Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 231

 
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Hans (Jean) Arp
Gurife II, 1954.
Relief. Karton und Pavatex, bemalt. Auf Holz, p...
Schätzpreis: € 70.000 - 90.000
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Objektbeschreibung
Gurife II. 1954.
Relief. Karton und Pavatex, bemalt. Auf Holz, parkettiert.
Rau 464. Verso auf einem Etikett signiert sowie typografisch datiert, betitelt und bezeichnet. Unikat. 98 x 69,5 cm (38,5 x 27,3 in), inkl. Original-Künstlerrahmen.
Den Titel "Gurife" hat Arp als Anagramm aus dem Wort "Figure" gebildet. Das Pendant "Gurife I" (1954, 108 x 78 cm) befindet sich in der Sammlung Würth, Künzelsau.

• Wunderbare, sanft leuchtende Komposition in der unverwechselbaren geschwungenen Formensprache Arps.
• Arps Reliefs sind wegweisend für die "Shaped Canvases" der 1960er Jahre.
• Arp gilt aufgrund seiner dreidimensionalen biomorphen Formensprache als herausragender Vertreter der internationalen Vor- und Nachkriegsavantgarde.
• Bereits 1936 werden Arps Reliefs im Museum of Modern Art, New York, ausgestellt, 1958 folgt eine Einzelausstellung des Künstlers im MoMA und 1969 eine Retrospektive im Solomon R. Guggenheim Museum, New York.
• Das Pendant "Gurife I" (1954) befindet sich in der Sammlung Würth
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PROVENIENZ: Galerie Edouard Loeb, Paris.
Privatbesitz Boulogne-sur-Seine.
Galerie Beyeler, Basel (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Privatsammlung Schweiz (1988 beim Vorgenannten erworben).

LITERATUR: Tableaux et sculptures modernes. Vente. Paris, Guy Loudmer, Hervé Poulain, Pierre Cornette de Saint-Cyr, 1974, Kat.-Nr. 98, mit S-W-Abb (dort mit den Maßen 81,5 x 54 cm verzeichnet, exkl. Rahmen).

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 17.54 h +/- 20 Min.

Essay
Hans Arp, dessen amorphe Bildsprache bis heute eine besondere Faszination ausübt, ist ein herausragender Vertreter der internationalen Avantgarde der Vor- und Nachkriegszeit. Von der anfänglichen Faszination für den "Blauen Reiter" über die Zugehörigkeit zum "Cabaret Voltaire" - einem Künstlerkreis, aus dem 1916 die Dada-Bewegung hervorgeht - führt ihn sein Interesse in Richtung Surrealismus und schließlich zur Mitgliedschaft in der Gruppe "Abstraction-Création". Ab 1917 entstehen erste Holzreliefs, Simultangedichte und automatische Dichtungen. Er engagiert sich im Kölner Dada-Kreis sowie in der Pariser Dada-Bewegung und arbeitet zusammen mit Schwitters an verschiedenen Veröffentlichungen. Spontaneität und Instinkt drückt Arp jedoch bald neben willkürlich zusammengefügten Collagen auch in seinen berühmten biomorphen Reliefs aus. Zu seinen charakteristischen Formen findet Arp im April 1917 während eines Ascona-Aufenthaltes: "In Ascona zeichnete ich [..] Äste, Wurzeln, Gräser, Steine [..]. Diese vereinfachte ich und vereinigte ihr Wesen in bewegten ovalen Sinnbildern der Verwandlung und des Werdens des Körpers." (Hans Arp). Diese stetige Wandlung der Natur mit ihren inneren Wesenskräften hat Arp in Reliefs, Papierarbeiten und Rundplastiken veranschaulicht. Gerade aber an seinen berühmten Reliefs wird Arps außerordentliche künstlerische Progressivität in besonderer Weise deutlich, da sie die Malfläche in die Dreidimensionalität erweitern und damit bereits ab den 1920er Jahren einen wichtigen Beitrag zum "offenen Bild" leisten. Arp nimmt damit bereits eine der zentralen Bestrebungen der abstrakten Nachkriegskunst vorweg, deren Bemühen um eine Entgrenzung des Bildes ab den 1960er Jahren u.a. in den "Shaped Canvases" Frank Stellas Ausdruck findet. Der Gedanke des dem Bildinhalt formal angepassten Malgrundes ist in Arps Reliefs bereits in entscheidender Weise angelegt. Arp veranschaulicht das Werden und Vergehen in Form von weich ineinander übergehenden Massen. Dieses biomorphe Formenrepertoire gilt bald als sein künstlerisches Markenzeichen und wird spätesten in den 1950ern international zum avantgardistischen Sinnbild der Nachkriegsmoderne. Bereits 1936 sind seine Reliefs erstmals in der Ausstellung "Cubism and Abstract Art" im Museum of Modern Art, New York, zu sehen, in dessen Sammlung sich heute fast zweihundert Arbeiten aus allen Schaffensphasen befinden. In den 1940/50er Jahren wird Arp in Amerika von bedeutenden Kunsthändlern vertreten, wie u. a. der Buchholz Gallery, der Curt Valentin Gallery und der Sidney Janis Gallery in New York. 1958 folgt die erste Einzelausstellung im Museum of Modern Art und 1969, drei Jahre nach Arps Tod, eine Retrospektive im Solomon R. Guggenheim Museum. Die in sanfter Farbigkeit angelegte Komposition "Gurife II", deren Pendant "Gurife I" sich heute in der Sammlung Würth befindet und ihren Titel dem kreativen Wortspiel des Künstlers mit dem Wort "Figure" verdankt, ist eines der wunderbar über die Fläche diffundierenden Formgebilde der 1950er Jahre und schafft durch seinen anagrammatischen Titel eine schöne Verbindung aus Arps künstlerischen Dada-Anfängen und seinem charakteristischen, reifen Formengut der 1950er Jahre. Darüber hinaus lassen die hellgrauen, lochartigen Binnenformen an die zeitgleichen Bemühungen Lucio Fontanas denken, der mit seinen zeitgleichen "Concetti spaziali", den durchlöcherten oder zerschnittenen Leinwänden, ebenfalls einen kunsthistorisch bedeutenden Beitrag zur Nachkriegsmoderne geleistet hat. [JS]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Hans (Jean) Arp "Gurife II"
Dieses Objekt wird differenzbesteuert, zuzüglich einer Einfuhrumsatzabgabe in Höhe von 7 % (Ersparnis von etwa 5 % im Vergleich zur Regelbesteuerung) oder regelbesteuert angeboten.

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Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 32 % Aufgeld
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4% inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.