Auktion: 525 / Evening Sale am 10.12.2021 in München Lot 245

 

245
Arnulf Rainer
Ohne Titel, 1959.
Ölkreide auf Leinwand
Schätzpreis: € 90.000 - 120.000
+
Ohne Titel. 1959.
Ölkreide auf Leinwand.
Links unten signiert. Verso auf der Leinwand signiert, datiert "1959 Wien" und mit den Maßangaben bezeichnet. Verso auf dem Keilrahmen zusätzlich von fremder Hand mit dem Namen des Künstlers bezeichnet. 61,5 x 82,5 cm (24,2 x 32,4 in).

• Seit 50 Jahren Teil derselben deutschen Privatsammlung.
• Frühes Werk aus der ersten Phase der Übermalungen, in denen Arnulf Rainer die Auslöschung des Bildgegenstandes zum antikünstlerischen Prinzip erklärt.
• Die Übermalung gilt bis heute als das zentrale Prinzip in Rainers Schaffen und als kunsthistorisch bedeutender Beitrag zur europäischen Nachkriegskunst.
• Im Entstehungsjahr ist Rainer auf der documenta II in Kassel vertreten
.

Wir danken dem Studio Rainer für die wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Privatsammlung Baden-Württemberg.
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (1971 vom Vorgenannten erworben).

"Rainer malt seine eigene Individualität aus den Bildern heraus, aber er versucht gerade dadurch den Bildern eine eigene Individualität zu geben: etwas Flaches, Pralles, Weiches, Dichtes, Bewegtes, Ausfließendes oder Stilles. "
Dieter Honisch, in: Ausst.-Kat. Arnulf Rainer, Nationalgalerie Berlin u. a., 1980/81, S. 46.

Aufrufzeit: 10.12.2021 - ca. 19.00 h +/- 20 Min.

Arnulf Rainer gehört heute zu den international renommiertesten Künstlern Österreichs. Im Entstehungsjahr 1959 der hier angebotenen Arbeit ist Arnulf Rainer mit seinen Werken auf der documenta II in Kassel vertreten, und auch 1972 und 1977 nimmt er an der documenta teil. Ebenfalls im Jahr 1977 zeigen die Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, die Kunsthalle Bern und die Kestner-Gesellschaft in Hannover eine umfassende Retrospektive. 1978 vertritt Rainer Österreich auf der 38. Biennale in Venedig. 2019/20 widmet ihm die Albertina in Wien das zweite Mal innerhalb von fünf Jahren eine umfassende Einzelausstellung.

Schon zu Beginn der 1950er Jahre verwendet Rainer in seinen Arbeiten das ungewöhnliche künstlerische Prinzip der Übermalung, das bis heute als bedeutender Beitrag zur Nachkriegskunst gilt und das zentrale Prinzip seines Schaffens geblieben ist. Sowohl die Wiener Hochschule für angewandte Kunst als auch die Wiener Akademie der bildenden Künste hatte er 1949 nach nur wenigen Tagen verlassen und sich fortan autodidaktisch weitergebildet. In Ablehnung eines traditionellen, tradierten Verständnisses von Kunst und Malerei schafft Rainer mit seinen "Übermalungen" nun also eine "Malerei, um die Malerei zu verlassen" (Arnulf Rainer, zit. nach: Armin Zweite, in: Ausst.-Kat. Arnulf Rainer. Retrospektive 1950-1977, Kestner-Gesellschaft, Hannover, 1977, S. 11).
Ein Ausstellungsbesuch in der Galerie Nina Dausset in Paris, u. a. mit Werken von Jean Dubuffet und den frühen Tachisten, führt initial dazu, dass Rainer sich in den darauffolgenden Jahren mit den Prinzipien des Automatismus, optischer Dekomposition und der Blindmalerei auseinandersetzt. So entstehen ab Mitte der 1950er Jahre neben den "Proportionen" und "Blindzeichnungen" auch erste "Übermalungen", in denen der monochrom-schwarze Farbauftrag nahezu die gesamte Bildfläche bedeckt. Dem Darunterliegenden, der letztendlich verdeckten Komposition, kommt jedoch trotz der allmählichen Auslöschung, des Ertrinkens im sich auf der Bildfläche ausbreitenden Schwarz eine wichtige Rolle zu: Es bleibt das notwendige Gerüst der Übermalung, das auch im Falle der gänzlichen Verdeckung noch die Form dieser Verhüllung bestimmt, was zum Teil auch durch die vom Künstler vergebenen Titel der Übermalungen deutlich wird: "Dornen, darüber Finsternis", heißen sie, "Nacht, darunter ein ganzer Tag" oder "Der Himmel verhängt".

Auch in der hier angebotenen Arbeit blitzen hier und da die farbkräftige, bunte Ölkreide-Zeichnung und auch der Untergrund unter der späteren schwarzen Übermalung hervor. Der Bildrand bleibt unberührt, gibt der dunklen Farbwolke Raum und erzeugt durch den Kontrast von schwarzer Monochromie und hellem Untergrund ein besonders reizvolles Spannungsverhältnis. Zudem wird der zeitliche Ablauf des Schaffensprozesses nicht nur sichtbar, sondern auch erfahrbar gemacht: Die Spuren der früheren, nun verdeckten bunten Kreidezeichnung werden hier nicht gänzlich ausgelöscht, sondern lediglich partiell verdeckt, sodass eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart entsteht.

In diesem zum Teil doch äußerst malerisch-gestischen Farbauftrag greift das Werk ein Stück weit auf die "Zentralgestaltungen" der frühen 1950er Jahre zurück, in denen Rainer nach den Prinzipien des Automatismus und der Blindmalerei mit geschlossenen Augen der Bewegung seines Körpers entsprechende – hier horizontal ausgerichtete – Liniengebilde auf die Leinwand bannt. Gleichzeitig ähnelt die Arbeit auch den der Werkgruppe der "Zentralgestaltungen" folgenden schwarzen Übermalungen, in denen Rainer nahezu die gesamte Bildfläche bedeckt. Im Gegensatz zu den sonst sehr flächigen monochromen Arbeiten findet Rainer hier eine sehr malerische, gestische Lösung der Übermalung, die nicht nur Finsternis und Licht, plane Fläche und rhythmische Bewegung, sondern auch Monochromie und Farbigkeit zu einer besonders reizvollen Symbiose vereint. [CH]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Arnulf Rainer "Ohne Titel"
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