Auktion: 508 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 12.12.2020 in München Lot 354

 
354
Franz von Stuck
Adam und Eva (Die Familie), 1912.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 70.000 - 90.000
+
Objektbeschreibung
Adam und Eva (Die Familie). 1912.
Öl auf Leinwand.
Voss 401/249. Rechts unten signiert und datiert. 105 x 115 cm (41,3 x 45,2 in).
Im Original-Künstlerrahmen von Oberndorfer.
• Faszinierende Interpretation und gewagte Umdeutung des jahrhundertealten Motivs im rebellischen Zeitgeist der Jahrhundertwende
• Intensives Kolorit in der für Stucks späteres Werk charakteristischen, kontrastreichen Verwendung von Rot-, Blau- und Grüntönen
• In der Eva, als erster Frau und Mutter der Menschheit als Hommage an die Weiblichkeit zu verstehen
• Von der Kritik bei der Secessions-Ausstellung 1912 als eines der besten Werke Stucks besprochen und für den Künstler wohl von spezieller Bedeutung
• Einst im Besitz von Max von Bleichert, einem der bedeutendsten Kunstsammler des deutschen Impressionismus und Symbolismus Anfang des 20. Jahrhunderts
.

PROVENIENZ: Sammlung Max von Bleichert (1875-1947), Leipzig (seit ca. 1917).
Rudolf Lepke's Kunst-Auctions-Haus, Sammlung Max v. Bleichert, Bd. 1, Berlin, Auktion 8.12.1931, Los 52.
Kunsthandlung Artur Jordan, München (ab 1931).
Galerie Konrad Bayer, München.
Galerie Ritthaler, Hamburg.
Privatsammlung (2009 bei Vorgenanntem erworben).
Gütliche Einigung mit den Erben nach Artur Jordan (2020).
Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen. Das Angebot erfolgt in freundlichem Einvernehmen mit den Erben nach Artur Jordan auf Grundlage einer fairen und gerechten Lösung.

AUSSTELLUNG: Münchner Sezession, München, 1912, Nr. 191 (mit Abb.).

LITERATUR: Maximilian K. Rohe, Die Sommerausstellung der Münchener Secession, in: Die Kunst für Alle, Heft 27, 1911/12, S. 485.
Fritz von Ostini, Neue Arbeiten von Franz von Stuck, in: Die Kunst für alle, Heft 31, 1915/16, S. 4.
Christie´s, London, German and Austrian Art, Auktion 9.10.1997, Los 68 (mit Abb.).

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 16.24 h +/- 20 Min.

Essay
Im Werk Franz von Stucks findet eine permanente aktualisierende Auseinandersetzung mit jahrhundertealten Erzählungen und Bildthemen statt, in der diese mit zeitaktuellen Inhalten überschrieben werden. Neben antiken Mythen nehmen auch biblische Motive eine wichtige Stellung ein, wobei ihn der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies seit Anfang seiner malerischen Karriere besonders fasziniert zu haben scheinen. So widmet er sich auch der Ursprungsgeschichte der Menschheit, die mit der Verstoßung Adam und Evas aus dem Paradies ihren Anfang nimmt. Der damals beginnenden Mythenforschung zufolge bilden solche Erzählungen dem kollektiven Unterbewusstsein einbeschriebene Schlüsselszenen der menschlichen Existenz ab. In den Gemälden Stucks tauchen solche emotionalen Inhalte als Verführung, Scham und Trauer über die Verstoßung aus dem Paradies auf, das jedoch auch in der Interpretation der Moderne als Erwachen des Bewusstseins und der Emanzipation gelten kann und die Lust und Freude an der Körperlichkeit und Weitergabe des Lebens überhaupt erst ermöglicht. Schon Georg Wilhelm Friedrich Hegel liest die Übertretung der Gebote Gottes, vom verbotenen Baum zu essen als Akt der Befreiung, angestoßen vom weiblichen Geschlecht. Den aufbegehrende Gestalten in Mythologie und Christentum wie Prometheus und Luzifer wird in der Eva ein weibliches Pendant gegenübergestellt. Stuck zeigt hier die „Urfamilie“ der ersten Menschen mit ihrem ältesten Sohn Kain, der – hier noch als unschuldiges Kind präsentiert – mit dem ersten Mord der Menschheitsgeschichte das Böse auf der Erde auftauchen macht. Trotzdem stellt Stuck deutliche kompositorische Parallelen zu Darstellungen der heiligen Familie her, die in der biblischen Typologie die „Erbsünde“ mit der Geburt und dem Opfer Christi auslöscht. Vor dem Hintergrund der zweiten, das christliche Weltbild fundamental erschütternden Publikation Charles Darwins „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ von 1871 werden die Ursprünge des Menschen durch die evolutionäre Entwicklung erklärt und machen solche biblischen Ursprungserzählungen endgültig obsolet. Erschütternd und kränkend ist dabei nicht nur die Erkenntnis, dass der Mensch seine Existenz nicht einem Schöpfungsakt Gottes als dessen Ebenbild verdankt, sondern - schlimmer noch - den Affen einen seiner Vorfahren zu nennen hat. Allerdings erlaubt der naturwissenschaftliche Zugang wiederumhin eine Befreiung der Sexualität und Verführung von ihrem christlich-religiösen und moralischen Korsett, indem sie als dem Menschen inhärente evolutionär bedingte Triebe zur Prokreation verstanden werden. Auch Stucks Gemälde stellt eine Neuinterpretation der biblischen Geschichte dar, indem er die Familie in einem blumenbewachsenen Wiesengrund zeigt, in dem eine Fruchtbarkeit zu spüren ist, die letztlich sogar biblisch-gottgewollt ist. Nicht Eva, sondern Adam in animalisch gebückter Haltung präsentiert die rot leuchtenden Äpfel als Nahrung und Geschenk der Liebe an Frau und Kind. Die psychologische und erzählerische Vielschichtigkeit solcher uralten Motive, die sich über Jahrhunderte hinweg durch die Menschheitsgeschichte ziehen und für deren immer wieder neue Interpretation Literatur und Kunst Sorge tragen, verleihen Stucks Gemälden jene Überzeitlichkeit, die auch der von ihm bewunderte Friedrich Nietzsche der Kunst abverlangt: „»überhistorisch« nenne ich die Mächte, die den Blick von dem Werden ablenken, hin zu dem, was dem Dasein den Charakter des Ewigen und Gleichbedeutenden gibt, zu Kunst und Religion.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Kapitel 10, 1874). So gewährleistet auch Franz von Stuck seinem Gemälde jene überzeitliche Bedeutsamkeit, die dessen Faszination auch noch über 100 Jahre später ausmacht.
Um 1917 befindet sich das Werk im Musikzimmer der Villa des Großindustriellen Max von Bleichert in Leipzig, der zu den bedeutendsten Kunstsammlern Deutschlands mit Werken von Corinth, Liebermann, Thoma, Böcklin und Stuck gehört. Im Zuge der Insolvenz seines Unternehmens ist er gezwungen, sich vom Großteil der Sammlung zu trennen, von der zahlreiche der hochkarätigen Werke mittlerweile in Museumsbesitz sind. [KT]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Franz von Stuck "Adam und Eva (Die Familie)"
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