Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 20

 

20
Erich Heckel
Kinder, 1909/10.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
+
Kinder. 1909/10.
Öl auf Leinwand.
Hüneke 1910-77, Vogt 1910/5. Links unten signiert und datiert "09". Verso auf dem Keilrahmen signiert, betitelt und datiert "1909/10" und auf der Leinwand abermals signiert und datiert "1909/10". 58,5 x 77,5 cm (23 x 30,5 in).
[SM].

• Das Entstehungsjahr 1910 ist eines der prägendsten Jahre der KG "Brücke" und markiert ihren künstlerischen Höhepunkt.
• Im energischen Strich und der leuchtenden Farbigkeit zeigt sich die Essenz des "Brücke"-Stils.
• Dargestellt ist eines der bekanntesten Modelle: Fränzi, die zur Ikone der "Brücke" wird.
• Beeindruckende Ausstellungshistorie.
• Eines der wenigen erhaltenen Frühwerke.
• Von musealer Qualität
.

PROVENIENZ: Atelier des Künstlers (bis mindestens 1964).
Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf (wohl direkt vom Vorgenannten erworben oder in Kommission genommen).
Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (mit dem Sammlerstempel, 1975 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Galerie Dr. Goldschmidt - Dr. Wallerstein, Berlin (um 1921/1926, verso mit dem fragmentarischen Etikett. Im fraglichen Zeitraum stellt Heckel fünf Mal in der Galerie aus, Kataloge oder Werklisten sind nicht bekannt).
Erich Heckel, Städtisches Museum, Kunstverein, Königsberg, 12.2.-18.3.1928, Kat.-Nr. 5.
Erich Heckel, Städtisches Kunstmuseum, Duisburg, 20.7.-1.9.1957, Nr. 15.
Erich Heckel, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 1.3.-28.3.1958, Kat.-Nr. 1 (m. Abb.).
L'espressionismo, pittura, scultura, architettura, Palazzo Strozzi, Florenz, März-Juni 1964, Kat.-Nr. 121 (m. Abb. S. 67; auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Erich Heckel, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 18.2.-25.3.1965, S. 12 (m. Farbabb.)
Deutsche und französische Kunstwerke, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 1966.
Erich Heckel, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 1967, S. 5.
Deutsche und französische Meister, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 15.3.-31.5.1975, S. 3.
Erich Heckel, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 21.5.-25.6.1981, S. 12 (m. Farbabb., als Leihgabe von Hermann Gerlinger).
Erich Heckel, Museum Folkwang, Essen, 18.9.-20.11.1983; Haus der Kunst, München, 10.12.1983-12.2.1984, Kat-Nr. 20.
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 1995-2001).
Frauen in Kunst und Leben der "Brücke", Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, Schleswig, 10.9.-5.11.2000, Kat.-Nr. 44, S. 131 (m. Farbabb.).
Die Brücke in Dresden 1905-1911, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 6.10.2001-6.1.2002, Kat.-Nr. 235 (m. Farbabb.).
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Expressiv! Die Künstler der "Brücke", Sammlung Hermann Gerlinger, Albertina Wien, 1.6.-26.8.2007, Kat.-Nr. 80 (m. Farbabb.).
Der Blick auf Fränzi und Marcella. Zwei Modelle der Brücke-Künstler Heckel, Kirchner und Pechstein, Sprengel Museum, Hannover, 29.8.2010-9.1.2011; Stiftung Moritzburg, Halle (Saale), 6.2.-1.5.2011, Kat.-Nr. 78 (m. Farbabb.).
Inspiration des Fremden, Die Brücke-Maler und die außereuropäische Kunst, Kunstmuseum Moritzburg, Halle, 13.11.-29.1.2017, Kat.-Nr. 30 (m. Farbabb.).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).
Brückenschlag: Gerlinger - Buchheim, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried, 28.10.2017-25.2.2018, S. 206ff. (m. Farbabb.).

LITERATUR: Städtisches Kunstmusem Duisburg (Hrsg.), Erich Heckel: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik aus 50 Schaffensjahren, Duisburg 1957, Nr. 15.
Zdenek Felix (Hrsg.), Erich Heckel: 1983-1970. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, München 1983, Nr. 20, S. 101 (m. Farbabb.).
Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 182, SHG-Nr. 211 (m. Farbabb.).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 172, SHG-Nr. 388.
Hanna Strzoda, Die Ateliers Ernst Ludwig Kirchners, Petersberg 2006, S. 155-156.
Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.), Expressiv! Die Künstler der Brücke. Die Sammlung Hermann Gerlinger, München 2007, S. 136.
Ulrike Lorenz, Die Brücke, Köln 2008, S. 36.
Brückenschlag: Gerlinger - Buchheim! Museumsführer durch die "Brücke"-Sammlungen von Hermann Gerlinger und Lothar-Günther Buchheim, Feldafing 2017, S. 206ff. (m. Abb., S. 207).

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 17.38 h +/- 20 Min.

Das beliebteste Modell der Dresdner "Brücke"-Zeit, Fränzi, kommt gelegentlich auch mit einem Jungen in die Ateliers, wo sie sich ungezwungen aufhalten. Es gibt ein von Ernst Ludwig Kirchner aufgenommenes Foto der beiden, und Heckel stellt sie in Zeichnungen, Grafiken und Gemälden dar. Auf der Zeichnung der Sammlung Gerlinger sind beide bekleidet auf einer Liege hingestreckt. Fränzi wendet sich dem Jungen zu, der die Beine über den Rand der Liege auf den Boden hängen lässt. Links steht ein Tisch mit zipfelig herabhängender Decke. Durch ihn hindurch ist sowohl die Liege als auch die perspektivische Raumkonstruktion sichtbar. Es ist eine der schnellen Skizzen vom Leben und Treiben in den "Brücke"-Ateliers, in denen mit erstaunlicher Sicherheit Wesentliches der Körperhaltungen notiert wird.

Fränzi ist jenes junge Mädchen, das Kirchner zweimal fotografiert: einmal mit einem Spielkameraden, der vermutlich Hans heißt, im Atelier in der Berliner Straße 65 in Dresden, zum anderen als Porträt, das, lange unentdeckt, 1994 vom Kirchner Museum Davos veröffentlicht wurde. Sie ist nur eines von zahlreichen Modellen der "Brücke"-Maler, vielleicht das jüngste. Kirchner schreibt auf einer Postkarte vom 3. Februar 1911 an Maschka Mueller zu einer umseitigen Farbkreide-Zeichnung: "Unser Jüngstes beim Tanz". Für Fränzi gilt, was Kirchner in einem Brief an Erich Heckel zusammenfasst: "Es liegt ein großer Reiz in einem solchen reinen Weibe, Andeutungen, die einen wahnsinnig machen können. Toller als in den älteren Mädchen. Freier, ohne dass doch das fertige Weib verliert. Vielleicht ist manches bei ihr fertiger als bei den reiferen und verkümmert wieder. Der Reichtum ist sicher größer jetzt." Es war aber nicht Kirchner, sondern Erich Heckel, der Fränzi besonders nahesteht. Und diese kleine Posse macht sichtbar, wie eng die damalige wilhelminische Moral urteilt und wie unbekümmert die "Brücke"-Maler leben - und mit ihnen die Modelle, darunter Fränzi. Fränzi findet sich mehrfach im Werk von Erich Heckel. Eine Wachskreide-Zeichnung von 1910 trägt außer der Signatur Heckels ihren Namen. In einer Graphit-Zeichnung nennt er sie "Kind", und in zwei Farbholzschnitten nimmt er ihren Vornamen wiederum auf: "Fränzi liegend", "Fränzi stehend".

Das Gemälde gibt die gleiche räumliche Situation wieder. Die Liege mit angekipptem Kopfteil steht in leuchtendem Rot inmitten des vorherrschenden Grün. Davor liegt ein kleiner Teppich in dunklerem Rot, in dem auch der rechts das Bild abschließende Medaillonvorhang aus Kirchners Atelier gehalten ist. Zu dem Komplementärkontrast von Rot und Grün tritt das Schwarz der Konturen und der Kleidung des Knaben sowie das helle Blau des Inkarnats. Fränzi liegt nackt auf der Liege, an deren Rand der Junge mit niedergeschlagenen Augen in etwas verspannter Haltung sitzt. Zwischen den beiden baut sich eine scheue erotische Spannung auf. Der runde Tisch ist ganz an den Rand gerückt und nur noch halb zu sehen. Der herabhängende Deckenzipfel hat auffällige Zutaten erhalten. Zwei schwarz umrandete braune Ovale mit schwarzen Kreisen und weißen Lichtern in der Mitte sind als Augen zu deuten. Der breite, rote Querstrich entspricht in diesem Zusammenhang dem Mund. Diese Elemente sind nicht anders zu erklären, als dass Heckel hier eine gegenständliche Umdeutung vorgenommen hat. Da sie bei ihm nur ausnahmsweise vorkommt, ist sie desto bedeutungsvoller. Motiv, Komposition und die Form des Tischdeckengesichts erinnern an Bilder und Grafiken Edvard Munchs, in denen er Eifersucht und Neid thematisiert.

Bereits 1906 haben die "Brücke"-Künstler Munch zur Mitgliedschaft eingeladen, jedoch keine Antwort bekommen. Im September 1907 lernt Heckel während seines ersten Besuchs bei dem Hamburger Sammler Gustav Schiefler den Norweger persönlich kennen. Bei Schiefler, der das grafische Werkverzeichnis Munchs verfasst hat, findet er auch Gelegenheit, sich intensiv mit dessen Grafiken zu befassen. Die Lithografie "Eifersucht II" von 1896 zeigt zum Beispiel rechts eine nackte Frau mit einem Mann im Anzug und links das in einem Spitzbart wie ein Dreieck zusammenlaufende Gesicht eines Mannes mit weit aufgerissenen Augen. Alle diese Elemente kommen auch in Heckels Gemälde vor. Heckel befindet sich allerdings stilistisch auf einer ganz anderen Entwicklungsstufe. Gerade dieses Bild ist eines der herausragenden frühen Beispiele des ausgeprägten "monumentalen" Dresdner "Brücke"-Stils mit klar komponierten Farbflächen, die in diesem Fall besonders locker aufgetragen sind, so dass die Grundierung überall hervorscheint und dem Werk eine ergreifende Lebendigkeit verleiht. So kann das Bild als eine Hommage an Edvard Munch verstanden werden, den wir heute als einen der "Väter" der Moderne bezeichnen. Es ist aber gleichzeitig das selbstbewusste Postulieren einer eigenen Position, die dem Thema mit einer neuen, unmittelbaren Anschauung begegnet.

Dr. Andreas Hüneke, Verfasser des neuen Werkverzeichnisses der Gemälde von Erich Heckel

Das Atelier als selbstgeschaffene Welt
Für die Arbeitsweise von Heckel und besonders auch Kirchner ist die motivische Einbindung der räumlichen Situation typisch: Das Atelier als selbstgeschaffene Welt! Das Atelier ist nicht nur Arbeitsraum, sondern wird vor allem für die Künstler der Bohème zu einem Rückzugsort in eine selbstgeschaffene, eine eigene Welt. Hier spiegelt sich die neue Freiheit der Avantgarde losgelöst von allen Konventionen der Gesellschaft. Eine von allen Zwängen befreite Kunst kann nur in einem von allen Zwängen befreiten Leben stattfinden. Das Atelier ist kreativer Raum, in dem Kunst geschieht und von den Wänden als Inspiration widerhallt. Die Räumlichkeiten der Künstler sind für uns teils durch Fotografien, aber auch durch ihre Kunst selbst belegt, in der das Atelier zum Bildraum wird. Eine reichhaltige Dekoration mit meist erotischer Wandbemalung, Wandbehängen, geschnitztem Mobiliar und Skulpturen von Naturvölkern bestimmt das Erscheinungsbild der Arbeitsräume der "Brücke"-Künstler. Auch Erich Heckel gestaltet sein 1910 bezogenes Atelier an der Falkenbrücke 2a in Dresden nach seiner Vorstellung, nachdem er Kirchner wohl bei dessen Atelierausstattung in der Berliner Straße behilflich war. Zunächst gibt es im Heckel-Atelier lediglich einen Vorhang mit einer Musterung aus aneinandergereihten Rechtecken, der, wie Schiefler nach einem Besuch im Atelier bemerkte, in Batiktechnik ausgeführt sein könnte. Die Farbigkeit des Vorhangs lässt sich aus dem Gemälde "Kinder" von 1910 ableiten, der rechts im Bildrand zu sehen ist. Eine Liege und ein Tisch komplettieren das Interieur und an der Wand hängt ein Gemälde. Im Laufe der Zeit wird die Dekoration des Heckel-Ateliers opulenter, auf späteren Arbeiten sind Paravents und ornamentale Wandbehänge zu erkennen. Der Arbeitsplatz der "Brücke"-Künstler wird so zur Bühne für gesellschaftliche und amouröse Begegnungen und zum bedeutenden Treffpunkt intellektuellen Lebens der Bohème-Kultur.



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Erich Heckel "Kinder"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.