Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 342

 
342
Emil Nolde
Tulpen, 1908.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 350.000
Ergebnis:
€ 437.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Tulpen. 1908.
Öl auf Leinwand.
Urban 250. Rechts unten signiert. Auf dem Keilrahmen nochmals signiert und betitelt. 38,5 x 43,5 cm (15,1 x 17,1 in).

• Nach dem erstmaligen Verkauf im Kunsthandel 1960 bei Aenne Abels seit 60 Jahren in Familienbesitz.
• Erstmals auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten.
• Die Blumendarstellungen gehören zu den gefragtesten Sujets des Künstlers.
• Frühe Arbeit mit dichter, flimmernder Komposition aus der Farbe heraus modelliert.
• Das im selben Jahr und ebenfalls in Alsen entstandene Ölgemälde "Blumengarten: Stiefmütterchen" erzielte im Februar 2020 bei Sotheby’s 2,48 Millionen Euro
.

PROVENIENZ: Henrik und Julie Staehr geb. Vilstrup, Kopenhagen (erworben 1910, Schwager und Schwester von Ada Nolde).
Hans Vilstrup, Kopenhagen (nach 1944, Sohn von Carl Vilstrup, dem Bruder Ada Noldes).
Galerie Aenne Abels, Köln.
Sammlung Ilse von Martius, Hattingen/Ruhr (1960/61 von der Vorgenannten erworben, bis heute in Familienbesitz).

Essay
Am 4. Februar 1906 schreibt Karl Schmidt-Rottluff an Emil Nolde und lädt ihn ein, Mitglied der Künstlergruppe "Brücke" zu werden. Der Brief endet mit dem Satz: „Nun, geehrter Herr Nolde, denken Sie, was Sie wollen, wir haben Ihnen hiermit den Zoll für Ihre Farbenstürme entrichten wollen.“ (zit. nach: Emil Nolde, Jahre der Kämpfe, Köln 1985, S. 98). In der Nolde-Ausstellung der Galerie Arnold in Dresden, die von den "Brücke"-Künstlern kurz zuvor besucht worden ist, sind noch keine Blumen- oder Gartenbilder zu sehen gewesen. Eben in diesem Sommer des Jahres 1906 entstehen die ersten von ihnen und werden sogleich auch in die Wanderausstellungen der "Brücke" aufgenommen. Mit den Blumenbildern kann Nolde erste Publikumserfolge verbuchen. Darin sah der Künstler jedoch auf die Dauer eine Gefahr, und deshalb stellt er diese Motive 1909 zugunsten der religiösen Thematik und der Figurenbilder für einige Zeit zurück. Seit 1903 wohnt Nolde mit seiner Frau Ada in einem Fischerhaus auf der dänischen Insel Alsen, um das er sich einen Blumengarten anlegt. Auch an seinen späteren ländlichen Wohnorten - ab 1916 in Utenwarf und ab 1927 in Seebüll - entstehen solche Gärten, deren Blütenpracht sorgfältig geplant und gepflegt wird. In Vasen arrangierte Blumen interessieren den Maler wenig. Seine Bilder zeigen entweder den Garten aus einer gewissen Entfernung, auch in Verbindung mit einem Haus und zwischen den Beeten stehenden Figuren, oder einen nah gesehenen Ausschnitt, der sich ganz auf Blätter und Blüten konzentriert. Nolde erinnert sich: „Es war auf Alsen mitten im Sommer. Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an, und fast plötzlich war ich beim Malen. Es entstanden meine ersten kleinen Gartenbilder. Die blühenden Farben der Blumen und die Reinheit dieser Farben, ich liebte sie. Ich liebte die Blumen in ihrem Schicksal: emporschießend, blühend, leuchtend, glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend.“ (zit. nach: Emil Nolde, Jahre der Kämpfe, Köln 1985, S. 100). Dieses Ende allerdings hat er in seinen Bildern allenfalls angedeutet. In den Blumenbildern dieser Jahre bis 1909 intensiviert sich Noldes Auseinandersetzung mit der Farbe als Ausdrucksträger und ihren emotionalen Wirkungen. Sie führen zu einer nochmaligen Steigerung der Leuchtkraft seiner Gemälde. Und doch erkennt er gerade an ihnen das „Unzureichende“, das jedenfalls Andersartige des Kunstwerks gegenüber der Natur. In einem Gespräch äußert er später: „Bei meinen Blumenbildern wird das Publikum sagen, daß die Farben übertrieben seien. Das ist nicht richtig. Ich stellte die Bilder einmal zwischen die Blumen selbst hinein und merkte, daß sie noch weit hinter der Natur zurückstanden. Wir wissen gar nicht, wie verbildet unser Auge ist.“ (zit. nach: Hans Fehr, Emil Nolde. Ein Buch der Freundschaft, München 1960, S. 43).
Tulpen sind an und für sich, wenn sie nicht im Strauß in einer Vase stehen, für den Maler ein sperriges Motiv, einzelne, meist gerade Stängel mit wenigen, einfach geformten Blättern und einer einzelnen Blüte obenauf. Nolde hat sie nur zweimal zum alleinigen Motiv eines Gemäldes gemacht, 1908 und 1915. Auf dem späteren Bild sprießen die schwärzlich grünen Pflanzen aus dem dunkelbraunen Frühjahrsboden, durch den sich oberhalb der Mitte zwei schmale Streifen helleren Grüns ziehen. Die Tulpen sind in einer Reihe angeordnet, die von der linken Bildmitte nach vorn, dann in einem Bogen hinauf und zurück bis zur oberen Mitte der Fläche schwingt. Wie Ampeln stehen die leuchtenden gelben und roten Blüten vor dem dunklen Hintergrund. Das Gemälde von 1908 hat einen ganz anderen Charakter. Die Fläche ist fast vollständig von den Pflanzen ausgefüllt. Sie ist in zwei Zonen geteilt: eine blaugrüne, zu einem Hügel geformte der Stängel und Blätter und eine orange-rote der Blüten darüber. Schmale Durchblicke zwischen den Blüten nehmen das Grün des unteren Bereichs auf und stellen zusammen mit einigen roten und orangenen Reflexen auf den Blättern unten eine farbliche Korrespondenz zwischen den beiden Zonen her. Links und rechts sind die Farben dunkler gehalten, das Rot der Blüten ist tief gesättigt. Zur Mitte hin ist das Grün der Blätter und Stängel weißlich gebrochen und die Blüten hellen sich zum Orange, ja bis zum gedeckten Gelb auf. Tulpen haben die Eigenschaft, beim Verblühen noch einen eigenartigen Reiz und eine besondere Schönheit zu entfalten, indem die Blütenblätter ihre kräftige Einfarbigkeit verlieren und ganz neue, unerwartete Farbnuancen hervorbringen. Das Stadium kurz vor dem Verfall, gerade eben noch nicht „sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend“, scheint Nolde im Zentrum des Bildes festgehalten zu haben. In dem angeführten Zitat hat er das Schicksal der Blumen mit dem Schicksal der Menschen verglichen. Demnach weist auch dieses Bild bei aller Bescheidenheit seines Motivs über sich hinaus und kann als Gleichnis des menschlichen Lebens verstanden werden. Aber solchen Ausdruck gewinnt es nicht in der Art des Symbolismus, der in Noldes jungen Jahren die Kunst beherrschte, sondern er wird ganz aus der Farbe und ihrem dynamischen Auftrag heraus entwickelt. Noldes „Farbenstürme“ haben hier eine klare Form und einen tiefen Sinn gefunden.
Andreas Hüneke
342
Emil Nolde
Tulpen, 1908.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 350.000
Ergebnis:
€ 437.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)