Hoffman, Dallas), das Richter als keinen Jungen unter anderem mit seiner Schwester Gisela zeigt, "Onkel Rudi" (1965, s.o.), "Renate und Marianne" (1964, Privatsammlung, London), "Familie am Meer" (1964, Sammlung Sylvia und Ulrich Ströher, Darmstadt) und natürlich auch das Porträt seiner Tochter "Betty" (1988, Saint Louis Art Museum, St. Louis).
Für Richter selbst aber sind nie die dargestellten Personen im Mittelpunkt, sondern allein die Malerei, die lediglich im jeweiligen Motiv ihren ganz individuellen Ausgangspunkt hat. Und so stehen für Richter die Gemälde nach Mitgliedern seiner Familie vollkommen gleichwertig neben Arbeiten nach Zeitschriftenvorlagen und anderen Fotos, wie etwa "Frau, die Treppe herabgehend" (1965, The Art Institute of Chicago) oder auch das Gemälde "Drei Geschwister" (1965, Privatsammlung Chicago), das Richter aus einem 1964 in der Zeitschrift Revue publizierten Foto entwickelt hat, welches die zukünftige Dänische Königin Margarethe mit ihren beiden Schwestern zeigt. Richter selbst hat das 2005 in einem Spiegel-Interview so formuliert: "Ich hatte gar kein Interesse daran, dass darüber [= autobiographische Bezüge im Werk] gesprochen wird, ich wollte doch, dass man die Bilder sieht und nicht den Maler und seine Verwandten, da wäre ich doch irgendwie abgestempelt, vorschnell erklärt gewesen. Tatsächlich hat mich das Faktische - Namen oder Daten - auch gar nicht interessiert. Das alles ist wie eine andere Sprache, die die Sprache des Bildes eher stört oder sogar verhindert. Man kann das mit den Träumen vergleichen: Sie haben eine ganz spezifische eigenwillige Bildsprache, auf die man sich einlassen, oder die man vorschnell und falsch übersetzen kann." (zit. nach: Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007, Köln 2008, S. 511.).
Gerhard Richters Gemälde nach Fotos von Familienmitgliedern bedeutender Kunstsammler nimmt von einer Porträt-Folge ihren Anfang die Richter auf Initiative des legendären Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela im Kontext seiner ersten Einzelausstellung im September 1964 geschaffen hat. Ausgangspunkt sind drei 1964 entstandene Porträts, die Alfred Schmela selbst nach Passbildern bzw. Vernissagefotos zeigen und als eine Art Angebotsmuster für potenzielle Kunden der Galerie fungieren sollten. Die erste Version des "Portrait Schmela" (Elger 37-1) wurde 2015 bei Sotheby`s London für fast 5 Millionen Euro versteigert. Eine weitere Version (Elger 37-3) gelangte im Sommer 2014 als von der Presse gefeierte millionenschwere Schenkung der Kunsthistorikerin Viktoria von Flemming in den Besitz der Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen. In diesem Kontext entsteht unter anderem auch das heute in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden befindliche "Porträt Dr. Knobloch". Schießlich sollten in den kommenden Jahren auch Familienporträts wie das der "Familie Ruhnau" (1969) folgen, das sich heute as Dauereihgabe der Fisher Collection im San Francisco Museum of Modern Art befindet. Meist wird Richter Fotomaterial zugesandt, das er filtert und variiert. Der Architekt und Kunstsammler Werner Schäfer war 1968 für die Vergabe des Auftrages der Siemens AG für das schwarz-weiße Fotogemälde des Mailänder Domplatzes an Richter verantwortlich, das zuletzt 2013 bei Sotheby's New York für legendäre 37 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hat. Schäfer war damals Architekt der Siemens AG und in dieser Funktion mit den Auslandsbauten des Konzerns und deren Ausstattung betraut. Im Anschluss an den Auftrag des großformatigen Gemäldes des Domplatzes kommt es dann noch im selben Jahr zur Ausführung von zwei Gemälden nach einem auf der Terrasse der Schäfers entstandenen Foto seiner beiden Töchter "Christiane und Kerstin". Die von uns angebotene erste Version (Elger 197-4) überzeugt durch ihre Leichtigkeit und das geradezu perfekt gelungene Spannungsverhältnis aus Schärfe und Unschärfe. In der zweiten, kleineren Version (Elger 197-5), die sich anfänglich ebenfalls in der Sammlung Schäfer befunden hat und heute im Dallas Museum of Art zu sehen ist, hat Richter die Konturen der beiden Mädchen geradezu bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Die Gegenüberstellung beider Versionen ist ein eindrückliches Zeugnis von Richters künstlerischem Ringen um die perfekte Balance zwischen geradezu fotorealistischer Perfektion und des eher zufälligen nachträglichen Verwischens der zunächst streng nebeneinander gesetzten Farbwerte.
Auch wenn für Richter die jeweilige Motivik meist nicht mehr als der formale Ausgangspunk, die materielle Basis seiner Malerei war, so macht aber gerade diese jedes einzelne seiner frühen Schwarz-Weiß-Gemälde zu einem unverwechselbaren Einzelstück. Einmal gesehen, geht einem der einzigartige sanfte Duktus und die gleißende Unschärfe, mit der Richter die schönen und entschlossenen Gesichter von "Christiane und Kerstin" auf die Leinwand gebracht hat, nicht mehr aus dem Kopf. Qualitativ hochwertige Arbeiten aus dieser frühen Werkphase Gerhard Richters befinden sich heute zu einem Großteil in bedeutenden internationalen Sammlungen und werden nur selten auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten. [JS]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Gerhard Richter "Christiane und Kerstin"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

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Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 32 %, Teilbeträge über € 500.000 27 % Aufgeld
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

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Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20% Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

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Berechnung bei Folgerechtsabgabe:
Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 1,5% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.