Auktion: 517 / Moderne Kunst II am 19.06.2021 in München Lot 120003514

 
120003514
Ernst Ludwig Kirchner
Unterhaltung, 1923.
Aquarell und Tuschpinsel über Kreidezeichnung
Schätzpreis: € 40.000 - 60.000
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Objektbeschreibung
Unterhaltung. 1923.
Aquarell und Tuschpinsel über Kreidezeichnung.
Links oben sowie mittig oben signiert. Verso mit dem Nachlassstempel (Lugt 1570b) und der handschriftlichen Nummerierung "A Da/Bi 10". Auf festem, glattem Velin. 35 x 47 cm (13,7 x 18,5 in), blattgroß. [CH].

• Farbkräftige Figurenkomposition von gemäldehafter Wirkung.
• Die gesellige Szene zeigt wohl E. L. Kirchner, seine Lebensgefährtin Erna Schilling und einen Gast im "Wildbodenhaus" in Davos, welches das Paar erst im Entstehungsjahr 1923 bezieht.
• Bei dem Gast könnte es sich um den Kunstkritiker Gustav Schiefler handeln, der den Künstler im Juni in Davos besucht.
• Kirchner stellt zudem einige von ihm selbst geschnitzte Möbel dar, u. a. eine Banklehne mit Mutter und Kinderfiguren, fertiggestellt im Entstehungsjahr unseres Aquarells
.

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers (Davos 1938, Kunstmuseum Basel 1946).
Galerie Elfriede Wirnitzer, Baden-Baden.
Privatsammlung Norddeutschland.
Privatsammlung Schweiz (2006 vom Vorgenannten erworben, Villa Grisebach Auktionen, 26.5.2006, Los-Nr. 43).

LITERATUR: Auktionshaus Weinmüller, München, 97. Auktion, Katalog 105, Moderne Kunst, 5.11.1965, Los-Nr. 140 (mit Abb., Tafel 62).
Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 134. Auktion, Selected Works, 26.5.2006, Los-Nr. 43 (mit Farbabb., S. 74).

Essay
Nach einigen längeren Aufenthalten in Davos siedelt E. L. Kirchner mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling 1923, dem Entstehungsjahr der hier angebotenen Arbeit, endgültig in die Schweiz über. In Davos bezieht er nun das "Wildbodenhaus" oberhalb und nördlich des Sertigtals. Hier baut sich das Paar ein einfaches, rustikales Leben mit nur wenigen Annehmlichkeiten auf. Die Alpenlandschaft, das besondere, wenngleich arbeitsreiche Leben der dort ansässigen Bauernfamilien und die dörflich-bukolische Idylle sind Kirchner in diesen Jahren bedeutende Inspirationsquellen. Mit beeindruckender Schaffenskraft arbeitet er an druckgrafischen Arbeiten, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden und sogar Holzskulpturen und Möbeln für sein Zuhause im "Wildbodenhaus". Wie einige seiner ähnlich gesinnten Künstlerfreunde wünscht sich Kirchner ein Leben fernab der etablierten, bürgerlichen Lebensformen. Das einfache Haus in der Schweiz richtet er mit Erna deshalb mit exotischen, teils eben auch selbst entworfenen und gefertigten Möbeln ein, für deren aufwendige Schnitzereien er sich u. a. von der afrikanischen und auch der Schweizer Volkskunst inspirieren lässt.

Auf einem dieser Möbelstücke, einem von Kirchner selbst geschnitzten Stuhl, sitzt hier in lässig-gemütlicher Pose ein älterer Herr in blauem Anzug, bei dem es sich um den Kunstmäzen und -kritiker Gustav Schiefler (1857-1935) handeln könnte, dessen Besuch im Juni zur Entstehungszeit unserer Arbeit erst wenige Monate zurückliegt. Schiefler und Kirchner führen einen intensiven Schriftwechsel, denn Schiefler arbeitet in diesen Monaten intensiv an einem Werkverzeichnis der grafischen Arbeiten E. L. Kirchners, dessen erster Band 1926 publiziert wird. Bei dem Stuhl handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nach um "Stuhl III" von 1920 (Wolfgang Henze, Werkverzeichnis der Plastik, 1920/05), bei dem Kirchner einen weiblichen Akt an der Rückenlehne ausgestaltet. Rechts im Bild ist die Lehne einer rot bemalten Sitzbank aus Kiefernholz auszumachen, die in Wirklichkeit aus einem geschnitzten Frauenakt und zwei kleinen Kinderfiguren besteht und die Kirchner erst kurze Zeit vor Entstehung unserer Arbeit fertigstellt (Henze, 1923/02).

Das vorliegende Werk weiß die Schaffenskraft des Künstlers in diesen Jahren eindrucksvoll zu veranschaulichen: Das dynamisch aufs Papier gebrachte Aquarell in kräftig-expressiven Farben zeigt nicht nur eine gesellige, womöglich abendliche Szene im gerade bezogenen "Wildbodenhaus", sondern setzt auch die aufwendigen, von Kirchner selbst gestalteten und geschnitzten Sitzmöbel in Szene, von denen heute nur noch wenige Stücke erhalten sind. [CH]
 


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