Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 265

 
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Anselm Kiefer
Domenica in ramis palmarum, 2007.
Mischtechnik. Palmblatt, Harz, Terrakotta, Stah...
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
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Objektbeschreibung
Domenica in ramis palmarum. 2007.
Mischtechnik. Palmblatt, Harz, Terrakotta, Stahl auf Kartonplatte.
285 x 140 x 8 cm (112,2 x 55,1 x 3,1 in).
Im Original-Künstlerrahmen. [SM].
• Der Palmsonntag nimmt in der christlichen Theologie eine zentrale Stellung ein, ist aber selten zum Gegenstand einer größeren Malerei geworden.
• Kiefer reaktiviert in seinem Werk altes und verborgenes Wissen und zeigt dessen Relevanz für die Gegenwart.
• Kiefer versteht es exzellent, mitunter sehr komplexe Zusammenhänge auf bildhafte Formeln zu bringen
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Paris.
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.

AUSSTELLUNG: Doing identity, 25.11.2017-4.2.2018.



Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 18.52 h +/- 20 Min.

Essay
Es gibt keinen anderen Maler, der in seinem Œuvre Kultur- und Geistesgeschichte auf derart überzeugende und überraschende Weise zu vergegenwärtigen versteht, wie Anselm Kiefer. Seine Fähigkeit, Geschichte und Geschichten, kollektive Vorstellungen und Mythen, aber auch zivilisatorische Konflikte und Widersprüche sowie verdrängtes oder verlorengegangenes Wissen in Bildern zu verdichten und regelrecht zu materialisieren, bildet die Basis seiner künstlerischen Arbeit. Die Tatsache, dass er seine Werke immer wieder auch durch handgeschriebene Textzeilen zu ergänzen versteht, um sie sprichwörtlich lesbar auf eine andere Reflexionsstufe zu stellen, gehört ebenso zu seiner Arbeitsweise wie seine Auffassung von Malerei, die sich in dem kurzen Satz verdichten lässt: „Ich denke, indem ich male“. Das hochformatige Bild, von dem hier die Rede sein soll, thematisiert schon auf den ersten Blick Farbe als Material: Die sicht- und tastbaren Braun-, Umbra- und Ockertöne wirken in der oberen Bildhälfte wie schlammig-feuchte Auswaschungen von Erde. Der untere Bildteil erinnert mit seinem aufgerissenen, zentimeterdick aufgetragenen Farbmaterial eher an ein ausgetrocknetes Flussbett voller Craquelés. Wir haben es hier mit einem „Landschaftsbild“ besonderer Art zu tun. Kiefers Umgang mit Material, Farbe und „Natur“ wird noch durch einen senkrecht ins Zentrum des Bildes gesetzten Palmzweig bestätigt. Es handelt sich um das wie für ein großes Herbarium getrocknete, dornenbewehrte, zudem weiß gefasste Blatt einer Fächerpalme. Seine Aussage „Es gibt keine Landschaft, die völlig unschuldig ist“ scheint sich gerade in diesem verkarsteten, sehr haptischen Naturausschnitt zu bestätigen. Derart ins Bild gesetzt, wird Natur zur Landschaft und damit zum Ausdruck zivilisatorischer Vorstellungen, Sehnsüchte, Träume und Ängste.

Der Einzug Jesu in Jerusalem als Bildthema


Doch das ist noch nicht alles: Als gelte es, die Bedeutung des Bildes auch noch in Sprache zu fassen, schreibt Kiefer im oberen Teil mit der für ihn typischen Schrift „Domenica in ramis palmarum“ und erinnert damit an den Lobgesang für den am Palmsonntag (dominica palmarum) in Jerusalem einziehenden Christus. („Einst mit den Zweigen der Palme kam Dir das Volk der Hebräer entgegen“) Palmsonntag ist traditionell der sechste Sonntag der Fastenzeit und damit der letzte Sonntag vor Karfreitag und Ostern. Man könnte ihn auch als bedeutsame Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum begreifen. Denn in den Evangelien wird berichtet, dass Jesus auf einer Eselin reitend in Jerusalem von einer immer größer werdenden Menschenmenge jubelnd empfangen wurde. Palmzweige galten in der Antike als Zeichen des Sieges und der Zuversicht. Doch nur fünf Tage danach sollte der soeben noch Umjubelte vor den Toren der Stadt wie ein Schwerverbrecher und Staatsfeind öffentlich hingerichtet werden. (Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Joh. 19.6) Einerseits markiert der Palmsonntag einen nach drei Seiten offenen Widerspruch zwischen der römischen Besatzungsmacht, den Hebräern und den bei ihnen aufkeimenden Freiheits- und Erlösungsgedanken, andererseits auch den Beginn einer bis heute bestehenden christlichen Tradition, in der Tod, Auferstehung und Erlösung zu wichtigen Komponenten eines Heilsmysteriums werden konnten. An all das zu erinnern bedeutet für Kiefer nicht, Vergangenes zu imaginieren, um es am Ende als (behauptete) Gewissheit verfügbar zu machen. Es geht vielmehr um eine poetische, bisweilen intuitive, aber auch zweifelnde Vergegenwärtigung mit bildnerischen Mitteln, mitunter um die Re-Aktivierung von altem oder verborgenem Wissen. Wie ein Philologe bedient er sich dabei historischer, episch-literarischer, mythologischer und religionsphilosophischer Quellen, welche nicht selten überraschende Schnittmengen und Analogien erkennen lassen.

Die Relevanz der Geschichte

Wenn Mythos eine urheberunabhängige Erzählung meint, wäre das, was Kiefer macht, künstlerische Arbeit am Mythos mit dem Ziel schrittweiser Entmythologisierung. Dabei nimmt er den Mythos ernst, sieht ihn als Grundlage, nicht als Gegensatz aufklärerischen Denkens. Seine Methode der Vergegenwärtigung von Geschichten und Geschichte beinhaltet folglich keine Rückwärtswendung, sondern geht immer vom Jetzt aus, fragt mit durchaus in die Zukunft gerichtetem Impetus nach der Relevanz von Geschichte und Erinnerungskultur für die Gegenwart. Kiefer betreibt diese Art der Forschung und kritischen Befragung nach wie vor als Maler, der mitunter sehr komplexe Zusammenhänge auf bildhafte Formeln zu bringen versteht. Die überlieferte Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem wird hier auf besondere Weise in einem Bild verdichtet, das uns an informelle und an Farbfeld-Malerei erinnert, dabei Farbe auch als Material begreift und zudem auf besondere Weise ein kulturgeschichtliches Ereignis zwischen Christen- und Judentum nachhaltig ins Gedächtnis zu rufen versteht. Malerei als Medium und Möglichkeit erinnernden Denkens.
Peter Friese

Ehemaliger Museumsleiter des Neuen Museums Weserburg in Bremen
 


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