Auktion: 532 / 19th Century Art am 10.12.2022 in München Lot 313

 

313
Carl Spitzweg
Lagernde Karrner (Rast der Streuner), 1870.
Öl auf Holz
Schätzpreis: € 30.000 - 40.000
+
Lagernde Karrner (Rast der Streuner). 1870.
Öl auf Holz.
Roennefahrt 685. Wichmann 1460. Rechts unten mit der Signaturparaphe. 15,5 x 31,5 cm (6,1 x 12,4 in).

• Humorvolles und subtiles Landschaftsbild.
• Aus der besten Zeit des Künstlers.
• Aus der Sammlung Schmeil, Dresden.
• „der Wunsch des Sammlers war vor Allem: das denkbar beste an deutscher Malerei aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts bis zum heutigen Tage zu erwerben.“ (Fritz von Ostini zur Sammlung Schmeil, 1916)
.

Wir danken Dr. Stephan Klingen, ZI München, Detlef Rosenberger, Oberostendorf, Filip Strubbe, Algemeen Rijksarchief Brüssel, Geert Sels, Brüssel, und Stefanie Wilson, Berlin, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Wohl E. Pütterich, München (1882 vom Künstler unter dem Titel „Streuner“ erworben, Verkaufsverzeichnis Nr. 443).
Galerie Wimmer & Co., München.
Sammlung Carl Hugo Schmeil, Dresden (1908 vom Vorgenannten erworben, bis 1916: Cassirer/Helbing).
Sammlung Alfred und Olga Mengers, Berlin (1916 vom Vorgenannten erworben, bis spätestens 1942).
Wohl Privatsammlung Deggendorf/Würzburg.
Privatsammlung Deutschland (durch Erbschaft vom Vorgenannten, bis 1982: Sotheby’s).
Privatsammlung Süddeutschland (bis 2008: Ketterer Kunst).
Privatsammlung Tschechien (2008 vom Vorgenannten erworben).
Gütliche Einigung mit den Erben nach Olga Mengers (2022).

Das Angebot erfolgt in freundlichem Einvernehmen mit den Erben nach Olga Mengers auf Grundlage einer gerechten und fairen Lösung. Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen.

AUSSTELLUNG: Carl Spitzweg: Reisen und Wandern in Europa und der glückliche Winkel, Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon, 2002/03 / Haus der Kunst, München, 2003, Kat.-Nr. 35, S. 78 (m. Abb.; auf dem Rahmen mit dem Etikett).
Carl Spitzweg. "Das ist deine Welt". Gemälde - Aquarelle - Zeichnungen, Reuchlinhaus Pforzheim, 2003 / Von der Heydt-Museum, Wuppertal, 2004 / Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schloss Gottorf, Schleswig, 2005 / Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Oldenburg, 2005 / Kulturelles Forum, Langenfeld, 2007, Kat.-Nr. 209, S. 150 (m. Abb.; verso mit dem Etikett).

LITERATUR: Fotoalbum der Galerie Wimmer, (vor) 1908, Nr. 267. Archiv der BStGS, München, mit Hinweis auf Verkauf an Carl Hugo Schmeil, 1908.
Karteikasten der Galerie Wimmer, Karten (nach) 1916, Auszug aus Cassirer/Helbing 1916. Archiv der BStGS.
Kunstsalon Paul Cassirer, Berlin / Galerie Hugo Helbing, München, Sammlung Schmeil, Dresden, Auktion 17.10.1916, Los 112 (verso mit dem Etikett).
"Hanfstaengl-Album" Nr. 12908: "Zigeunerlager". ZI München, Photothek, Inv.-Nr. 216 357.
Günther Roennefahrt, Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle, München 1960, Nr. 685.
Sotheby's London, Europäische Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle des 19. Jahrhunderts, Auktion 24.11.1982, Los 64 (m. Abb.).
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Kunst, Kosten und Konflikte, Frankfurt/Berlin 1991, S. 342, Nr. 443.
Ketterer Kunst, München, Auktion 25.10.2008, Los 346 (m. Abb.).

Aufrufzeit: 10.12.2022 - ca. 14.47 h +/- 20 Min.

Carl Spitzweg. "Sein Name schon weckt so was, wie sonniges Behagen und seine hohen Malerqualitäten spricht ihm heute wohl Keiner mehr ab, dazu müssen wir in ihm ein Erfindergenie bestaunen, wie deren die Kunstgeschichte nicht viele aufweist. In erster Linie ist er Landschafter, aber wenige Landschafter der neuen Zeit haben die Natur so geistreich und treffsicher mit Staffage belebt, so geistreich, daß Einer leicht die Staffage für das Hauptding halten möchte, obwohl sie meist nur als Trägerin der Stimmung, als letzte Pointe des landschaftlichen Ganzen gedacht ist. […] Die 'Gewitterstimmung' erhält durch ein Grüppchen flüchtender Landleute erst die letzte bestimmende Nöte, eine Landschaft mit kahlen Hügeln durch eine Familie rastender Kärrner oder Zigeuner, die weit hinten über der Höhe einen heranwandelnden Polizeimann beobachten. Hier ist's eine kleine Gabe des Humors, die das Bild lebendig macht [..]" So zielsicher beschreibt 1916 der bedeutende Kunstkritiker und Schriftsteller Fritz von Ostini anlässlich der Versteigerung der Sammlung Schmeil den besonderen Charakter von Spitzwegs Gemälde "Lagernde Karrner": Es ist das heitere Augenzwinkern in dieser alltäglichen Szenerie, das den Reiz des Bildes ausmacht. Und Spitzweg gelingt es, sogar die Landschaft selbst "sprechen" zu lassen: Der besonnte Bergrücken und der schattige, von Gebüsch eingefasste Rastplatz am Wasser bringen in ihrem Kontrast von hell und dunkel, frei und verborgen, oben und unten die gleichsam anekdotische Erzählung des Figurenpersonals auf einer weiteren Ebene zum Klingen.
Es erstaunt nicht, dass sich ein so subtiles Kunstwerk auch in bedeutenden Häusern befunden hat. So ist es zunächst bis 1916 Teil der bekannten Sammlung von Carl Hugo Schmeil. Als die Kollektion des Dresdner Kommerzienrats 1916 durch Versteigerung aufgelöst wird, erscheint der Katalog von Helbing/Cassirer sogar in reich illustrierter Prachtausgabe, und auch die Versteigerung selbst erregt große Aufmerksamkeit. Unter die Bieter mischt sich auch der angesehene Berliner Handelsrichter Dr. Alfred Mengers. Er erhält für den stolzen Preis von 7.000 Mark den Zuschlag für "Lagernde Karrner".
Alfred Mengers, zugleich Leiter der familieneigenen "Velvetfabrik M. Mengers & Söhne" in Berlin, bewohnt mit seiner Gattin Olga Henriette eine große Villa in der Buchenstraße 6. Olga ihrerseits stammt aus bestem Hause und hat vom Vater, dem bedeutenden Unternehmer und Stadtteilgründer Sigmund Aschrott aus Kassel, unter anderem eine Kunstsammlung geerbt.

Ab 1933 jedoch ist die mittlerweile verwitwete Olga Mengers ebenso wie ihre Söhne, die Kunsthändler Heinz und Kurt, der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. Olga Mengers ist evangelisch getauft, gilt jedoch als "Volljüdin" nach der NS-Rassenlehre und wird von den Nationalsozialisten in den Ruin getrieben. Die Samtfabrik wird "arisiert", das väterliche Erbe für die "Judenvermögensabgabe" eingezogen, das Haus wird verkauft, und bald darf Olga sogar nur noch zwei Zimmer ihrer Wohnung nutzen. Die Söhne Heinz und Kurt fliehen bereits 1938 und 1936 aus Berlin. Doch die schwer sehbehinderte und bereits hochbetagte Mutter bleibt zurück, trotz der Gefahr, wie viele ihrer Generation. Unmittelbar nachdem Olga Mengers im Herbst 1942 aus einer Augenklinik in ihre Wohnung zurückkehrt, wird sie verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Nur auf dem Flur darf sich die langjährige Haushälterin von der alten Dame verabschieden. Olga Mengers überlebt das Konzentrationslager mit Glück und wird am 10. Juli 1945 befreit. Sie kehrt nach Berlin zurück, wo sie 1948 völlig verarmt verstirbt.
Aber was geschieht mit dem Gemälde von Carl Spitzweg? Nach der Deportation folgt das übliche Verfahren der Nationalsozialisten: Versiegelung, Inventarisierung und "Verwertung" von allem Hausrat, auch der Gemäldesammlung. Das Gemälde von Spitzweg aber taucht, ebenso wie einige andere wertvolle Gemälde, in den Listen der NS-Schergen nicht auf. Mit Sicherheit jedoch habe sich die kleine, querformatige "Landschaft mit Figuren" Spitzwegs nach Aussage der Söhne Heinz und Kurt noch in der Wohnung befunden.
Das Schicksal des Bildes bleibt ungewiss. Gehört es zu denjenigen Möbeln und Kunstwerken, die aus der versiegelten Wohnung heraus "unter der Hand" hochrangigen Militärs und Privatpersonen angeboten werden? Oder gehört es – dafür aufgrund der kleinen Größe und des hohen Wertes geeignet – zum "Luftschutzgepäck" von Olga Mengers, das bei ihrer Deportation teilweise unentdeckt bleibt, nach Süddeutschland in vermeintliche Sicherheit gebracht wird und von dort nie mehr vollständig zurückkehrt? Mutmaßlich noch vor Kriegsende gelangt das Gemälde jedenfalls wieder in Privatbesitz, mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Sammlung eines Militärarztes aus dem süddeutschen Raum.
Heute kann die bewegte Geschichte von "Lagernde Karrner", die durch glanzvolle und dunkle Zeiten führt, durch eine "gerechte und faire Lösung" mit den Erben von Olga Mengers glücklich abgeschlossen werden. Das Gemälde wird frei von Restitutionsansprüchen und im besten Einvernehmen mit der Familie Mengers angeboten. [AT]



 

Aufgeld und Steuern zu Carl Spitzweg "Lagernde Karrner (Rast der Streuner)"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.