Auktion: 523 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 11.12.2021 in München Lot 360

 

360
Franz von Stuck
Monna Vanna, Um 1920/22.
Bronze mit dunkelbrauner Patina
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 32.500

(inklusive Aufgeld)
Monna Vanna. Um 1920/22.
Bronze mit dunkelbrauner Patina.
Vorne am Sockel betitelt "Monna Vanna" sowie bezeichnet "Franz von Stuck". Gesamt: 54 x 9 x 9 cm (21,2 x 3,5 x 3,5 in).
Gegossen bei C. Leyrer, München (verso am Fuß des Sockels mit dem Gießerstempel).
• In der Konzentriertheit der Formen und der Reduktion der Bewegung beschreitet Stuck in der Bronzeplastik neue, in Richtung Art déco weisende Wege
• Die Gestalt der Monna Vanna, literarische Heldin der Renaissance und des Symbolismus vereint auf einzigartige Weise die künstlerischen Inspirationsquellen Stucks
• Seit Erwerb vom Künstler in Familienbesitz und erstmals auf dem Auktionsmarkt angebotenes Exemplar der seltenen Bronze
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Bayern (direkt vom Künstler erworben, seither in Familienbesitz).

LITERATUR: Franz von Stuck. Maler-Graphiker-Bildhauer-Architekt, Ausst.-Kat. Museum Villa Stuck, München 1982, S. 188.
Franz von Stuck. Pathos & Eros, Ausst.-Kat. Van Gogh Museum, Amsterdam 1995, S. 92, Kat.-Nr. 60 (anderes Exemplar).
Claudia Gross-Roath, Das Frauenbild bei Franz von Stuck, Weimar 1999, S. 275.
Thomas Raff, "Die Kraft des Mannes und die weiche Schmiegsamkeit des Weibes": Franz von Stuck: Das plastische Werk, Ausst.-Kat. Franz von Stuck Geburtshaus Tettenweis 2011, S. 104-105 (anderes Exemplar).
Schönheit-Stärke-Leidenschaft. Die Plastiken Franz von Stucks in den historischen Räumen neu präsentiert, Begleitheft zur Ausstellung Villa Stuck München, hrsg. von Margot Th. Brandhuber, München 2020, S. 8 (anderes Exemplar).

Neben mythologischen Gestalten wie der Helena, Phryne oder der Amazone nimmt sich Franz Stuck hier einer weiteren literarischen Frauenfigur an, deren Geschichte sich um Liebe und Verführung dreht. Monna Vanna – altitalienischer Dialekt für Madonna Giovanna – ist die Gemahlin des Fürsten Guido Colonna von Pisa, das im 15. Jahrhundert zur Zeit der Städterivalitäten von den Florentinern und ihrem Condottiere Prinzivalli belagert wird. Zur Rettung der Stadt erfüllt sie seine Bedingung und begibt sich, nackt und nur mit Mantel und Schuhen bekleidet, in das feindliche Lager. Der Condottiere verfolgt jedoch andere Absichten, ist sie doch seine Jugendliebe. Der dramatische Höhepunkt der Geschichte, als sie im Begriff ist den Mantel abzunehmen und sich hinzugeben, löst sich auf indem der Condottiere sie daran hindert und beide die Nacht im vertrauten Gespräch verbringen. So wandelt sich Monna Vanna, ähnlich wie die biblische Judith, die Stuck ebenfalls in sein Motivrepertoire aufgenommen hat, in eine Heldin, die durch ihre Schönheit und Sinnlichkeit den Mann bezwingt. Das Drama des belgischen symbolistischen Dichters Maurice Maeterlinck wird 1902 mit großen Erfolg europaweit uraufgeführt, in Deutschland im Schauspielhaus in München (heute Kammerspiele), Eleonora Duse übernimmt die Hauptrolle. Es folgt eine Opernbearbeitung 1909 sowie mehrere Verfilmungen, darunter eine letzte 1922, gedreht in München mit der bekannten Münchner Schauspielerin Lee Parry (Mathilde Benz) als Monna Vanna. Stuck verleiht der Figur eine Renaissancefrisur, wie sie bspw. auch Giovanna Tornabuoni in den Gemälden Domenico Ghirlandaio Ende des 15. Jahrhunderts trägt, und wie er sie bereits 1901 in dem Portrait Olga Lindpainters als Florentinerin malt. Die Renaissance mit ihren großen Malerpersönlichkeiten ist für Stuck neben der Antike größte Inspirationsquelle. Der weite, am Rücken gefältelte Mantel verweist ebenso auf die Kleidung der Renaissance, seine Knöchellänge allerdings auf die Mode der 1920er Jahre. Stuck wählt den zentralen Moment der Enthüllung, die die Betrachter:innen mit Spannung erwarten, in dem Monna Vanna den Mantel in eleganter Bewegung von den Schultern gleiten lässt und dieser zu Boden fällt. Der symmetrische Aufbau der Figur mit dem langgestreckten Körper, umhüllt vom Mantel wirkt dabei kompakter und konzentrierter als die noch im vorigen Jahrhundert entstandene „Tänzerin“ beispielsweise. Die bewegten Formen des Jugendstils haben sich mittlerweile zu geometrischen, weniger raumgreifenden Formen weiterentwickelt. Beruhigt und statisch, mit nur leicht angehobenem Bein ein Vorwärtsschreiten andeutend, widmet sich Stuck vielmehr der subtilen Bewegung und der Ausgewogenheit voluminöser Formen. Auf hieratische Vorderansicht angelegt, erlangen seine späteren Plastiken so eine reliefartige Anmutung und regen eine wandnahe Aufstellung an, wie Stuck sie in Nischen oder auf Kaminsimsen in seiner eigenen Villa, bspw. im Künstleraltar, praktiziert. Monna Vanna wird so als Skulptur zum eleganten Schmuck mondäner Salons einer literarisch, theatralisch und musikalisch interessierten und gebildeten Bohème. [KT]



360
Franz von Stuck
Monna Vanna, Um 1920/22.
Bronze mit dunkelbrauner Patina
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 32.500

(inklusive Aufgeld)