Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 321

 
321
Wilhelm Morgner
Landschaft mit kleiner Brücke bei Soest, 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 175.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Landschaft mit kleiner Brücke bei Soest. 1910.
Öl auf Leinwand.
Handschriftliches Nachlassverzeichnis von Georg Tappert Nr. 55 (alte Nr. 52). Rechts unten signiert und datiert. Verso von Georg Tappert signiert, datiert und bezeichnet sowie mit der alten und neuen Nachlassnummer und den Maßangaben versehen. Zusätzlich auf dem Keilrahmen mit dem Nachlassstempel. 75 x 85 cm (29,5 x 33,4 in).

• Gemälde Wilhelm Morgners werden nur äußerst selten auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten.
• Diese Landschaft aus dem Jahr 1910 ist ein frühes Meisterwerk von musealer Qualität aus dem kleinen malerischen Œuvre des 1917 gefallenen Künstlers.
• Morgners Malerei wird posthum von den Nationalsozialisten als "entartet" diffamiert
.

Wir danken Herrn Walter Weihs, Wilhelm-Morgner-Archiv, Soest, für die wissenschaftliche Beratung. Das Werk ist im neuen, bisher unpublizierten Werkverzeichnis der Gemälde Wilhelm Morgners unter "WV Weihs/Tappert 55" registriert.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers.
Horst Wendlandt, Berlin.
Galerie Gunzenhauser, München.
Sammlung Reinheimer, Sindelfingen (1981- mindestens 1992).
Privatsammlung Norddeutschland.

AUSSTELLUNG: Wilhelm Morgner 1891-1917, Westfälischer Kunstverein, Landesmuseum Münster, 17.9-22.10.1967; Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 19.1.-25.2.1968; Brügge, 9.3.-31.3.1968; Ostende, 6.4.-28.4.1968; Ypern, 4.5.-26.5.1968, Kat.-Nr. 5 (mit Abb.).
Wilhelm Morgner 1891-1917. Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, 21.4.-30.6.1991; Wilheim-Morgner-Haus Soest, 7.7.-15.9.1991; Städtische Galerie im Lehnbachhaus, München, 20.11.1991-19.1.1992, Kat.-Nr. 25 (mit Abb. S. 90).

LITERATUR: Lempertz, Köln, Auktion 480, Kunst des 20. Jahrhunderts, 3.-4.12.1964, Los 462 (mit Abb.).

Essay
Wilhelm Morgner, 1891 in Soest geboren, beginnt seine künstlerische Lehrzeit im Oktober 1908 in der privaten Kunstschule von Georg Tappert, dem Expressionisten aus Berlin in Worpswede; sie dauert bis Ende Januar 1909. 1910 ist Morgner noch einmal Tapperts Schüler, aber in Berlin. Dort kommt Morgner nicht zuletzt mit Hilfe des umtriebigen Tapperts auf vielfältige Weise mit den neuesten Kunstströmungen in Kontakt, es ergeben sich Ausstellungsbeteiligungen, die seine künstlerische Position in Soest wachsen lässt, ab Juni ist Morgner selbst wieder in Soest. Morgner ist ungemein fleißig: er zeichnet viel und überträgt die Motive in Gemälde, es sind Porträts von Soester Frauen, Männern und Kindern, sie zeigen die Menschen bei ihrer Arbeit und natürlich beschäftigt sich Morgner mit der Soester Landschaft wie diese mit einer kleinen Brücke, die er ein Jahr zuvor in einer Federzeichnung skizziert: Ein alter Mann am Stock überquert so den Graben, durch den sich Schienen winden und den Blick in den Hintergrund konzentriert, wo eine Frau bückend eine landwirtschaftliche Arbeit verrichtet. (Abb.) Ein Jahr später die Szene ohne Personage in ein Gemälde übertragen, ist dieses Bild nicht nur perspektivisch ebenso streng geordnet und wirkungsvoll in der Auftragsart der Farben im Wechsel mit glatt gestrichenen und eher pastosen Partien. Morgners Farbgebung neigt hier zum Gelb-Bräunlichen, aber auch ein Grün, ein Rot und wie hier in der Himmelszone besonders hervorstechend trägt ein Rosa im Wechsel mit zartem Himmelblau und Zitronengelb zur Belebung des eng gefassten Landschaftsausschnitts bei. Ein weiches Licht modelliert die ausgebildete Dünung und die alte, windschiefe Brücke. Ein weiches Sfumato wechselt in den Übergängen mit den von Morgner bisweilen hart gesetzten Pinseltupfen im Stil der Pointellisten.
Über van Gogh und Millet ist Morgner bestens informiert, er ist in Besitz der Monographie von Julius Meier-Graefe, die just 1910 erscheint. Und Morgner wird sicher die Sonderbund-Ausstellung 1910 in Düsseldorf besuchen, wo die neuesten künstlerischen Positionen aus Frankreich von Juni bis Oktober zu sehen sind, und er wird die Sammlung im Museum Folkwang in Hagen im Auge haben, wie er seinem Freund Wilhelm Wulff am 28. September 1910 bestätigt. Alle Positionen der Moderne kann Morgner im noch jungen Museum Folkwang entdecken, die der Museumsgründer Karl Ernst Osthaus seit 1901 zusammenträgt, Bilder und Zeichnungen von den Meistern des Postimpressionismus: Vincent van Gogh und Paul Gauguin, und ebenso Werke von den damals aktuellen Pointellisten wie Georges Seurat, Paul Signac und Edmund Gross. Mit der „Landschaft mit kleiner Brücke (bei Soest)“ aus dem Jahr 1910 gelingt Morgner zu Beginn seines dichtgedrängten Schaffens zwischen 1909 und 1914 ein Meisterwerk. Mit Beginn des Krieges eingezogen fällt Wilhelm Morgner im August 1917 in Langenmarck in der Provinz Flandern. [MvL]
321
Wilhelm Morgner
Landschaft mit kleiner Brücke bei Soest, 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 175.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)