Auktion: 508 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 12.12.2020 in München Lot 302

 
302
Carl Spitzweg
Strickende Wacht (Der Kanonier), Um 1848.
Bleistiftzeichnung
Schätzpreis: € 1.200 - 1.500
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Objektbeschreibung
Strickende Wacht (Der Kanonier). Um 1848.
Bleistiftzeichnung.
Vgl. Wichmann 492. Mit dem Nachlassstempel (Lugt 2307). Verso mit Bleistift nummeriert "V. 78310". Auf chamoisfarbenem Velin. 35,5 x 22,5 cm (13,9 x 8,8 in), Blattgröße.

Wir danken Herrn Detlef Rosenberger für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 15.32 h +/- 20 Min.

Essay
Ab Mitte der 1830er Jahre beginnt Spitzweg in seinem Interesse für charakteristische Typen der Gesellschaft die sogenannten Bürgersoldaten in den Blick zu nehmen. In Deutschland hatte dieses Phänomen im Zuge der Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts Fahrt aufgenommen und sich im patriotischen Pflichtgefühl als bürgerliche Tugend in der Bewachung und Verteidigung des Landes etabliert. Aufgrund ihrer fehlenden militärischen Ausbildung waren solche Freikorps allerdings kaum im Kampf herangezogen worden, sondern für weniger wichtige Wach- und Garnisonsdienste. Während der Märzunruhen 1848 bildeten sich auch in München studentische Freikorps, und auch Spitzweg selbst tritt in diesem Jahr in das Münchner Künstler-Freikorps ein. Wenige Monate später, des Soldatischen bereits überdrüssig, widmet er sich bereits wieder seinen künstlerischen Reisen und Studien, nicht ohne die bürgerliche Begeisterung für das Exerzieren und Soldat-Spielen in etlichen Karrikaturen u. a. für die Wochenschrift "Fliegende Blätter" aufs Korn genommen zu haben. Eines seiner bekanntesten Motive der strümpfestrickenden Wacht findet um 1848 Eingang in eine Variation von Gemälden (Wichmann 492-493). Auf dem bereits halb verfallenen und von Pflanzen überwucherten Befestigungswall blickt ein einsamer Wachtposten in das weite, in friedlicher Ruhe daliegende Land, in dem in der Ferne unbedrohlich Rauch aufsteigt, Gewehr und Tschako beiseite gestellt. Die veraltete Uniform verweist auf die Sehnsucht nach einer vergangenen, noch nicht allzu lange zurückliegenden Zeit, als sich Bayern in seiner Unterstützung Napoleons noch militärischen Glanz und außenpolitische Größe erträumte. Auch hier zeigt sich Spitzwegs anteilnehmender Humor am Sonderlingsstatus des einsamen Kanoniers auf der hohen verlassenen Festung, verhaftet in einem bürgerlich-patriotischen Pflichbewusstsein. Für sein Gemälde der strickenden Wacht zeichnet Spitzweg in alten Garnisonen und Kasernen Bayerns und fertigt akribische Detailstudien von Festungsmauerwerk, Kriegswerkzeug und Uniformen an (vgl. Wichmann, Carl Spitzweg. Bildreihen zum strickenden Kanonier und zum Wachsoldaten auf der Festung, München 1975). Die typisch bewegte, umreißende Mehrfachlinie sowie die den Bildausschnitt definierende Umrandung der Zeichnung lässt vermuten, dass Spitzweg in unserer Zeichnung die Komposition des Gemäldes entwickelte, in dem er schließlich noch etwa die Position der Kanone und die Landschaft im Hintergrund variiert. In dieser Suche nach dem aussagekräftigsten Arrangement der Gegenstände im Bild wird seine intensive Beschäftigung mit dem Motiv deutlich, das ihn nicht nur malerisch, sondern vor allem als analytischen Beobachter seiner Zeit interessiert: So versteckt sich in seinen Zeichnungen und Gemälden hinter genrehaft humoristischer Ironie ein fast schon anthropologischer Forschergeist beim Ergründen menschlicher Sehnsüchte, Verhaltensweisen, kleinster Gesten und Details, die dadurch unglaubliche erzählerische und philosophische Kraft entwickeln. [KT]
 


Weitere Abbildungen
 
Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Carl Spitzweg "Strickende Wacht (Der Kanonier)"
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