Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 208

 
208
Emil Nolde
Schauspielerin (recto) / Piazza S. Domenico II, Taormina (verso), 1919/1905.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 400.000 - 600.000
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Objektbeschreibung
Schauspielerin (recto) / Piazza S. Domenico II, Taormina (verso). 1919/1905.
Öl auf Leinwand.
Urban 829/Urban 154. Rechts oben signiert bzw. rechts unten signiert und datiert. 52,5 x 40 cm (20,6 x 15,7 in). [SM].

• Emil Nolde malt nicht nur Köpfe, er malt Typen.
• In der Unmittelbarkeit des Ausdrucks malt Nolde sein Gegenüber, ungefiltert, ganz aus dem Instinkt geborenen Schaffen.
• Emil Nolde ist gefangen von seinem Gegenüber, malt die Schauspielerin, eine den Künstler herausfordernde, kraftvolle wie überzeugende Person
.

PROVENIENZ: Kunsthandel Alfred Heller, Berlin-Charlottenburg.
Curt Schueler (1877-1962), Berlin (um 1920, bis vor Frühling 1942).
Conrad Doebbeke, Berlin/Hannover (wohl seit 1943/45, bis 1953).
Museum Kunstpalast, Düsseldorf (1953 vom Vorgenannten erworben, bis 2019).
Restitution an die Erben von Curt Schueler (2019).
Seither in Familienbesitz.
Das Werk wurde 2019 an die Erben von Curt Schueler restituiert und ist frei von Ansprüchen.

AUSSTELLUNG: First General German Art Exhibition, Museum of History, Moskau, 1924, Nr. 300 (Schauspielerin)
Emil Nolde. Ölgemälde - Aquarelle - Zeichnungen - Graphik, Kongreßhalle Berlin, 23.9. - 12.10.1962, Nr. 2 (Schauspielerin)
Düsseldorf, Kunstmuseum, 1900 - talets konstutveckling belyst genom 150 verk av 100 konstnärer, Konsthall Malmö, 30.8. - 2.11.1980, Nr. 35 (Taormina).

"Die Menschen sind meine Bilder."
Emil Nolde.

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 17.14 h +/- 20 Min.

Essay
Ab 1910 gewinnt die Auseinandersetzung mit religiösen Themen und Legenden an Bedeutung im Werk des Künstlers. Und damit einhergehend – so scheint es – beschäftigt sich Emil Nolde verstärkt mit Bildnissen und malt nicht nur Köpfe, die die Szenen bevölkern, er malt Typen: Frauen und Männer werden in der Sicht des Künstlers zu Charakteren. Mit seinen Porträts spiegelt der Künstler nicht sein Gegenüber, er möchte die Person auch verstärkt sichtbar machen. So geschieht dies auch, wenn er sich, wie so oft, mit dem Thema „Mann und Weib“ (1919, Urban 794) auseinandersetzt, oder die Beziehung zwischen „Fürst und Geliebte“ (1918, Urban 797) schildert und damit durchaus sein Interesse an vielleicht verruchten Themen mitschwingen lässt. Die „Geliebte“ hat es dem Künstler ‚angetan‘, er wird sie in einem weiteren großartigen Bildnis verewigen und auch ihren Namen preisgeben: Sie heißt Nadja! Im selben Jahr, also 1919, malt Emil Nolde weitere Bildnisse, sieben an der Zahl, darunter auch die „Schauspielerin“. Sie sitzt Nolde frontal gegenüber. Ihre strahlend blauen Augen sind offen, ihre Gesichtszüge sind weich und deuten ein leichtes Lächeln an. Der feuerrot geschminkte Mund ist leicht geöffnet, das dichte, halblang geschnittene braune Haar gescheitelt. In der Unmittelbarkeit des Ausdrucks malt Nolde sein Gegenüber, ungefiltert, voller Empathie. Die Person ist – so kann man annehmen – privat gekleidet, das Kleid, das Oberteil umschmiegt den Hals und gibt den Blick frei auf ihren Hals und den Übergang zum Dekolleté. Nolde begreift seine Farbpalette als sein stärkstes Ausdrucksmittel, als das eigentliche Medium seiner künstlerischen Identität. Es sind nicht nur die vor Farbigkeit strotzenden Blumenbilder, die stimmungsreichen Watt- und Meerlandschaften, die aufgeladenen biblischen und mythischen Szenen. Es sind vor allem die Porträts, in die Nolde seine Idee von Ursprünglichkeit einfließen lässt und dies wie hier in offener Direktheit und elementarster Einfachheit der Physiognomie. Der intensive Blick der „Schauspielerin“ verwickelt sowohl den Künstler damals als auch heute den Betrachter unmittelbar in einen intensiven Austausch. Die Dualitäten des Lebens sind für Nolde elementar, die nach seinen eigenen Worten „in meinen Bildern immer einen großzügigen Platz einnahmen [..]. Zusammen oder gegeneinander: Mann und Frau, Lust und Leid, Gottheit und Teufel“ (zit. nach: Emil Nolde: Porträts, Ausst.-Kat., Ulm 2005, S. 76). Außer durch das Titeletikett haben wir keine Kenntnis über die Identität der Porträtierten, Nolde verschweigt uns ihren Namen. Das ist nicht immer der Fall, so benennt Nolde die etwa gleichzeitig entstehenden Bildnisse Anfang des Jahres 1919 nach den Porträtierten: Sie heißen „Nadja“ (Urban 830), „Vera“ (Urban 831), „Marie“ (Urban 832), „Ingeborg“ (Urban 835), aber auch „Italienerin“ (Urban 834), „Rothaariges Mädchen“ (Urban 836) und eben „Schauspielerin“ (Urban 829). In seiner Autobiografie "Mein Leben" finden wir einen spekulativen Hinweis, wer die Dargestellten sein könnten: „Das Kriegsende hatte einem wieder die Freiheit des Reisens gegeben und auch ein orientierendes Verlangen nach Freunden und Bekannten. Wir reisten nach Dänemark, die lang unterbrochenen Besuche der Familie wieder aufnehmend. [..] Die Geschwister meiner Ada, in Kjellerup, in Kolding und Kopenhagen wohnend, waren im Leben und Denken durch die Kriegszeit uns fast entfremdet worden. Das Wiedersehen war schön. [..] Das Malen war mein besseres Sein, ich malte wieder. Ich malte Bildchen nach Kindern und den schönen Schwägerinnen und auch nach dem Zaubermädchen, der Märchenerzählerin“, so Emil Nolde (Mein Leben, Köln 1993, S. 330). Ist die „Schauspielerin“ eine Schwester von Ada? Ada Vilstrup ist doch selbst Schauspielerin, als sie 1902 Emil Nolde heiratet. Und das Zaubermädchen? Die Märchenerzählerin, vielleicht Nadja? Wir können es nicht mit Gewissheit sagen, es bleibt im Reich der Spekulationen verborgen.

Noldes Bildnis der „Schauspielerin“ ist – laut Auskunft von Manfred Reuther, dem langjährigen Direktor der Ada und Emil Nolde-Stiftung – Anfang Januar 1919 mit den anderen Bildnissen in dem Berliner Wohnatelier in der Tauentzienstraße entstanden, dem Winterquartier der Noldes, bevor sie vielleicht Mitte Januar nach Dänemark aufbrechen, wo sie bis 20. Februar eine offizielle Genehmigung für den Aufenthalt haben. Aber noch in Berlin spannt Nolde die mit einer Platzansicht bemalte Leinwand um und nutzt die Rückseite für das Bildnis der „Schauspielerin“. Auf der Rückseite des Bildnisses finden wir also heute die 1905 in Taormina gemalte Ansicht der Piazza San Domenico. Ada und Emil Nolde verbringen den milderen Winter auf Sizilien. Kehren wir nochmals zurück zu diesem faszinierenden Frauenbildnis: „Wie die Physiognomie, wie die Art der Darstellung und die allgemeine Ausdrucksweise bestätigen, wird das Bildnis der 'Schauspielerin' nicht von freier Phantasie geleitet, sondern orientiert sich als Vorgabe an einer konkreten Person und unterwirft sich in der Gestaltung den Kategorien des Porträts. Doch wer dargestellt ist, lässt sich bisher nicht ausmachen“, so Manfred Reuther in einem Statement zu diesem Bildnis im November 2020. Dennoch, der Eindruck bleibt: Emil Nolde ist gefangen von seinem Gegenüber, malt die Schauspielerin, eine den Künstler herausfordernde, kraftvolle wie überzeugende Person.

Piazza S. Domenico: Die Rückseite

Die Rückseite der „Schauspielerin“ zeigt ein frühes Gemälde, welches während der Reise von Ada und Emil Nolde nach Sizilien im Frühjahr 1905 entsteht: Es zeigt die „Piazza S. Domenico“ in Taormina. Schon damals gilt der landschaftlich eingebundene Ort, umgeben von Bergen, Vulkan und Meer, als mondänes Reiseziel. Noch bilden pastose Schichten von dickem Impasto eine reliefartige, vom kräftigen Pinselduktus modellierte Oberfläche, erfahren die Bäume, die Architekturen in der lebhaften Gestaltung eine sonnendurchflutete, frühlingshafte Oberfläche. Nolde ist künstlerisch noch gefangen vom impressionistischen Einfluss eines Van Gogh. Dessen Ansichten von Arles könnten Nolde in Gedanken begleitet haben, als er den Platz, die Gebäude und Bäume und auch die Passanten für die Komposition ordnet.

Provenienz

Um 1920 erwirbt Curt Schueler (1877-1962), ein erfolgreicher Geschäftsmann in Berlin, das vorliegende Werk von Emil Nolde. Der genaue Eingang in seine Sammlung ist nicht bezeugt, zuvor jedoch ist das Gemälde beim Kunsthändler Alfred Heller in Berlin-Charlottenburg nachweisbar. Zu Schuelers Sammlung gehören unter anderem Werke von Franz Marc, Paul Kleinschmidt, Franz Heckendorf und Jules Pascin. Curt und seine Ehefrau Hilda Schueler erhalten 1942 den Deportationsbefehl. Beiden gelingt jedoch mit Hilfe des Malers Franz Heckendorf die Flucht über die Schweiz nach Schweden zu ihrem dorthin bereits früher emigrierten Sohn Stefan. Sie verkaufen das vorliegende Werk unter Zwang. Der neue Eigentümer kann ebenso wenig geklärt werden wie die Frage, wann und wie das Bild in den Besitz von Conrad Doebbeke gelangt. Von dem promovierten Juristen, Bauunternehmer und Immobilienhändler wird das Gemälde 1953 für die städtische Sammlung Düsseldorf erworben. Da Conrad Doebbeke jedoch im Verdacht steht, während der NS-Zeit verstärkt Kunstobjekte aus jüdischem Besitz gekauft zu haben, stellt der Kunstpalast das Gemälde bereits 2015 in die „Lost Art“-Liste ein. Am 4. Juli 2019 beschließt der Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf, das zweiseitige Gemälde von Emil Nolde an die Erben nach Curt Schueler zu restituieren und entspricht mit der Rückgabe dem Restitutionsersuchen Curt Schuelers Nachfahren. [MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Emil Nolde "Schauspielerin (recto) / Piazza S. Domenico II, Taormina (verso)"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 32 % Aufgeld
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 32 %, Teilbeträge über € 500.000 27 % Aufgeld
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 25 % Aufgeld zuzügl. der gesetzlichen Umsatzsteuer
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20 % Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung bei Folgerechtsabgabe:
Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.