Auktion: 512 / Klassische Moderne II am 12.12.2020 in München Lot 445

 
445
Rudolf Schlichter
Frau mit blauem Kleid, Um 1925.
Aquarell und Bleistift
Schätzpreis: € 10.000 - 15.000
+
Objektbeschreibung
Frau mit blauem Kleid. Um 1925.
Aquarell und Bleistift.
Rechts unten signiert. Verso signiert und wohl von fremder Hand datiert. Auf chamoisfarbenem Velin von Progress (mit den Prägestempeln). 64,9 x 47 cm (25,5 x 18,5 in), Blattgröße.
Verso eine zu dem Aquarell etwa gleichgroße, flüchtige Bleistiftskizze der Dargestellten. Signiert. [CH].
• 30 Jahre Teil der Sammlung der Deutschen Bank AG.
• Äußerst charakteristische Darstellung mit der unverkennbaren figürlichen Bildsprache des Künstlers.
• Die rückseitige Zeichnung offenbart die erotischen Fantasien des Künstlers
.

Wir danken Frau Dr. Sigrid Lange, Bonn, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Privatsammlung Montevideo/Uruguay.
Galerie Michael Hasenclever, München (vom Vorgenannten erworben).
Sammlung Deutsche Bank (1990 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Aus Deutscher Sicht. Meisterwerke aus der Sammlung Deutsche Bank, Staatliches Puschkin-Museum für Bildende Künste, Moskau, 17.11.2004-16.01.2005.
25. Fünfundzwanzig Jahre Sammlung Deutsche Bank, Deutsche Guggenheim, Berlin, 30.4.-19.6.2005, S. 138 (mit Farbabb., Nr. 1).
Berliner Bilder. Sammlungen Berliner Bank und Deutsche Bank, Kunsthalle Koidl, Berlin, 09.09.-12.11.2010.
Stadt in Sicht. Werke aus der Sammlung Deutsche Bank, Museum Ostwall im Dortmunder U, Dortmund, 20.04.-04.08.2013.

LITERATUR: Deutsche Bank AG (Hrsg.), Man in the Middle. Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt am Main 2002, S. 236f. (mit Farbabb.).

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 17.59 h +/- 20 Min.

Essay
Rudolf Schlichter wird als künstlerischer Kommentator und Chronist der deutschen Gesellschaft in der Weimarer Republik bekannt. In den 1920er Jahren arbeitet er häufig für Zeitschriften und Magazine, u. a. für die "Arbeiter Illustrierte Zeitung", "Die Rote Fahne" und "Der Querschnitt", in denen seine politisch links geprägten Auffassungen zum damaligen politischen Zeitgeschehen in Form von Illustrationen einer breiten Leserschaft zuteil werden. In seiner Malerei befasst sich der Künstler zu dieser Zeit neben eindrucksvollen Milieuschilderungen oftmals mit Porträts bedeutender und bekannter Persönlichkeiten der Weimarer Republik oder aber mit Menschen aus Schlichters eigenem persönlichen Umfeld, darunter auch Proletarier, Arbeitslose, Prostituierte und verwundete Kriegsveteranen. Ab 1927 rückt seine spätere Ehefrau Elisabeth Koehler, genannt "Speedy" in den Fokus seines Kunstschaffens. Oftmals zeigt er sie mit hohen, geknöpften Lederstiefeln, für die er eine fetischisierende Vorliebe hegt. So schreibt er über sich selbst in der dritten Person: "Mit bebender Stimme richtete er in einer Gesprächspause die Frage an sie, ob sie eventuell geneigt wäre, auch heute noch, trotz der Ausgefallenheit der Mode, seiner Lust und Qual zuliebe, solche hochschäftige Knopfstiefel mit zierlich dünnem Pompadour-Absatz zu tragen." (Rudolf Schlichter, Zwischenwelt. Ein Intermezzo, Berlin 1931,S. 56). Auch in unserer, wohl etwas vor der Begegnung mit Speedy entstandenen Arbeit zeigt er das Modell, das auch in anderen Arbeiten aus diesen Jahren noch mehrfach auszudeuten ist, in ebendiesen geknöpften Lederstiefeln, die seinen sexuellen Fantasien scheinbar auch in diesem Fall Antrieb gegeben haben. Zeigt er die modisch frisierte und geschminkte Dame auf der Vorderseite des Blattes noch in hochgeschlossener Bluse und strahlend blauem Kleid mit auffälligem Kragen, kommen auf der Rückseite seine erotischen Gedanken zur Darstellung. In einer nur angedeuteten, schnellen Zeichnung zeigt er das Modell hier oberkörperfrei mit nacktem prallen Busen. Eine weitere Lesart eröffnet sich angesichts des vielsagend hervortretenden Adamsapfels und der kantigen, fast männlichen Züge der Dargestellten. Bereits 1910 erscheint das Buch "Transvestiten" des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, der mit seinen Untersuchungen über die sexuellen Gewohnheiten der Bevölkerung und den erotischen Verkleidungstrieb auch den Begriff des Transvestiten prägt. gerade den 1920er und 30er Jahren greifen auch andere Künstler dieses provokative Thema auf, bspw. Jeanne Mammen mit ihrem "Transvestitenlokal" von 1931. Womöglich verarbeitet Schlichter hier auch homo-erotische Andeutungen oder zumindest erotische Verkleidungs-Fantasien - schließlich bittet Schlichter nicht nur "Speedy" die erwähnten hochgeknöpften Stiefel zu tragen, er trägt sie mit Begeisterung auch selbst. Somit ist die hier angebotene Arbeit demnach nicht nur ein Zeugnis des damaligen gesellschaftlichen Zeitgeistes und der zum Teil erstaunlich liberalen Auffassungen (die so kurz darauf nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Keim erstickt wurden), sondern auch ein augenzwinkerndes Zeugnis der ganz persönlichen erotischen Fantasien des Künstlers. [CH]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Rudolf Schlichter "Frau mit blauem Kleid"
Dieses Objekt wird regelbesteuert angeboten.

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Berechnung der Folgerechtsabgabe:
Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.